Jun. 27th, 2021

blauerfalke: (geschichten)
von Nino Erné

Das Buch sieht genauso aus wie die, die man in den öffentlichen Bücherschränken immer stehen lässt, weil die ohnehin schon schwierige Ästhetik deutscher Covergestaltung bei Büchern aus den 70ern/frühen 80ern noch weniger einladend ist. Nichtssagend. Allenfalls abschreckend, weil sie "Achtung! Kunst!" suggeriert.

Das Buch enthält genau das, was der Titel verspricht, eine Sammlung von mehr oder weniger kurzen Geschichten aus vier Jahrzehnten. Schlaglichter. Szenen aus dem Leben. Einige haben eine zusammenhängende Handlung, einige sind einfach nur Beschreibungen. Einige haben Hinweise auf etwas, was vielleicht dahinterstehen könnte, also weiter zu denken ist, oder sogar ein Mysterium, eine könnte sogar eine Geistergeschichte sein. Andere sind so alltäglich und handlungsarm, dass ich mich frage, warum der Autor sich dazu entschieden hat, gerade das zu beschreiben. Einige sind zeitlich sehr deutlich einzuordnen, gerade die aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, einige sind so zeitlos, dass sie auch heute spielen könnten. Eine große Brandbreite realistischer, menschlicher Beobachtung. Gut zu lesen, auch unterhaltsam, aber nicht berührend genug, dass ich das Buch ein zweites Mal lesen würde. Trotzdem sehr viel besser, als das Cover es vermuten lässt. Und es ist ja auch gut, mal was Anderes zu lesen.

Eins möchte ich noch sagen, auf einer anderen Ebene: Die neueste Geschichte ist von 1981. Der Blick fast aller Erzähler auf das, wie eine Frau sich in der Gesellschaft zu verhalten hat, zeigt das bei allen Geschichten sehr deutlich. Egal, ob der Erzähler ein Mann ist, der sich dann immer gerne über Beine, Kleidung, Haare und den Konsum von Zigaretten oder Alkohol der Frau auslässt, oft auch mit entsprechend deutlichen Urteilen, oder ob der Erzähler eine Frau ist, die dann emotionslos zur Kenntnis nimmt, dass sie so betrachtet und abgeurteilt wird oder halt damit rechnen muss, dass sie bei einer Zugreise betatscht wird, wenn sie sich nicht ins Frauenabteil setzt. Das ist halt die Ordnung der Welt. Das Weib ist da, dem Manne zum Amüsement - es ist in den meisten Geschichten nicht dominant oder im Vordergrund (und es kommt auch nicht in jeder Geschichte überhaupt eine Frau vor), aber es zieht sich als unterschwelliger Tenor durch das Buch.
Das muss man im Kontext der Zeit lesen. Es ist nur schwieriger als bei anderen alten Büchern, eben weil es noch nicht so lange her ist, aber da kann das Buch nichts für.

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