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Arthurian Myth and Alchemy

von Walter Johannes Stein


Es handelt sich um eine übersetzte und gekürzte Ausgabe, denn wie der Name des Autors erwarten lässt, ist er deutschsprachig (Österreicher, um genau zu sein). Das Werk erschien 1984 erstmalig als "Der Tod Merlins" und ist eine Zusammenstellung aus Aufsätzen und Artikeln, die Herr Stein sehr viel früher geschrieben hat, denn er ist bereits 1957 verstorben. Er ist ein Schüler von Rudolf Steiner, dem prominentesten Anthroposophen und Erfinder der Waldorf-Schulen, an deren erster in Stuttgart Herr Stein auch gelehrt hat. Geschichte und Deutsche Literatur, was ihm beides vorher fremd war, denn Herr Steiner setzte seine Lehrer gerne in Gebieten ein, die für sie fremd waren, damit sie mit einem frischen Blick auf die Sache unterrichten konnten. All das und auch die Tatsache, dass Goethe für die Anthroposophie extrem wichtig ist, erfahren wir aus Herrn Steins Biographie, die das erste Drittel des Buches einnimmt.

Gleichzeitig liefert diese Biographie gewisse Grundgedanken der Alchemie, die später im Buch noch sehr nützlich sein werden. So man sie denn behalten hat. Herr Stein ist offenbar sehr gebildet in seiner Materie und in der Quellenlage, außerdem entstammt er einer Generation, die gerne im Original zitiert und nur selten die Übersetzung anbietet, weil davon ausgegangen werden kann, dass der Leser das Original - ob nun Latein oder Altgriechisch - lesen und verstehen kann. Lobend erwähnen möchte ich aber, dass die Quellen auch immer deutlich angegeben sind, das Zitat aus dem Paulus-Brief zum Beispiel konnte ich ohne jedes Problem in meiner meiner Einheitsübersetzung der Bibel nachschlagen.

Ich fand es sehr schwer zu lesen. Ich kenne mich in Alchemie und der Suche nach dem Stein der Weisen ein wenig aus, das hilft, aber nicht genug, um die feineren Argumentationen nachvollziehen oder gar verstehen zu können. Wahrscheinlich ist das ohne eine entsprechende Ausbildung und jahrelanges Meditieren auch gar nicht möglich - das Werk ist nicht für Einsteiger geschrieben, auch wenn Herr Stein sich deutlich Mühe gibt, Begriffe wie die Vierfaltigkeit des Menschlichen Wesens anschaulich zu erklären. Daher bleiben mir vor allem plakative Ideen im Gedächtnis, was dem Werk in seiner Absicht sicherlich nicht gerecht wird.

1. Der Stein der Weisen ist der Mensch. Die Erschaffung des Steins der Weisen wird in einem Gedicht beschrieben, das Herr Stein abdruckt und erklärt. Für mich als Uneingeweihten ist das natürlich nicht nachzuvollziehen, aber es geht im Grunde darum, dass der Mensch aus Kohlenstoff besteht, also schwarz beginnt, und sich dann durch Lernen und Meditieren zu einem Diamanten entwickelt, der in allen Farben schillert, so dass sie zum rosigen Ton der Haut verschmelzen. Der Stein der Weisen wird normalerweise als rot beschrieben, dass ist ein eher irreführender Verweis auf das Blut.

Ich persönlich finde es etwas engstirnig, damit nur rosenfarbige Menschen zum Stein der Weisen zu erklären (man muss das im Kontext der Zeit lesen...), und unterhaltsam, dass Herr Stein explizit jeden Gebrauch von make up und Schminke verdammt, weil es die natürlichen Farbwechsel der menschlichen Haut überdeckt und verfälscht. Da Herr Stein offensichtlich ausschließlich für Männer schreibt (auch das muss man im Kontext der Zeit lesen...) ist es gut zu wissen, dass der alchemistische Adept das Schminken lassen soll.
Das Bild, dass Kohlenstaub und Diamanten beide aus Kohlenstoff bestehen und man darum den Kohlenstaub nicht geringschätzen soll, mochte ich.

2. Thomas Malory war Rosenkreuzer. Das erkennt man an Buch 7 von "Morte d'Arthur", dem einzigen Buch, das Herr Malory ohne jede Inspirationsquelle selbst erfunden hat. Es handelt sich dabei um die Geschichte von Beaumains, der sich vom kohlenstaubbedeckten Küchenjungen zum strahlenden Helden entwickelt und dabei eine Reihe von Rittern in verschiedenfarbigen Rüstungen besiegt, die die verschiedenen Schritte der Einweihung in das alchemistische Geheimnis darstellen. Am Ende hat der Ritter all das gemeistert und erhält einen Ring, der ihm erlaubt, alle Farben zu wechseln und zu verändern. Eben in allen Farben zu schillern wir der Diamant. Herr Malory konnte das nur schreiben, weil er mit den Lehren von Basilius Valentinus vertraut war.

Ich persönlich möchte die Theorie nicht abstreiten, aber auch anmerken, dass man in jede Geschichte quasi alles hineininterpretieren kann. Und während Herr Malory für Buch 7 wohl tatsächlich keine einzelne erkennbare Quelle gehabt hat - als einzigen Teil seines Werks - so gibt es doch diverse ältere Geschichten, die deutliche Parallelen aufweisen. Aber das muss ja nicht heißen, dass die nicht rosenkreuzerischen Ursprungs sind.

3. Die Geschichte von Tristan und Isolde stellt dar, wie der Mensch seine Beziehung zur Göttlichkeit verliert und sich der Welt zuwendet. Außerdem, dass der Mensch seine Beziehung zur Göttlichkeit nur über die Musik finden kann. Außerdem hat die Geschichte ihren Ursprung in der griechischen Sage, denn auch dort ist Paris mit der Göttlichkeit verheiratet - mit der Flussnymphe Oenone - und wendet sich dann der Weltlichkeit und damit Helena zu. Beide, Tristan und Paris, werden am Ende schwer verwundet, und beide, Isolde und Oenone, kommen zu spät, um ihre Geliebten zu retten, so dass sie nur im Tod vereint werden können. Eine weitere Parallele findet sich darin, dass Tristan gegen Morholt kämpft, weil Cornwall keinen Tribut mehr zahlen will, und Theseus gegen den Minotaurus, damit Athen keinen mehr zahlen muss.
Und nicht zu vergessen gibt es in Tristan und Isolde diesen kleinen Hund, den er ihr geschenkt hat, und der ihn auch als Wilden Mann wiederkennt. Dieser Hund schillert in allen Farben, so dass er insgesamt rosenfarben erscheint.

Die Farbe des Hundes war mir entfallen, aber da Herr Stein die entsprechende Stelle zitiert, muss ich das wohl glauben. Mir war auch nicht klar, dass Irland den Tribut von Cornwall in Jünglingen haben wollte, nicht in Geld. Und dass Tristans Harfe "Schwalbe" heißt und aus dem Schatz stammt, den Gawain vom Zauberer Klingsor gewonnen hat, als er die Burg der Jungfrauen befreite, war mir auch neu. Ich glaube, ich interessiere mich einfach nicht genug für Tristan und Isolde, um all diese Details zu behalten.

Falls sich jetzt jemand fragt, warum das Buch "Der Tod Merlins" heißt... ja, Merlin kommt ab und an mal vor, und auch die Sache mit der Nymphe, die ihn irgendwo einsperrt hat etwas mit Erleuchtung zu tun, aber ich denke, es geht vor allem darum, dass es die Aufgabe unseres Zeitalters ist, die mittelalterliche Ordnung zu beenden und eine weiterentwickelte, friedliche Gemeinschaft aller Menschen aufzubauen. Merlin steht für diese alte Ordnung aus Blut, Magie, Feudalsystem etc., darum muss er sterben.
Es sind eine sehr interessante Gedanken dabei, und ab und an ist es bitter zu sehen, wie wenig sich die Hoffnungen von Herrn Stein 60 Jahre später erfüllt haben. Wir sind halt wohl doch noch nicht so weit, wie er angenommen hat.
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