blauerfalke: (geschichten)
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von Otfried Preußler


Ich gebe zu, ich kannte nur eins. Aber es sind drei, wie ich jetzt gelernt habe. Das erste habe ich tatsächlich in meinem eigenen Schrank gefunden, die anderen beiden hatte die Bücherei in der Onleihe. Man kann jedes davon mal eben in einer halben Stunde lesen.

Es sind Kinderbücher. Zum Vorlesen geeignet, aber auch für das erste Lesealter in der Grundschule. Es sind Buch-Versionen von Kasperlestücken und sie haben darum auch genau das erforderliche Charakterspektrum: Kasperle, Seppel, ihre Großmutter, den Wachtmeister und natürlich den Räuber. Band 1 hat auch einen bösen Zauberer (mit dem wunderbaren Namen Petrosilius Zwackelmann) und eine gute Fee, Band 2 und 3 haben eine Wahrsagerin und - essentiell fürs Kaspeletheater - ein Krokodil. Was eigentlich kein Krokodil ist, sondern ein Dackel und zudem noch Vegetarier.

Kurzum - es steht dem Nachspielen mit den eigenen Handpuppen nichts im Wege. Einzig eine Unke ist vielleicht eher nicht im Repertoire der normalen Kaspelekiste im Kinderzimmer... da muss man sich dann halt was einfallen lassen.

Ich habe "Der Räuber Hotzenplotz" bestimmt 30 Jahre nicht mehr gelesen. Ich hatte dunkle Erinnerungen daran, und ich erinnere mich an eine Aufführung der Freilichtbühne Wunsiedel, die bestimmt 40 Jahre her ist, und dadurch beeindruckte, dass der Zauberer Zwackelmann auf seinem Mantel tatsächlich geflogen ist (ich bin sicher, es war eine Puppe, aus Sicherheitsgründen, aber das spielt keine Rolle). An den Zauberer und seinen Mantel konnte ich mich darum noch gut erinnern, ich wusste sogar noch, dass er nach Buxtehude zu seinem Kollegen geflogen ist. Auch an den Zauber, mit dem man Leute herbeizaubern kann, wenn man nur ein Kleidungsstück von ihnen hat, und die Verwechslung von Kasperl und Seppel, weil sie die Kopfbedeckungen getauscht haben... dass es um eine gestohlene Kaffeemühle geht, hatte ich vergessen, aber in dem Moment, als ich es las, war das auch wieder klar.
Es hat also offenbar doch weit mehr Eindruck bei mir hinterlassen, als ich erwartet hatte.

In Band 2 entkommt der Räuber Hotzenplotz aus dem Spritzenhaus, wo sie ihn eingesperrt haben, und entführt die Großmutter und dann Kasperl und Seppel, aber sie werden am Ende mit Hilfe der Wahrsagerin und deren Krokodil-Dackel vom Wachtmeister gerettet. Auch nett und unterhaltsam, aber es fehlte mir ein bisschen der Charme von Band 1 - was aber natürlich daran liegen kann, dass ich eben nur an Band 1 Erinnerungen aus der Kindheit habe, und mich das wohlwollender urteilen lässt.

Band 3 hat mir wieder besser gefallen - Hotzenplotz wurde aus dem Gefängnis entlassen und hat entschieden, jetzt ehrbar zu werden, weil Räuberei zu anstrengend ist und es keinen Spaß macht, immer nur böse zu sein. Natürlich glaubt ihm niemand, er muss sich sehr anstrengen, Kasperl und Seppel zu überzeugen, die dann wiederum die anderen überzeugen - am Ende ist auch der Dackel wieder ein Dackel, alle feiern seine Rückverwandlung und Hotzenplotz entschließt sich, Wirt zu werden. Kochen kann er nämlich sehr gut.

Damit ist Band 2 der schwächste für mich - Band 1 punktet mit seinem Märchenflair, einer Handlung, die irgendwo zwischen lustig, liebenswürdig und ein wenig absurd ist, Band 3 ist noch ein bisschen absurder, zugleich aber auch realistischer, weil es natürlich schwierig ist, alle davon zu überzeugen, dass man kein Räuber mehr sein will, und hat durch Kasperls und Seppels Bemühungen, ihm da zu helfen, auch etwas sehr positiv-menschliches. Band 2 hat mir zu viele Slapstick-Elemente (Hotzenplotz hat dem Wachtmeister eine Uniform gestohlen und darum werden die beiden ständig verwechselt) und wirkt ein bisschen undurchdacht. Aber vielleicht macht gerade das Kindern am meisten Spaß, denn es wird viel herumgerannt, es ist chaotisch und es passiert viel.

Ich bin sicher nicht mehr die Zielgruppe, dafür ist es dann doch zu sehr Kinderbuch. Aber es ist immer noch gute Unterhaltung, und ich bin auch sicher, dass es als Theaterstück nach wie vor großartig funktionieren wird. Denn genaugenommen ist es das ja, Kasperletheater. (Wobei Band 3 das sicher noch am wenigsten ist... das funktioniert wahrscheinlich wirklich als Buch besser.)

Auch heute noch bedenkenlos empfehlbar. Altmodisch, ein bisschen einfach, aber noch immer gut lesbar.
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