blauerfalke: (geschichten)
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von Viktor Hugo

Das ist auch eins von den Büchern, von denen man immer glaubt, ganz genau zu wissen, was drinsteht. Und wie immer ist das falsch.


Ich habe schon mal etwas von Viktor Hugo gelesen, "Les Misérables". Im Vergleich dazu ist "Der Glöckner von Notre Dame" geradezu eine Kurzgeschichte, in etwa 300 Seiten. Nur darum habe ich ihn überhaupt damals aus dem Bücherschrank geholt in der Absicht, ihn irgendwann mal zu lesen. Denn "Les Misérables" mag große Weltliteratur sein, aber es ist echt anstrengend.
Natürlich habe ich beide Werke in Übersetzung gelesen. Mein Französisch würde niemals ausreichen, ausgerechnet Viktor Hugo im Original zu lesen. Das wäre echt ein Fernziel.

Also, "Der Glöckner von Notre Dame". Wie wir alle wissen (oder glauben zu wissen), gibt es besagten entstellten Glöckner, der die schöne Zigeunerin Esmeralda liebt, die wiederum den heldenhaften Hauptmann Phöbus liebt, und den Bischof Frollo, der ebenfalls Esmeralda verfallen ist, sie aber wegen seines Geblübtes nicht haben kann und darum verhindern will, dass jemand anders sie bekommt. Er lässt sie also der Zauberei anklagen, der Glöckner versteckt sie in Notre Dame, am Ende fällt Frollo vom Dach der brennenden Kirche. Im Disney-Film bekommt Esmeralda ihren Phöbus, aber dass das geschönt ist, wusste ich. Es ist von Viktor Hugo. Natürlich wird sie gehängt.

Sagen wir, in groben Zügen stimmt die Handlung, wenn auch mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass Phöbus zwar Hauptmann, aber ein versoffener Hallodri ist, auf dessen tragisches Ende auf der letzten Seite hingewiesen wird: Er hat geheiratet. Nein, nicht Esmeralda. Die wird tatsächlich gehängt. Wobei zu dem Zeitpunkt nicht mehr ganz klar ist, aus welchem Grund eigentlich, aber ursprünglich wird sie wegen Mordes an Phöbus verurteilt - was total absurd ist, denn der ist nachweislich nicht tot, aber meine Güte, das Rechtssystem im 15. Jahrhundert... und überhaupt.

Esmeralda wird als sympatischer Charakter eingeführt, aber das bricht schlagartig zusammen, als sie sich in Phöbus verliebt - weil er so schön ist - und von da an nichts anderes mehr denken und sagen kann als "Mein Phöbus". Selbst dann noch, wenn sie sich gerade vor dem Henker versteckt und in Sicherheit gewesen wäre, hätte sie die Klappe gehalten, denn dann hätten sie sie nicht gefunden.

Quasimodo - der Glöckner heißt so, weil er am Sonntag Quasimodogeniti [Das ist der Sonntag nach Ostern, auch Weißer Sonntag genannt, und stammt von "Quasi modo geniti infantes, Halleluja, rationabile, sine dolo lac concupiscite./Wie die neugeborenen Kindlein seid begierig nach der vernünftigen, lauteren Milch." (1. Petr 2, 2)] an der Kirche Notre Dame gefunden wurde - ist dafür das Gegenteil. Monsieur Hugo wendet ziemlich viel Zeit auf, um uns zu erklären, dass Quasimodo sehr primitiv, gemein und bösartig ist, aber alles, was wir ihn tun sehen, tut er aus Liebe. Aus Liebe zu seiner Kathedrale und ihren Glocken, aus Liebe zu seinem Ziehvater Frollo oder aus Liebe zu Esmeralda. Es stimmt, einiges davon hätte er besser nicht getan, aber selbst davon beruht gut die Hälfte auf Missverständnissen, weil Quasimodo taub ist und darum gar nicht verstehen kann, was in dem Moment um ihn herum vorgeht. Das ist zum Beispiel etwas, was mir nicht bewusst war: Er ist taub.
Nachdem Esmeralda gehängt wird, verschwindet er. Aber irgendwann sehr viel später findet man in der Galgengruft ein verkrüppeltes Skelett, das ihres liebevoll umschlungen hält.

Frollo ist auch nicht der Bischof von Paris sondern ein Erzdiakon. Auch er verliebt sich in Esmeralda, weil sie so schön ist, und weil sie sich nicht in ihn verliebt, will er sie vernichten. Nachdem er sie mehrfach um ihre Liebe anfleht - ich habe das schon mal gelesen, und zwar in Frankenstein. Ein Mann, der sich einfach mal zusammenreißen sollte, jammert einer Gefangenen, die am nächsten Tag gehängt werden soll, vor, wie schlecht es ihm doch geht, viel schlechter als ihr, und dass nicht einmal das Todesurteil seiner Seelenqual gleichkommen kann. Da sage ich jetzt besser mal nichts weiter zu.
Übrigens, ja, er fällt vom Dach und ist tot. Aber Notre Dame brennt nicht.

Wäre das alles nicht schon kompliziert genug, so wird auch noch ziemlich viel Raum von einer Figur namens Peter Gringoire eingenommen, der ein Dichter ist, im Grunde recht sympatisch, wenn auch unstet, aber wenigstens dem Leben so etwas wie Respekt entgegenbringt, auch wenn er vollkommen weltfremd ist. Auf der Flucht mit Esmeralda, Frollo und Esmeraldas Ziege entscheidet er, dass er nicht beide retten kann, und rettet darum die Ziege. Das fühlt sich ein bisschen plötzlich und unausgegoren an, zumal er Esmeralda sein eigenes Leben verdankt. Auch wenn ich die Figur schon irgendwie mag, frage ich mich doch fast das gesamte Buch über, was er eigentlich in dem Roman tut. Er hat keine Funktion, nicht mal die eines Chronisten, er taucht auf, dann verschwindet er wieder, taucht wieder auf, macht eigentlich nichts, was entscheidend zur Handlung beiträgt... Das Buch wäre fünfzig Seiten kürzer, würde man ihn rausstreichen. Mindestens.
Er macht dann wohl sein Glück als Tragödienschreiber und gibt der Ziege ein gutes Zuhause.

Dann gibt es da noch den Bruder von Frollo, der auch Frollo heißt, aber nicht Claude sondern Johann, der ein Student ist und ein Saufkumpan von Phöbus, und der bei dem Sturm auf Notre Dame stirbt.
Falls das noch jemand außer mir nicht weiß: Sie stürmen die Kirche, um Esmeralda zu entführen, weil sie sie retten wollen. Sie hat dort Asyl, aber der König hat es aufgehoben und sie soll am nächsten Tag von der Wache aus der Kirche geholt und gehängt werden.

Ach ja, und die Clausnerin in der Mauer gegenüber, die die ganze Zeit über auf Zigeuner flucht, entpuppt sich als Esmeraldas Mutter, die im vergeblichen Versuch, sie zu retten, stirbt. Aber das war schon vom ersten Auftritt her vorhersehbar.

Es ist kein schlechtes Buch. Man kann es sogar sehr gut lesen. Es ist gut konstruiert, es ist tragisch und es hat nur wenige "Was soll das jetzt?"-Momente. Es hat nur wenig Anklang der vielbeschworenen "Die Schöne und das Biest"-Romantik, die solchen Geschichten immer anhängt, denn niemand im ganzen Buch nimmt Quasimodo als menschliches Wesen wahr oder behandelt ihn als solches - auch Esmeralda tut das nur sehr kurz, in einem Akt des Mitleids, den sie auch jedem Tier gewährt hätte, denn im Grunde hat sie ein reines und gutes Herz. Sie ist nur unfassbar naiv und, leider, sehr dumm.

Auch dieses Buch hat Abschweifungen und sehr lange Monologe, aber es ist bei weitem nicht so viel und so weit auschweifend wie in "Les Misérables". Es bleibt alles schon beim gerade behandelten Thema, und das ist viel wert. Und man muss es Monsieur Hugo lassen, Stimmungen beschreiben kann er wirklich. Ob die Stille der Kathedrale, das Lärmen im Wunderhof oder das Gebrüll auf dem Platz - und das trägt natürlich viel zu einem guten Buch bei.

Einer der Klassiker, den man, wenn man mal einen Klassiker lesen will, wirklich gut lesen kann. Denn das trifft ja bei weitem nicht auf alle zu.
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