And the Band played on
Jun. 5th, 2021 01:19 pmvon Randy Shilts
Vor ziemlich genau 40 Jahren trat weltweit eine neue Epidemie auf (Ist es dann nicht schon eine Pandemie? Ich meine, weltweit... Aber das Buch spricht durchgänig von einer Epidemie, also werde ich es bei dem Wort belassen.). Das große Glück war, dass sie sich nicht wie die aktuelle Pandemie über Aerosole verbreiten konnte. Denn das große Pech war die einfache Prognose der Krankheit: Bei wem die ausbricht, der stirbt. Und zwar durchschnittlicher in weniger als zwei Jahren. Es gab keine Therapie. Der Name der Epidemie war Schwulenkrebs. Heute heißt sie politisch korrekter HIV. Oder, wenn sie ausbricht, AIDS.
Das Buch ist von 1987. Mr. Shilts war Reporter, hat zur Zeit der Epidemie für eine Zeitung in San Franzisco gearbeitet, war also vor Ort. Wann er entschieden hat, den Verlauf quasi Tag für Tag festzuhalten, weiß ich nicht, aber genau so ist das Buch aufgebaut. Wie ein Tagebuch. Fakten, Interviews, Berichte und dazwischen Schicksale, die sich in einer semi-romanartigen Form durch das Buch ziehen. Natürlich sind die Dialoge darin Fiktion, aber alle diese Leute hat Mr. Shilts interviewed, um sie porträtieren zu können, also stimmen die Hintergrundfakten, ihre Motivationen und Gedanken. Es geht darum, das Buch leichter zu lesen zu machen, den Leser bei der Stange zu halten und für das Problem zu interessieren. Wie gesagt, es ist von 1987. Erst ein Jahr vorher wurde AIDS für die "general public" von Amerika interessant, weil Rock Hudson an der Krankheit starb und weil er der erste war, der zugab, daran zu sterben. Plötzlich gab es einen Aufhänger, mit dem heterosexuell orientierte Zeitungen etwas anfangen konnten. Nicht vergessen, zu diesem Zeitpunkt war homosexueller Sex in vielen (Bundes)Staaten noch eine Straftat.
Die eigentliche Epidemie begann 1981, aber die ersten Toten gab es schon in den 1970ern. Die Zeitspanne scheint also überschaubar, aber die beinahe 700 Seiten sind so voll von Namen, Daten, Zahlen, Behörden, Zeitungen etc., dass man Mr. Shilts wirklich Achtung dafür zollen muss, dass er all das so präsentiert, dass man immer wieder daran erinnert wird, wer wer ist und was die Rolle dieser Person ist, ohne dass man dabei das Gefühl hat, er würde sich ständig wiederholen. Generell schreibt er einen klaren, flotten Stil, ein gut geschulter Journalist eben. Er balanciert Fakten und Schicksale, ohne dabei reißerisch zu werden, so dass man oft das Gefühl hat, einen Medizinkrimi zu lesen anstatt ein Fachbuch. Sogar Humor gibt es. Und eine Menge Respekt und Bewunderung für alle diese Menschen - man darf nie vergessen, dass jeder in diesem Buch Mr. Shilts zu dem einen oder anderen Zeitpunkt Zeit geopfert hat, für ein Interview oder auch mehrere. Zeitpunkte und Art dieser Interviews kann man im Anhang nachlesen. Wie gesagt, Fakten.
Es ist ein knallhartes Buch. Es ist ein nachdenkliches Buch. Es ist ein Buch, in dem man hofft, auch wenn man weiß, dass es keine Hoffnung gibt. In dem man versteht, wenn jemand einem Politiker in "typischer Zurückhaltung" seinen Drink ins Gesicht kippt. In dem man einen Arzt bewundert, Jahr um Jahr forscht und sucht, ohne den einen Beweis zu finden, von dem er glaubt, dass der die Leute überzeugen wird. In dem man sich fragt, wie irgendwer jemals auf die Idee kommen konnte, dass die Krankheit von inhalativen Drogen ausgelöst sein könnte, oder wie jemand allen Ernstes "Es ist Schwulenkrebs. Diese Babys sind nicht schwul, also ist das die falsche Diagnose." für ein Argument halten konnte. Ein Buch aus einer Zeit, zu der alle Welt darauf wartete, dass Amerika das Problem löst, weil Amerika die technisch fortschrittlichste Nation der Welt war, während Amerika das Problem zu ignorieren versuchte, weil es nur Bevölkerungsgruppen zu betreffen schien, die niemanden interessierten. Homosexuelle, Drogenabhängige, Haitianer. "Was ist das größte Problem, wenn deine Frau entdeckt, dass du AIDS hast? Sie davon zu überzeugen, dass du aus Haiti kommst." Ein Buch aus einer Welt, in der sowas ein salonfähiger Witz war. Und nicht nur darum ist es auch ein sehr politisches Buch.
Es ist auch ein amerikanisches Buch, in dem Europa nur eine Randnotiz ist - ohne dabei die Leistung des Instituts Pasteur zu schmälern, die in nur acht Monaten das Virus gefunden und isoliert haben, und die die ersten waren, die versucht haben zu therapieren, während die ganze Welt noch darauf wartete, dass ein amerikanischer Wissenschaftler bestätigt, dass sie Recht haben. AIDS war die erste moderne Epidemie, in der der Streit über doppelblind und placebokontrolliert absurd war, aber trotzdem geführt wurde. Es war im Grunde egal, was man den Patienten gab, schlimmer werden konnte es ja nicht. Auch das ist etwas, was wir in den letzten 40 Jahren vergessen haben.
Da wir gerade wieder in einer Pandemie stecken, ist es auch ein erschreckend aktuelles Buch. All die Argumente, die man ständig hört, sind da. Es gibt keine Pandemie, es gibt keine Viren, das ist alles eine Verschwörung, es ist die Regierung/die Wasserwerke(heute:Bill Gates), das Tragen von Kondomen(heute: Masken) ist Freiheitsberaubung, ich habe ein Recht, Sex zu haben/zum Friseur zu gehen/essen zu gehen/andere anzustecken... Die Menschheit an sich hat nichts gelernt. Auch die Auswirkungen, die eine einzige Falschmeldung damals hatte, lassen sich heute wiederholen, nur potenziert, weil Social Media damals Zukunftsmusik war.
Aber irgendwo hofft man doch, dass wir etwas gelernt haben. Zusammenarbeit. Nicht Prestige über Erkenntnis setzen. Differenzen beilegen, um gemeinsam etwas zu schaffen. Und man fürchtet, dass es nicht so ist.
Aber am Ende können wir wahrscheinlich einfach nur froh sein, dass Covid-19 kein unbekanntes neues Virus ist, sondern eines, von dem wir schon Varianten kennen. Nicht nur, weil das die Suche nach und die Produktion eines Impfstoffs rasant beschleunigt hat (zusammen mit der Tatsache, dass diesmal klar war, dass es mit dem Impfstoff extrem viel Geld zu verdienen geben würde, aber trotzdem), sondern auch, weil wir diesmal kein Internationales Kommitee brauchen, das am Ende entscheidet, welche Forschungsgruppe damit Recht hat, zu welcher Familie der Virus gehört. Damals war es der Underdog, der Recht hatte, während die Welt sich sicher war, dass es der weltbekannte Fachmann war. Resultat: Verlorene Zeit. Und Zeit, wie wir alle wissen, ist das Wichtigste in einer Pandemie. Flatten the Curve. (Oder besser noch, verhindere, dass mehr Menschen infiziert werden...)
Viele Dinge, die im Buch stehen, wusste ich. Mindestens ebenso viele wusste ich nicht. Bei vielen Dingen war ich überrascht, wie jung die Entdeckungen sind, die zu Wissen führten, das ich in Schule und Studium als selbstverständlich gelernt habe. Es ist Geschichte, die so nah ist, dass sie zu meinem Leben zählt. 1981 war ich gerade im Schulalter, aber ich bin aus einer Generation, bei der das Wort "positiv" als Diagnose eben nicht Covid bedeutet, und auch jetzt stolpere ich darüber immer wieder mal. Darum finde ich es schon irgendwie erstaunlich, wie sehr eine Krankheit, die mich persönlich nicht betroffen hat, und die heute (auch wenn es weiterhin weder Impfung noch Heilung gibt) "ferner liefen" ist, meine persönliche Biographie geprägt hat. Über die allgegenwärtigen "Gibt AIDS keine Chance"-Plakate damals hinaus. Die heutigen Plakate sind da allgemeiner gefasst, wir haben ja seit ein paar Jahren wieder eine Kampagne gegen sexuell übertrabare Krankheiten.
Ich würde das Buch also jedem empfehlen, der bereit ist, sich fast 700 Seiten mit sowas herumzuschlagen... nicht, dass ich da jemandem kennen würde. Es ist ja eben kein medizinisches Fachbuch, sondern eine Chronologie einer Epidemie in einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Mr. Shilts ist übrigens 1994 verstorben, kurz nachdem sein Buch mit einer Star-Cast verfilmt wurde. Woran, brauche ich sicher nicht mehr zu sagen.
PS: "And the Band played on" ist ein Verweis auf die Legende, dass die Band der "Titanic" stur und tapfer weiterspielte, als das Schiff sank. Weitermachen und so tun, als wäre alles so wie immer.
Vor ziemlich genau 40 Jahren trat weltweit eine neue Epidemie auf (Ist es dann nicht schon eine Pandemie? Ich meine, weltweit... Aber das Buch spricht durchgänig von einer Epidemie, also werde ich es bei dem Wort belassen.). Das große Glück war, dass sie sich nicht wie die aktuelle Pandemie über Aerosole verbreiten konnte. Denn das große Pech war die einfache Prognose der Krankheit: Bei wem die ausbricht, der stirbt. Und zwar durchschnittlicher in weniger als zwei Jahren. Es gab keine Therapie. Der Name der Epidemie war Schwulenkrebs. Heute heißt sie politisch korrekter HIV. Oder, wenn sie ausbricht, AIDS.
Das Buch ist von 1987. Mr. Shilts war Reporter, hat zur Zeit der Epidemie für eine Zeitung in San Franzisco gearbeitet, war also vor Ort. Wann er entschieden hat, den Verlauf quasi Tag für Tag festzuhalten, weiß ich nicht, aber genau so ist das Buch aufgebaut. Wie ein Tagebuch. Fakten, Interviews, Berichte und dazwischen Schicksale, die sich in einer semi-romanartigen Form durch das Buch ziehen. Natürlich sind die Dialoge darin Fiktion, aber alle diese Leute hat Mr. Shilts interviewed, um sie porträtieren zu können, also stimmen die Hintergrundfakten, ihre Motivationen und Gedanken. Es geht darum, das Buch leichter zu lesen zu machen, den Leser bei der Stange zu halten und für das Problem zu interessieren. Wie gesagt, es ist von 1987. Erst ein Jahr vorher wurde AIDS für die "general public" von Amerika interessant, weil Rock Hudson an der Krankheit starb und weil er der erste war, der zugab, daran zu sterben. Plötzlich gab es einen Aufhänger, mit dem heterosexuell orientierte Zeitungen etwas anfangen konnten. Nicht vergessen, zu diesem Zeitpunkt war homosexueller Sex in vielen (Bundes)Staaten noch eine Straftat.
Die eigentliche Epidemie begann 1981, aber die ersten Toten gab es schon in den 1970ern. Die Zeitspanne scheint also überschaubar, aber die beinahe 700 Seiten sind so voll von Namen, Daten, Zahlen, Behörden, Zeitungen etc., dass man Mr. Shilts wirklich Achtung dafür zollen muss, dass er all das so präsentiert, dass man immer wieder daran erinnert wird, wer wer ist und was die Rolle dieser Person ist, ohne dass man dabei das Gefühl hat, er würde sich ständig wiederholen. Generell schreibt er einen klaren, flotten Stil, ein gut geschulter Journalist eben. Er balanciert Fakten und Schicksale, ohne dabei reißerisch zu werden, so dass man oft das Gefühl hat, einen Medizinkrimi zu lesen anstatt ein Fachbuch. Sogar Humor gibt es. Und eine Menge Respekt und Bewunderung für alle diese Menschen - man darf nie vergessen, dass jeder in diesem Buch Mr. Shilts zu dem einen oder anderen Zeitpunkt Zeit geopfert hat, für ein Interview oder auch mehrere. Zeitpunkte und Art dieser Interviews kann man im Anhang nachlesen. Wie gesagt, Fakten.
Es ist ein knallhartes Buch. Es ist ein nachdenkliches Buch. Es ist ein Buch, in dem man hofft, auch wenn man weiß, dass es keine Hoffnung gibt. In dem man versteht, wenn jemand einem Politiker in "typischer Zurückhaltung" seinen Drink ins Gesicht kippt. In dem man einen Arzt bewundert, Jahr um Jahr forscht und sucht, ohne den einen Beweis zu finden, von dem er glaubt, dass der die Leute überzeugen wird. In dem man sich fragt, wie irgendwer jemals auf die Idee kommen konnte, dass die Krankheit von inhalativen Drogen ausgelöst sein könnte, oder wie jemand allen Ernstes "Es ist Schwulenkrebs. Diese Babys sind nicht schwul, also ist das die falsche Diagnose." für ein Argument halten konnte. Ein Buch aus einer Zeit, zu der alle Welt darauf wartete, dass Amerika das Problem löst, weil Amerika die technisch fortschrittlichste Nation der Welt war, während Amerika das Problem zu ignorieren versuchte, weil es nur Bevölkerungsgruppen zu betreffen schien, die niemanden interessierten. Homosexuelle, Drogenabhängige, Haitianer. "Was ist das größte Problem, wenn deine Frau entdeckt, dass du AIDS hast? Sie davon zu überzeugen, dass du aus Haiti kommst." Ein Buch aus einer Welt, in der sowas ein salonfähiger Witz war. Und nicht nur darum ist es auch ein sehr politisches Buch.
Es ist auch ein amerikanisches Buch, in dem Europa nur eine Randnotiz ist - ohne dabei die Leistung des Instituts Pasteur zu schmälern, die in nur acht Monaten das Virus gefunden und isoliert haben, und die die ersten waren, die versucht haben zu therapieren, während die ganze Welt noch darauf wartete, dass ein amerikanischer Wissenschaftler bestätigt, dass sie Recht haben. AIDS war die erste moderne Epidemie, in der der Streit über doppelblind und placebokontrolliert absurd war, aber trotzdem geführt wurde. Es war im Grunde egal, was man den Patienten gab, schlimmer werden konnte es ja nicht. Auch das ist etwas, was wir in den letzten 40 Jahren vergessen haben.
Da wir gerade wieder in einer Pandemie stecken, ist es auch ein erschreckend aktuelles Buch. All die Argumente, die man ständig hört, sind da. Es gibt keine Pandemie, es gibt keine Viren, das ist alles eine Verschwörung, es ist die Regierung/die Wasserwerke(heute:Bill Gates), das Tragen von Kondomen(heute: Masken) ist Freiheitsberaubung, ich habe ein Recht, Sex zu haben/zum Friseur zu gehen/essen zu gehen/andere anzustecken... Die Menschheit an sich hat nichts gelernt. Auch die Auswirkungen, die eine einzige Falschmeldung damals hatte, lassen sich heute wiederholen, nur potenziert, weil Social Media damals Zukunftsmusik war.
Aber irgendwo hofft man doch, dass wir etwas gelernt haben. Zusammenarbeit. Nicht Prestige über Erkenntnis setzen. Differenzen beilegen, um gemeinsam etwas zu schaffen. Und man fürchtet, dass es nicht so ist.
Aber am Ende können wir wahrscheinlich einfach nur froh sein, dass Covid-19 kein unbekanntes neues Virus ist, sondern eines, von dem wir schon Varianten kennen. Nicht nur, weil das die Suche nach und die Produktion eines Impfstoffs rasant beschleunigt hat (zusammen mit der Tatsache, dass diesmal klar war, dass es mit dem Impfstoff extrem viel Geld zu verdienen geben würde, aber trotzdem), sondern auch, weil wir diesmal kein Internationales Kommitee brauchen, das am Ende entscheidet, welche Forschungsgruppe damit Recht hat, zu welcher Familie der Virus gehört. Damals war es der Underdog, der Recht hatte, während die Welt sich sicher war, dass es der weltbekannte Fachmann war. Resultat: Verlorene Zeit. Und Zeit, wie wir alle wissen, ist das Wichtigste in einer Pandemie. Flatten the Curve. (Oder besser noch, verhindere, dass mehr Menschen infiziert werden...)
Viele Dinge, die im Buch stehen, wusste ich. Mindestens ebenso viele wusste ich nicht. Bei vielen Dingen war ich überrascht, wie jung die Entdeckungen sind, die zu Wissen führten, das ich in Schule und Studium als selbstverständlich gelernt habe. Es ist Geschichte, die so nah ist, dass sie zu meinem Leben zählt. 1981 war ich gerade im Schulalter, aber ich bin aus einer Generation, bei der das Wort "positiv" als Diagnose eben nicht Covid bedeutet, und auch jetzt stolpere ich darüber immer wieder mal. Darum finde ich es schon irgendwie erstaunlich, wie sehr eine Krankheit, die mich persönlich nicht betroffen hat, und die heute (auch wenn es weiterhin weder Impfung noch Heilung gibt) "ferner liefen" ist, meine persönliche Biographie geprägt hat. Über die allgegenwärtigen "Gibt AIDS keine Chance"-Plakate damals hinaus. Die heutigen Plakate sind da allgemeiner gefasst, wir haben ja seit ein paar Jahren wieder eine Kampagne gegen sexuell übertrabare Krankheiten.
Ich würde das Buch also jedem empfehlen, der bereit ist, sich fast 700 Seiten mit sowas herumzuschlagen... nicht, dass ich da jemandem kennen würde. Es ist ja eben kein medizinisches Fachbuch, sondern eine Chronologie einer Epidemie in einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Mr. Shilts ist übrigens 1994 verstorben, kurz nachdem sein Buch mit einer Star-Cast verfilmt wurde. Woran, brauche ich sicher nicht mehr zu sagen.
PS: "And the Band played on" ist ein Verweis auf die Legende, dass die Band der "Titanic" stur und tapfer weiterspielte, als das Schiff sank. Weitermachen und so tun, als wäre alles so wie immer.