Rebecca

Sep. 3rd, 2017 11:48 am
blauerfalke: (erzählen)
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Musical von Sylvester Levay und Michael Kunze nach dem gleichnamigen Roman von Daphne Du Maurier

Es spielt die Freilichtbühne Tecklenburg.


Ich habe den Roman nicht gelesen, aber ich weiß immerhin, dass er in der ersten Person geschrieben ist und der Vorname der Hauptperson niemals fällt. Tut er auch im Musical nicht. Sie heißt selbst in der Castliste "Ich". Grob gesagt geht es darum, dass die naive "Ich" den reichten Witwer Maxim de Winter heiratet und sich auf seinem Landsitz Manderley mit der Haushälterin Mrs. Danvers konfrontiert sieht, die das Andenken an Frau Nummer I, die titelgebende Rebecca, hoch hält. Sie integriert gegen die Neue, dann wird ein gesunkenes Boot mit der Leiche von Rebecca gefunden und Maxim steht unter Mordverdacht. "Ich" steht ihm bei und am Ende brennen Manderley und Mrs. Danvers.
Immerhin wusste ich genug von der Handlung, um von nichts wirklich überrascht zu sein. Allenfalls davon, dass Ben, der - ich nenne ihn jetzt mal so - Dorftrottel mit seiner "versunken, ertrunken"-Strophe vollkommen überflüssig war. Egal, ob Maxim Rebecca nun ermordet hat oder nicht, versunken und ertrunken wäre sie ja trotzdem. Das tut also gar nichts zu Sache.

Und damit sind wir auch schon beim Thema: Das Stück hat Schwächen. Starke Schwächen. Das es stellenweise klingt wie "Mozart!", kann ich verkraften, es ist immerhin derselbe Komponist. Dass die Texte stellenweise klingen, als hätte Herr Kunze einfach keine Lust gehabt, wundert mich da schon eher. Denn eigentlich ist Herr Kunze ein sehr guter Lyriker mit interessanten Texten und guten Reimen. Aber hier bewegen wir uns mit Reimen von "Chance" auf "Elegance" in etwa wieder auf dem Niveau seiner "Geplärr" auf "Yorkshire Terrier"-Reime von Cats.
Auch schafft das Buch es einfach nicht, so etwas wie eine Handlung aufzubauen, geschweige denn, sie in Fahrt zu bringen. Die erste halbe Stunde vergeht mit dem Kennenlernen und Heiraten der beiden Hauptpersonen, was naturgemäß hektisch und übereilt wirkt, denn bevor sie nicht geheiratet haben, kann die eigentliche Handlung nicht beginnen, also ist das nur Vorgeplänkel, das abgearbeitet werden muss. Und weil es eben nur Vorgeplänkel ist, zieht es sich trotz aller Eile und Hektik wie Kaugummi und man hofft, dass sie bald mit der Handlung anfangen. Was man zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Sie werden nie damit anfangen.
Denn das ganze Stück besteht fast ausschließlich aus beschreibenden Songs. Viele davon sind sehr schön, keine Frage, und Mrs. Danvers "Rebecca"-Thema hat echte Showstopper-Qualitäten, aber das Konzept hält alles auf einer Beobachtungsebene. Alle singen davon, was war, was sein könnte, was sein wird, oder über generelle Konzepte wie "mit einer Hochzeit kriegt man immer alle Verwandten dazu", "ich bin Amerikanerin, darum bin ich unkonventionell" oder "eine Frau, die liebt, versetzt Berge, um ihren Mann zu beschützen". Die Höhepunkt der Belanglosigkeit wird mit einem Lied über Erpressung erreicht, das als vorletztes gesungen wird, von einer Rolle, die bis dahin gar nicht gesungen hatte - ich habe mich tatsächlich gefragt, ob sie den Song da reingepackt haben, weil die Rolle auch ein Lied brauchte. Vielleicht hat der Schauspieler der Originalbesetzung gemeutert, wenn er keins bekam...
Also, schöne Melodien, aber irgendwie wurde es nicht zu einem dichten, funktionierenden Stück.

Daran konnte auch die gute Cast nichts retten. Wie schon im Vorjahr singt Milica Jovanovic (damals Guinevere, diesmal "Ich"), die durch alle Höhen und Tiefen treu, stark und optimistisch bleibende Ehefrau mit wunderschöner lyrischer Stimme. Naiv und idealistisch, aber trotzdem stark hat sie eine Rolle, die sogar ein bisschen Entwicklung bekommt, kann also tatsächlich etwas daraus machen.
Ihr zur Seite steht Jan Ammann als Maxim de Winter, der eine Rolle hat, in der er wahlweise Haltung bewahren und herumstehen muss - schließlich ist Maxim ein echter britischer Gentleman, dem Ehre und Ruf über alles gehen - oder in einem unverständlichen Wutanfall herumbrüllen. Das gibt nicht gerade viel her, und Maxim wirkt dadurch auch nicht mysteriös oder gar interessant. Bei den beiden großen Zusammenbrüchen artikuliert Herr Ammann leider eher undeutlich, so dass man sich sehr anstrengen muss, um zu verstehen, was er uns sagen will. Ich bezweifle allerdings, dass mir eine deutlichere Aussprache sein großes Solo im ersten Akt verständlicher gemacht hätte. Wie Maxim fragt man sich das ganze Lied über "Warum?". Warum macht er das, warum ist dieses Stück so konfus, und warum muss er jetzt einen Song darüber singen, dass er verwirrt ist, wenn wir alle wissen, dass er sehr genau weiß, was letzten Sommer passiert ist?

Auch wieder mit von der Partie ist Roberta Valentini, die Morgana aus "Artus - Excalibur", die dieses Mal mit Maxims Schwester Beatrice eine Rolle spielt, die ihr keine Chance gibt, ihre Stimmgewalt zu zeigen. Also macht ihr die Partie keinerlei Mühe und sie spielt und singt "Ich"s einzige Freundin mit Energie, Elan und der Begeisterung unerschütterlichen Optimismus'. Eine flache Rolle, aber wenigstens eine sympathische.
Auf etwa gleicher Ebene bewegt sich Thomas Hohler als Maxims bester Freund Frank. Sympathische Rolle, ein hübscher Song, schön gesungen.

Robert Meyer spielt Jack Favell, Rebeccas Liebhaber - ja, er ist der mit dem "Erpressung"-Song. Die Rolle hätte ohne den Song ganz genauso funktioniert, aber Herr Meyer hätte halt nichts zu singen gehabt... Gut gespielt, aber mit drei Kurzauftritten kann man ihn nicht wirklich als Bedrohung empfinden.
Anne Welte als Mrs. van Hopper, die Amerikanerin auf Männerfang, ist gewohnt stark, komisch und voller Energie in einer Rolle, die genau in ihr Repertoire passt und damit beim Publikum super ankommt.

Und jetzt zum Star des Abends: Pia Douwes als Mrs. Danvers. Wie schon erwähnt hat Mrs. Danvers den Showstopper-Song. Auch ihr zweiter ist einer von den stärkeren. Sie ist die treibende Kraft hinter allen Intrigen gegen "Ich", darum ist sie der Haupt-Antagonist, und warum sie Rebecca über den Tod hinaus treu ist und sie vergöttert, weiß niemand und wird auch nicht erklärt, aber das macht sie bedrohlich. Die Rolle ist also tatsächlich dazu angelegt, mit Kälte, Strenge und einem latenten Touch von Wahnsinn etwas daraus zu machen, was wirklich Eindruck hinterlässt.
Pia Douwes ist seit fast 30 Jahren die weibliche Nummer 1 auf Deutschlands Musicalbühnen. Sie ist eine Darstellerin, die eine Bühne nur zu betreten braucht, damit es ihre Bühne ist. Sie braucht nicht einmal den Mund aufzumachen, um das Zentrum einer Szene zu sein. Auch ohne dass Leute ihren Auftritt spontan mit Applaus, Gekreische und Aufspringen begleiten (finde ich immer störend). Frau Douwes ist immer ein guter Grund dafür, sich egal welches Stück anzusehen, und das beweist sie auch hier wieder. Gesanglich top, ausdrucksstark... sogar beim Schlussapplaus merkte man noch, dass sie eine ganz eigene Liga ist, was Talent und Können angeht. Toll.

Das Ensemble war wie erwartet gut, unterstützt von Tecklenburgs wie immer großartiger Statisterie. Die Regie war auf die Idee verfallen, die drohende Schatten von Rebecca durch schwarzgekleidete Tänzer und Tänzerinnen mit schwarzen Schleiern darzustellen - eine an sich sehr gute Idee, sie wirkte düster, trug zur bedrohlichen Atmosphäre bei und zur deutlichen Erhellung der Stimmung, als sie im zweiten Akt plötzlich verschwanden. Leider musste auch einer ihrer Tänzer ein Solo von "Ich" im ersten Akt im Hintergrund tänzerisch vollgebärden, was ich nicht leiden kann, weil es von der Protagonistin und dem, was sie zu sagen hat, ablenkt. Und bei einer anderen Szene tanzte ein Schatten in Rebeccas Nachthemd, was an sich eine sehr gute und gruselige Idee ist (zumal sie in gleicher Gewandung ganz am Ende Mrs. Danvers ins brennende Manderley hineinzerrt) - aber das lenkte auch wieder von einer Reaktion von "Ich" ab, die ich darum nicht mitbekommen habe. Ja, es ist ein Stück, in dem die Hauptperson Staffage und nur die Antagonistin interessant ist, aber muss man das so deutlich betonen?

Insgesamt hat Tecklenburg wieder tolle Arbeit geleistet, aber das Stück kann den Anforderungen einfach nicht gerecht werden. Nächstes Jahr spielen sie "Les Misérables" und "Spamalot", da wird das Problem nicht auftreten. Dafür aber das Problem, wie ich es hinkriege, beides zu sehen zu bekommen...
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