Halle ist eine Stadt in der Nähe von Bielefeld (falls man daran glauben möchte, dass das existiert) im Kreis Gütersloh. Daher ist das Autokennzeichen GT, Halle hat kein eigenes. Im Gegensatz zu Halle an der Saale scheint Halle in Westfalen auch nur ein Adjektiv zu haben, nämlich "haller". Der hübsche Fachwerk-Stadtkern heißt "Haller Herz".
Halle hat etwas unter 22 000 Einwohner und ist damit sehr viel kleiner, als ich mir das vorgestellt hatte. Auch ist es sehr viel grüner, als ich mir das vorgestellt hatte, und hat recht wenig von der Industriestadt, die ich erwartet hatte. Der Stadtkern besteht wie gesagt aus Fachwerk und ist sehr hübsch, wenn auch klein, und drumrum gibt es vor allem Wohngebiete. Es gibt eine Alte Lederfabrik, die von Industrievergangenheit zeugt, in der heute Künstlerateliers ihre Heimat haben.
Auch ist es umstritten, ob der Name Halle etwas mit Salz zu tun hat, wie das bei quasi allen Städten mit "hal" irgendwo im Namen der Fall sein soll. In Halle wurde zwar gefördert, aber vor allem Kohle und Erz. Das ist heute natürlich lange vorbei, dafür ist die Stadt die Heimat von Storck (das sind die mit den Werthers Echten), Gerry Weber (die machen Mode) und der Kisker-Brennerei (wie der Name vermuten lässt, stellen die Hochprozentiges her).
Halle liegt an der A33 und hat einen Bahnhof. Dort hält die Regionalbahn, "Haller Willem" genannt. So heißt auch das Haller Stadtmagazin und beide beziehen sich auf eine Figur, die im Haller Herz ein Denkmal hat, einen Fuhrmann, der zweimal täglich zwischen Halle und Bielefeld pendelte und dabei Personen und Güter transportierte - eben bis die Eisenbahn kam und er damit überflüssig wurde. Er steht für Tugenden wie Zuverlässigkeit, ehrliche Arbeit und gute Laune.
Halles Beiname ist "die Lindenstadt", und das Stadtmotto ist "zum Wohlfühlen". Und es hat Städtepartnerschaften mit Ronchin (Frankreich) und Valmiera (Lettland).
Generell hat Halle sehr viel Kunst, in diversen Galerien, Ateliers, Parks und auch Museen. Eins davon ist das
Museum für Kindheits- und Jugendwerke bedeutender Künstler.
Es befindet sich mitten im Haller Herz, in einem Fachwerkhaus, das alleine schon eine Attraktion darstellt. Es ist von 1246 und gilt als das älteste Gebäude der Stadt - es war mal ein Getreidespeicher und hat darum Schießscharten, weil man den verteidigen können musste. Außerdem hat es zwei Kelleretagen - weil das Bodenniveau mal niedriger war - und diverse obere Etagen, Treppen, Galerien, verwickelte Ecken... sehr spannend. Haus und Museum sind in privater Hand und das Lebenswerk von Ursula Blaschke, einer sehr enthusiastischen, leidenschaftlichen und starken Frau, die beides vor fast 40 Jahren zu ins Leben gerufen hat. Das Haus restauriert und die Sammlung aufgebaut. Hut ab vor so viel Energie.
Auch heute ist noch sehr aktiv und führt ein Team von Ehrenamtlern an, die die Sammlung im Rahmen von sehr interessanten Führungen zugänglich machen.
Wie der Name schon sagt, zeigt das Museum Kindheits- und Jugendwerke berühmter Künstler, und ist damit das einzige weltweit. Und die Liste kann sich sehen lassen, denn sie reicht u.A. von Paul Klee über August Macke, Friedensreich Hunterwasser, Paula Modersohn-Becker und Otto Dix bis hin zu Pablo Picasso. Von einigen gibt es auch Erwachsenen-Werke, die neben den Frühwerken hängen, und bei einigen ist es auch amüsant zu sehen, wenn sich dabei Motive wiederholen. Das kann natürlich Zufall sein, aber bei einigen ist es wohl auch Programm, wenn sich das Bild eines Fuchses damit durch das gesamte Werk zieht.
Dazu gibt es einige Bereiche, die lokalen Künstler/innen vorbehalten sind, unter anderem den Nachlass von Irene Müller auf dem Dachboden, die aus Gütersloh stammt und mit dem Museum in ihren letzten Lebensjahren eine enge Beziehung unterhielt.
Passend zum Haus ist die Sammlung nicht ordentlich-steril ausgestellt, sondern in einer charmanten, zufällig und ein wenig chaotisch wirkenden Präsentation, die sich nicht um Chronologie oder Stile kümmert. Die Namen der Künstler stehen auf kleinen Zetteln neben oder an den Bildern, an einigen Türrahmen hängen Fotos oder Zitate der Künstler, Kunst steht in den Ecken, auf Treppenstufen, an andere Kunst gelehnt... Es wirkt lebendig, und irgendwie passt es dazu, dass das Thema des Hauses Kunst ist, die von Minderjährigen geschaffen wurde. Es hat etwas Spielerisches, Junges.
Und natürlich ist es auch bei einigen Bildern beeindruckend zu sehen, zu was einzelne Künstler da teilweise in wirklich sehr jungen Jahren schon in der Lage waren. (Auf der anderen Seite gibt es aber auch Bilder, die sich durch nichts von denen anderer Kinder unterscheiden - was auf gewisse Weise auch schön zu sehen ist.)
Halle und das Museum passen gut zusammen. Lebendig, freundlich, ein bisschen ungewöhnlich. Und begeistert.