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Musical von Frank Wildhorn (Musik), Ivan Menchell (Buch) und Robin Lerner (Texte). Deutsch von Nina Schneider, denn es handelt sich um die Aufnahme aus St. Gallen 2014.

Mit einer Besetzung mit Patrick Stanke (Artus), Thomas Borchert (Merlin), Mark Seibert (Lancelot) und Sabrina Weckerlin (Morgana) kann man nicht mehr viel falsch machen, zumindest akustisch. Mit Annemike van Dam (Guinevere) schon eher, aber solange sie lyrisch singt, hat sie eine sehr schöne Stimme, und die Rolle verlangt nur das. Alle beteiligten Hauptrollen versprechen also eine großartige CD, und sie alle halten das Versprechen. Gesanglich fantastisch, und artikuliert wird auch ausgezeichnet. Dafür lohnt es sich in jeder Sekunde.


Es handelt sich um eine Highlight-CD. Glaube ich. Aber da das nirgendwo steht, kann es auch sein, dass diese 14 Songs tatsächlich alles sind, was sie haben. In dem Fall müssten sie sehr viel Dialog zusätzlich haben, denn die Handlung läßt sich anhand der Songs nur sehr schwer nachvollziehen. Versuchen wirs trotzdem mal.

Die CD beginnt mit "Das Feld der Ehre". Ein Chor singt darüber, dass sie auf dem grünen Feld, auf dem Feld der Ehre ruhen wollen und ihre Seelen jetzt frei sind. Wahrscheinlich wurde also grade eine Schlacht geschlagen. Auch scheint irgendwer Besonderes tot zu sein, denn eine Frau singt von "seinem Grab", das die, die hier weinen, vereint. Außerdem geht es darum, dass der Krieg zuende sein soll, die düstere Zeit enden soll und endlich Frieden herrschen. Das Ganze klingt klassisch-keltisch, mit Bolero-Rhythmus und nach Musical. Also in etwas das, was man so erwartet, wenn man so eine CD einlegt.
Da wir uns noch am Anfang vom Stück befinden, ist wahrscheinlich Uther tot. Oder es ist eine Vorblende, und Artus ist tot. Laut Booklet singen Artus und Guinevere das Lied mit. Die Castliste führt Uther und Igraine, aber die tauchen später nicht mehr auf. Ich entscheide mich also dafür, das Uther tot ist.

Als nächstes folgt "Der Heiler", gesungen von Merlin. Eine ruhige Ballade mit keltischem Anklang. Sie hat sehr schöne Textzeilen "Dieses Land braucht ein Herz/voller Mitleid und Mut/zu Erbarmen und Opfern bereit/Wenn sich jener ermannt/den das Schicksal gesandt/dann endet Krieg, endet Kummer und Leid." Merlin ist offenbar kein Mensch, aber bereit, im Dienst der Sache das Schicksal der Menschen zu teilen. Damit wir uns auch nicht fragen, wer dieser philosophische Typ überhaupt ist, endet das Lied auf "Ich bin Merlin, der alles einst heilt". Aha. Interessante Grundlage für den Charakter.

"Schwert und Stein" ist Artus'erster Auftritt, und offenbar hat er gerade das Schwert aus dem Stein gezogen, denn er versichert uns wiederholt "ich tat nichts/ich zog nur das Schwert aus dem Stein". Der Rest vom Text ist ähnlich misslungen, was vor allem daran liegt, dass ständig auf "Stein" gereimt werden muss, und dass das zu Wörtern wie "befrein" und "gemein" führt, wenn man nicht die ganze Zeit auf "sein" reimen will. Immerhin wird deutlich, dass Artus Merlin und seine Intrigen nicht leiden kann und seinem Plan nicht folgen will.
Vor allem aber ist das Lied ein sehr lauter und brutaler Rocksong voller E-Gitarre, der überhaupt nicht zu dem passt, was wir bis jetzt gehört haben. Es klingt nach Transiberian Orchestra.
Aber Wildhorn scheint Gefallen daran gefunden zu haben, denn "Sünden der Väter", Morganas erster Auftritt, geht genauso weiter, wenn nicht noch lauter. Es klingt sogar noch mehr nach TSO, weil jetzt auch Geigen dazukommen. Teufelsgeigen. Worum es geht ist mir nicht ganz klar, aber Morgana singt darüber, dass "Sünden der Väter/beschweren mir nicht den Sinn/Ich such das Dunkel und gebe mich ihm hin". Sie will Rache für irgendwas und ihre Seele befreien. Zwischendurch singen sie und ihr Chor etwas, was nach Latein mit italienischer Aussprache klingt. Ich weiß nicht, was sie uns sagen will, aber ich weiß jetzt, wer der Haupt-Antagonist der Show ist.

Davon müssen wir uns erst einmal erholen, darum gibt es als nächstes ein Duett zwischen Artus und Guinvere, dass in netter akustischer Gitarre daherkommt. Sie singt darüber, was für sie einen Helden ausmacht, und dass er dem Anspruch entspricht, und er darüber, dass er sich wünscht, das sehen zu können, was sie in ihm sieht. Im letzten Satz wechselt Guinvere vom "Ihr" zu "Du", ich schätze also mal, wir können davon ausgehen, dass sie sich verliebt haben. Unglücklich finde ich die Formulierung "dann seid Ihr in meinen Augen wohl ein Held" - dieses "wohl" macht sie seltsam. Er ist "wohl" ein Held, weil sie es nur vermutet und nicht ganz sicher ist? Oder er ist "wohl" ein Held, auch wenn er das anders sieht?

Trommeln. Schlacht. Das ist einfach, denn das Lied heißt "Die ruhmreiche Schlacht". Die Musikbegleitung ist mittelalterlich angehaucht mit Pfeifen und Harfe. Es paßt zum ersten Song, wir sind also zurück bei dem, was man erwartet bei einem Ritter-Musical. Gesungen wird darüber, dass sie für den Frieden und eine neue Zeit kämpfen, und über ritterliche Tugenden. Ich wundere mich nur, dass ihr Ruf aus dem Norden erschallt. Ist Artus Schotte? Aber das ist wahrscheinlich zu weit gedacht.

Guinevere bekommt noch eine Ballade, diesmal mit Harfe. Sie heißt "Ein neuer Tag", hat aber weniger mit Politik zu tun, als vielmehr damit, dass mit ihm (Artus?) ein neuer Tag für sie anfängt. Sie hat sehr lange auf ihn gewartet.

Zur politischen Seite kommen wir dann mit "Heute Nacht fängt es an". Ein Fürst, ein Ziel, zusammenstehen... vereint durch das Schwert aus dem Stein. Tafelrundenthematik mit Einzelstimmen und Chor. Würden mich nicht diverse Teile von Liedern aus anderen Musicals erinnern. Oder an Popsongs. Immer wieder habe ich das Gefühl, etwas irgendwo schonmal gehört zu haben... am meisten erinnert es mich an diverse Songs aus "Les Misérables". Naja, am Ende sterben da ja auch alle...

Danach ist Wildhorn wohl aufgefallen, dass seine E-Gitarren sich langweilen, also gehen wir stilistisch zurück zu rockig und laut. "Begehren" heißt das Lied und es wird gesungen von Merlin und Morgana, die versuchen, über die lauten Gitarren hinweg darüber zu philosophieren, dass sich alle immer von Sehnsüchten ins Verderben führen lassen, auch wenn sie es besser wissen. Das gelingt ihnen nur bedingt, denn das Orchester ist wirklich sehr laut, und ich habe keine Ahnung, ob sie von einander reden oder von Artus, oder von sonst jemandem. Ich habe den Verdacht, dass sie was miteinander haben. Oder auch nur, dass Merlin was von ihr will und sie ihn benutzt. Oder das die beiden Darsteller der Rollen noch einen Song brauchten. Ich persönlich finde, Artus sollte noch einen kriegen. Bis jetzt hat er Merlin angebrüllt, eine Strophe mit Guinevere duettiert und einzelne Sätze in Chorstücken gesungen. Und er ist die Titelrolle.

Egal, als nächstes singen die Antagonisten. Ja, da gibts noch einen neben Morgana. Er heißt Loth von Orkney. Nein, ich weiß nicht, warum er Loth heißt und nicht Lot. In jedem Fall dürfen er und Morgana darüber singen, dass sie wen vernichten wollen (ich nehme an, Artus) und Guinvere darf irgendwen (ich nehme an, Artus) ansingen, dass er sich nicht von Rache leiten lassen soll, denn das bringt Menschen zu Fall. Da unter den singenden Rollen auch Artus und Lancelot gelistet sind, nehme ich an, dass sie auch darüber singen, jemanden vernichten zu wollen.
Musikalisch gibt es passend zur Schlacht Trommeln, Bläser, Geigen und Gitarren. Epische Filmmusik. Weniger episch ist der Refrain. Der absolute textliche Tiefpunkt der Show: "Ich werd dich zu Staub zermalmen/bald siehst du dein letztes Morgenrot/bald ist all dein Leid vergessen/fort alle irdische Not/Denn morgen schon triffst du den Tod". "Morgen triffst du den Tod" ist auch der Titel des Liedes.
Dass der Drache erschlagen werden soll, verstehe ich übrigens noch, aber warum der Löwe den Triumph geniest... Lots Emblem ist ein doppelköpfiger Adler (aber da er sich schon Loth schreibt, ist es vielleicht doch ein Löwe?) Falls dem so ist, könnte ich jetzt interpretieren, dass Morgana mit Loth verheiratet ist, denn sie singt die Zeilen auch.

Wie die Schlacht ausgeht, erfahren wir nicht, aber ich nehme an, dass Artus gewonnen hat. Als nächstes singt nämlich Guinevere eine weitere Ballade, die diesmal "Wo ging die Liebe hin" heißt und sich damit beschäftigt, dass sie sich einsam fühlt an seiner (Artus?) Seite, ihr Herz ihm aber immer noch gehört. Wir sind übrigens zurück zu akustischen Gitarren und Harfe für sie. Nettes Lied, wieder genau das, was man in einem Ritter-Musical erwartet.
Mit dem nächsten Lied können wir dann endgültig sicher sein, dass Artus die Schlacht wohl gewonnen hat, denn jetzt singt Lancelot darüber, dass er sie (Guinevere? Bei Lancelot ist die Auswahl ja nicht groß, und die einzige bis jetzt vorkommende Alternative wäre Morgana.) liebt und sich nach ihr verzehrt. "Nur sie allein" ist der Titel, und wieder kommt eine unglückliche Formulierung vor "nur für ihn, weil sie nicht weiß, weil sie nicht ahnt, dass es für mich nur eine gibt, nur sie allein". Weil sie nicht weiß? Er glaubt, wenn er ihr seine Liebe gesteht, brennt sie mit ihm durch? Ich will dem armen Mann mal nichts unstellen, aber wenn er das wirklich so meint, dann kann er noch so schön seine Pop-Ballade singen und leiden, dann mag ich ihn nicht. So.

Und jetzt kommt die große Überraschung: Artus kriegt ein Solo. Es heißt "Was macht einen König aus" und er muss nicht gegen Gitarren anbrüllen oder ist bloß Stichwortgeber. Es gefällt mir auch textlich richtig gut. Logischerweise beschäftigt es sich genau mit dem, was der Titel verspricht. Was macht einen König aus. Auch wenn es meines Wissens "klaglos einfügen" und nicht "klanglos einfügen" heißt... aber da das das Einzige ist... toller Song. Schon alleine, weil Artus ein sinnvolles Solo in diesem Stück hat. Egal, wie die Handlung ist, das paßt immer. Und er ist sympatisch. Auch ohne den "er wird von Patrick Stanke gespielt"-Bonus.

Damit sind wir dann schon fast am Ende des Stückes. Es folgt noch "Vor langer Zeit", was ein weiteres Duett für Artus und Guinevere ist, über ihre Liebe, die stärker ist als alles. Am Schluss wird dann "Heute Nacht fängt es an" wieder aufgenommen, denn das ist kraftvoller, um eine Show damit zu beenden. Das ist wie bei "Les Misérables", da enden sie auch auf der Melodie von "Hört ihr wir das Volk erklingt", weil das kraftvoller ist. Übrigens ist der Schluss von Akt 1 von "Les Misérables" genau das, woran mich der Schluss von "Heute Nacht fängt es an" musikalisch erinnert. Spaßig.

Mit anderen Worten, Artus und Guinevere haben das Stück überlebt (die Alternative wäre eine abstruse Idee mit Wiedersehen im Jenseits, also lassen wir das jetzt mal). Und sie lieben einander. Was mit Lancelot ist - keine Ahnung. Was mit Morgana passiert ist - keine Ahnung. Loth? Ich nehme an, der ist erschlagen worden in der Schlacht und sein irdisches Leiden damit zuende. Merlin haben wir auch unterwegs irgendwo verloren. Anfangs sang der ständig wo mit, aber das Letzte, was wir hörten, war ein Duett mit Morgana über Begierde und Vernichtung. Und was mit Britannien ist... ich hoffe mal, Goldenes Zeitalter.

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