blauerfalke: (geschichten)
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hochgelobter Rekord-Oscargewinner 2023, der zudem noch Schlagzeilen gemacht hat, weil mit Michelle Yeoh und Ke Huy Quan auch nicht-weiße Darsteller Oscars gewonnen haben

Laut Wikipedia handelt es sich um eine Science-Fiction-Komödie. Ansonsten hört man als Meinung vor allem "toller Film, aber verstanden habe ich ihn nicht". Ich war also gewarnt.


Ich halte es nicht für eine Komödie. Nichtmal ansatzweise. Ja, es ist schräg, aber das macht es nicht zu einem lustigen Film. Science Fiction wird es schon sein, denn es spielt in einem Multiverse. Multiverses sind immer Sci-Fi, schätze ich. Oder Fantasy, aber da sind die Grenzen ja fließend.

Es gibt also ein Multiverse, und erstaunlicherweise gibt es ein erstes Universum, das Alphaverse, von dem alle anderen Multiversen abgezweigt zu sein scheinen. In diesem Alphaverse hat man das verse jumping, also das Springen zwischen den Universen, erfunden, und eine Top-Wissenschaftlerin namnes Evelyn hat bei dem Versuch, ihre begabte Tochter zur besten verse jumperin überhaupt zu machen, diese überlastet, so dass ihr Geist zersplittert ist und sie jetzt in allen Universen gleichzeitig existiert. Das hat ihr wiederum Kontrolle über quasi alles in allen Universen verschafft, sie langweilt sich und darum hat sie alles auf einen Bagel gepackt, mit dem sie jetzt das Multiverse zerstören kann. Das Alphaverse versucht, das zu verhindern und sucht darum alle Universen nach einer Evelyn ab, die genau das kann. Jetzt kommen sie bei unserer Hauptperson an, und die scheint offenbar die Richtige zu sein, weil sie bei egal welcher Entscheidung in ihrem Leben nie eine getroffen hat, die ihr Erfolg in egal was beschert hat.
Am Ende ist das Multiverse irgendwie gerettet, Evelyn hat ein glücklicheres Familienleben und auch der Familienbetrieb ist wieder auf Kurs. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob auch die Scheidung vom Tisch ist, aber es sieht zumindest stark danach aus.

Dazwischen gibt es viele Schnitte, viele Kampfszenen - hey, Evelyn wird von Michelle Yeoh gespielt, es MUSS Kampfszenen geben - und diverse Monologe, in denen Charaktere ihre Grundmotivationen darlegen. Es gibt sehr viele schräge Ideen und die ebenfalls in jeder Kritik erwähnten Wackelaugen (die ich dann hiermit auch erwähnt hätte). Und wenn man es genau nimmt, passiert eigentlich kaum etwas, eben außer Kampfszenen und Psychologie. Und genau das ist die Stärke des Films: Es ist Zeit. Sie nehmen sich Zeit, sie zeigen das deutlich und darum wirkt er weder hektisch noch gehetzt, auch wenn er vollgepackt ist und Massen von Schnitten hat. Weil sie sich nicht mit Hintergrundtheorien aufhalten, sondern nur mit dem, was in den Charakteren vorgeht. Mit ihren Verletzungen, ihren Wünschen, ihrer Hilflosigkeit und ihren Stärken. Mit dem, an was sie glauben. Das eben, was Menschen ausmacht. Jeder hat Fehler, jeder macht Fehler, aber niemand ist nur schlecht.

Ich weiß nicht, ob die Leute, die sagen, den Film nicht verstanden zu haben, damit meinen, dass es nicht genug Hintergrundinformation zum Multiversum gibt. Ich persönlich mag Multiversen nicht, darum macht es mir nichts aus, das so weit wie möglich zu verdrängen. Mir reicht vollkommen zu wissen, dass mit jeder Entscheidung, die irgendwer trifft, und sei sie noch so banal, ein neues Universum entsteht, und dass man auf die Fähigkeiten seiner alter Egos in anderen Universen zugreifen kann, wenn man weiß, wie das geht. Da hat mich schon eher gestört, dass bei diesen Zugriffen sehr oft Sex im Spiel war - gibt's echt so wenig andere unwahrscheinliche Dinge, die man tun kann? Gestört hat mich auch das "Hauptperson muss zwei wichtigen Gesprächen gleichzeitig folgen und das klappt natürlich nicht"-Klischee, aber ich schätze, das musste sein, weil das eben bei sowas immer so ist. Die Zuschauer erstmal mit etwas konfrontieren, was sie erwarten, bevor es schräg wird.

Ich mochte, dass der Film sich dermaßen auf die Charaktere konzentriert hat. Dass es eigentlich nur um Beziehungen gehen, zwischenmenschliche ebenso wie die eines Menschen zur Umwelt. Ich mochte, dass die Antagonistin von ihrer Allmacht gelangweilt ist anstatt sie mit Spaß sadistisch auszukosten. Ich mochte, dass alle sie falsch verstanden haben und sie nie das Multiverse vernichten wollte, sondern heruasfinden, ob da wirklich nicht mehr ist, oder, falls nicht, einfach nur ihre Existenz beenden. Ich mochte, dass die Heldin der "be kind"-Bitte ihres Ehemanns entsprochen hat. Ich mochte, dass sie ihre Liebe zu ihrer Tochter damit beweist, dass sie deren "let me go"-Bitte entspricht. Und vor allem mochte ich Waymond (Ke Huy Quan). Nicht Alpha Waymond, sondern Waymond.
Ach so, und ich habe seit "Crouching Tiger, Hidden Dragon" eine Schwäche für Michelle Yeoh und darum gönne ich ihr natürlich jede gute Rolle und jeden Erfolg.

Ich habe tatsächlich nicht das Gefühl, den Film nicht verstanden zu haben. Im Gegenteil, ich fand ihn zwar schräg und teilweise auch unnötig blutig, aber erstaunlich gradlinig für das, was ich vorher gehört hatte. Aber ich gucke Filme ja nie wie andere Leute, also bin ich wahrscheinlich die Einzige, die darin ein Plädoyer für Verständnis und Miteinander sieht. Ein Plädoyer dafür, andere zu nehmen, wie sie sind, mit allen Macken und Schwächen. Und dass die sich auch als Stärken entpuppen können.

Und hätte ich nicht gewusst, dass Jamie Lee Curtis da irgendwo mitspielt, hätte ich die ganz sicher nicht erkannt.
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