blauerfalke: (reisen)
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Chinon ist eine Gemeinde in Frankreich, im Département Indre-et-Loire, was zur Région Centre-Val de Loire gehört. Es liegt aber nicht an der Loire, sondern an der Vienne, und zwar auf beiden Seiten des Flusses. Es hat Städtepartnerschaften mit Hofheim am Taunus, Deutschland, und Tiverton, England, nach denen jeweils ein Platz im Ort benannt ist. Außerdem ist es der Geburtsort von François Rabelais, Autor von "Gargantua und Pantagruel".

Chinon hat gut 8000 Einwohner, einen Bahnhof und ziemlich viele Parkplätze, denn auch wenn hier niemand den Ort kennt, ist er offenbar sehr beliebt bei Touristen. Und das hat mehrere Gründe.


Einer davon ist, dass er im Loiretal liegt, und da generell sehr viele Touristen hinfahren. Da fällt quasi für jeden Ort was ab, auch wenn er nichts zu bieten hat - und Chinon hat etwas zu bieten. Es hat einen imposanten Burgfelsen, an dessen Fuß sich eine hübsche Altstadt aus hellen Stein- und dunklen Fachwerkhäusern schmiegt. Es gibt hübsche Sträßchen, verwinkelte Gassen, lauschige Hinterhöfe, interessante Geschäfte und eine Menge Cafés, Bistros und Restaurants. Im Sommer - oder an schönen Herbsttagen - kann man da toll draußen sitzen.
(Man sollte aber mit dem Auto nur reinfahren, wenn man weiß, was man da tut. Die Altstadt von Chinon besteht fast nur aus Einbahnstraßen, und das aus gutem Grund.)

Chinon hat eine Uferpromenade mit sehr schönen Platanen und einen Weg oben am Felsen lang, zur Radegundis-Kapelle. Das ist eine Felsenkapelle, die auf einer Einsiedelei aus dem 6.Jhdt basiert, mit Fresken und Säulen, und, weil sie so hoch liegt, einer tollen Aussicht. Leider war sie für den Winter geschlossen als wir da waren, das war sehr schade. Auch das Collégiale St. Mexme hatte für den Winter zu, aber St. Etienne hatte auf. Chinon hat also auch mehrere Kirchen, die man besichtigen kann.

Außerdem hat Chinon Wein, und das offenbar sehr hochklassigen, der zu den besten Frankreichs zählt. Es ist berühmt für Cabernet-Franc Rotweine, die in den Höhlen des Burgfelsens gelagert und gereift werden, weshalb sich an der Vienne auch ein Weingut an das nächste reiht. Es gibt auch kleine Höhlen im Felsen, die offenbar Privatmenschen gehören und als Lager oder Garage genutzt werden, und welche, die einfach da sind und von niemandem genutzt werden - auf dem Weg zur Radegundis-Kapelle kann man einige davon sehen.

Dieses Jahr war Chinon der Startort der Tour de France, darum haben sie an verschiedenen Orten der Stadt Tafeln mit Informationen zur Geschichte des Radrennens aufgestellt. Das ist mal sehr nüchtern und sachlich, und mal auch sehr spaßig, denn einige dieser Tafeln sind voll mit unterhaltsamen Anekdoten zu diversen Themen.

Und nicht zu vergessen war Johanna von Orléans mal da. Sie ist durch ein Stadttor eingeritten, das heute nicht mehr existiert, darum haben sie eine Plakette an der Wand, um die Stelle zu markieren, wo es stand. Dann hat sie Charles VII. auf Anhieb unter all seinen Höflingen erkannt und ihn überzeugt, dass er Orléans zur Hilfe kommen müsse, und später ist sie von einem Brunnenrand wieder aufs Pferd gestiegen. Um all das zu feiern, hat Chinon einen Platz nach ihr benannt und eine riesige Bronzestatue von ihr auf einem Pferd hingestellt. Offenbar mitten im Angriff.
Auf dem Place Jean d'Arc findet auch jeden Donnerstag ein Wochenmarkt statt, der für einen Ort dieser Größe geradezu gigantisch ist und für den sich auch eine sehr viel größere Stadt nicht zu schämen bräuchte. Sehr beeindruckend.

Und wer will, kann auch noch das Atomkraftwerk Chinon besichtigen, was etwa 10 km nordwestlich an der Loire liegt. Aber das muss man gut planen, denn das ist nur zu bestimmten Terminen möglich und man sollte die Karten vorher online kaufen.

Die Hauptattraktion von Chinon aber ist die Forteresse Royale de Chinon, also die Festung. Die liegt wie erwähnt über dem Ort, auf einem sehr steilen Felsen, und kann über zwei sehr steile Treppen oder über zwei kostenlose Aufzüge erreicht werden. (Oder mit dem Auto, denn auch sie hat einen eigenen Parkplatz.)
Und genau genommen sind es drei Festungen, von denen man heute noch die Trennung in zwei deutlich wahrnimmt, da das Fort Saint Georges nicht zugänglich und als Vorburg abgegrenzt ist. Château de Milieu und Fort du Coudray gehen ineinander über.

Errichtet wurde die Forteresse im 10.Jhdt von den Grafen von Blois und fiel 1044 an die Grafen von Anjou, die zufällig auch die Könige von England waren. Henry II. Plantagenet machte sie zu seiner Lieblingspfalz und ist dort im Jahre 1189 auch verstorben, angeblich in der Kirche. Zu diesem Zeitpunkt war die Forteresse eine gut ausgebaute Grenzburg, um Angriffen des französischen Königs begegnen zu können.
Henry II. Sohn John - das ist der kleine Bruder von Richard Löwenherz, der es nie jemandem recht machen konnte - hat sie noch einmal verstärkt, aber wie bei allem, was er anpackte, hatte er kein Glück, also hat Philippe II. Auguste, König von Frankreich, sie 1205 nach einjähriger Belagerung erobern können. Seitdem gehört Chinon zu Frankreich (aber runde Türme hatte die Burg schon vorher... glaub ich).

In der Forteresse fand auch oben erwähntes Treffen zwischen Jean d'Arc und Chales VII. statt. Der Saal existiert heute nicht mehr - wie auch andere große Teile der Burg. Es sind diverse Türme übrig, Teile des königlichen Logis und natürlich imposante Wehrmauern.

Zur Besichtigung bekommt man ein Histopad, also ein Tablet, mit dem man an bestimmten Stellen Codes einscannen kann, um Informationen über die Stelle zu erhalten, Schatzsuche zu betreiben oder lustige Spielchen zu spielen. Das klappt im Grunde gut, auch wenn ich immer immer finde, dass die Dinger schwer und unhandlich zum Herumschleppen sind.
Man darf frei auf dem Gelände herumwandern, auf diverse Türme hinauf- und in diverse Gewölbe hinuntersteigen. Es gibt sehr viele Treppen auf der Forteresse, und einige sind sehr eng und steil. Dafür ist die Aussicht natürlich grandios, denn die Gegend an sich ist eher flach und der Burgfelsen eine der höchsten Erhebungen um Umkreis.

Sie haben eine Ausstellung zu den Plantagenets, mit Spielszenen aus dem Leben Henry II., und natürlich eine zu den diversen Bauphasen der Burg. Zwei Räume beschäftigen sich mit dem Leben von Jean d'Arc und ihrer Darstellung in der Kunst - eine Skulptur haben wir sogar wiedererkannt, die hatten wir zwei Tage vorher im Louvre gesehen. Sie haben eine Kopie des Schwertes von Charlemagne und (auch eine Kopie?) seines Bechers, der aus Syrien stammt und darum arabische Schrifzeichen trägt. Sehr schöne Glasarbeit. Und natürlich gibt es auch viele Informationen zum Leben auf einer Burg.

Das höchste Gebäude der Forteresse ist der Uhrturm, das einzige komplett erhaltene Bauwerk. Man kann auch in ihm hochsteigen, bis knapp unter die Glocke der namensgebenden Uhr, die von 1399 ist und heute elektrisch geschlagen wird. Zwischendurch mussten sie sie mal abbauen, weil sie fürchteten, dass der Boden nicht mehr halten und sie durchbrechen würde. Ich nehme an, da haben sie beim Wiedereinbau auch das Schlagwerk ausgetauscht.
Sie schlägt übrigens deutlich leiser als wir das erwartet hatten, ist aber trotzdem bis weit über die Stadt zu hören. Kein Wunder, bei der Lage.

Das wichtigste Bauwerk aber sind die Reste des Donjons. Dort hat Joan d'Arc bei ihrem Besuch genächtigt, und dort hat Philipp der Schöne 1308 hochrangige Templer eingesperrt, unter ihnen den Großmeister Jacques de Molay. In die Wände des Turm geritzte Graffiti sollen von ihrer Hand stammen, sind heute unter Glas gesichert und waren wohl ein beliebtes Ziel für Fans von Dan Browns "Da Vinci Code".

Und weil irgendwer mal versucht hat, einen Englischen Landschaftsgarten in der Forteresse anzulegen, haben sie auch noch ein paar sehr schöne Bäume, unter anderem einige sehr auffällige, da sehr hohe Zypressen.

Zu guter Letzt noch, was natürlich nirgends erwähnt wird, was aber der Grund war, dass wir Chinon als Quartier ausgewählt haben (sehr gute Wahl übrigens - schöner Ort, liegt gut, gute Infrastruktur, sehr zu empfehlen): Der Legende nach hat Kai, Bruder von König Artus, die Festung erbauen lassen und ist dort auch begraben. Wahrscheinlich in der Kirche, in der dann später Henry II. starb, aber die existiert heute leider nicht mehr.
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