The Magicians
Mar. 19th, 2017 04:23 pmvon Lev Grossmann
C.S. Lewis hat die Chroniken von Narina zwischen 1939 und 1954 geschrieben. Wenn man etwas ähnliches heute schreiben möchte, muss man das anders angehen. Schon alleine, weil christliche Allegorien nicht mehr ganz den Zeitgeist treffen.
Herr Grossmann erfindet also zuerst seine eigene Kinderbuchserie, "Fillory and Further", die aus fünf Teilen besteht. Geschwister aus Cornwall werden immer wieder in das magische Land Fillory versetzt, das deutliche Paralellen zu Narnia aufweist. Es gibt sogar eine Zwischenwelt wie in "The Magician's Nephew", nur dass sie aus einer Stadt besteht anstatt einem Wald, und dass die Portale keine Tümpel sind, sondern Springbrunnen. Und auch Fillory hat vier Throne, die nur von Menschen besetzt werden dürfen. Zwei Könige, zwei Königinnen. Der residierende Gott sind allerdings zwei Götter - zwei Widder - die die Kinder am Ende jedes Abenteuers wieder aus Fillory hinauswerfen. Der Älteste findet das ungerecht und versteckt sich im Wald und verschwindet spurlos.
Natürlich sind diese Bücher echte Klassiker und alle Kinder Amerikas lesen sie. Auch alle unsere Helden haben sie gelesen und besonders Quentin, der Perspektivträger, wünscht sich nicht so sehr, als dass alles wahr ist und er selbst nach Fillory reisen kann. Das typische weltfremde Traum eines hochbegabten Ultranerd also.
Aber dann wird er ein an einer Zauberschule angenommen und lernt, dass nicht nur unendlich viele Welten existieren, sondern auch, dass Magie wirklich wahr ist.
Zu Beginn des Buches ist der Protagonist 17, das fand ich sehr beruhigend. Es wird nämlich extrem viel Alkohol getrunken. Ständig. Und es wird auch viel Sex gehabt, wenn auch nicht explizit. Aber da alle Beteiligten ab ca Seite 80 of age sind, kann man dagegen nichts sagen.
Das Ganze hat ca 400 Seiten und die ersten 200 werden mit der Schulzeit verbracht. Mit anderen Worten, es passiert eigentlich gar nichts, außer dass unsere Helden Magie lernen und ein paar Jahre älter werden. Die Schule wird beschrieben, der Unterricht wird beschrieben, das beliebteste magische Mannschaftsspiel wird beschrieben, Magie an sich wird beschrieben... kurz, man bekommt einen recht guten Begriff von der Art Magie, die der Autor zugrundelegt, ihren Möglichkeiten und ihren Gefahren. Nur einmal gibt es einen dramatischen Zwischenfall. Es liefert alles das, von dem in Potter gerne mehr hätte kommen können. Vielleicht war auch gerade das die Absicht des Autors. Er hätte auch gerne mehr Schulfeeling von Potter gehabt, und weil es das nicht gab - immerhin musste ja ständig Voldemort besiegt werden - hat er's jetzt selbst geschrieben.
Nach der Hälfte des Buches macht Quentin seinen Abschluss und der nächste Teil beschäftigt sich damit, was man als Magier nach dem Abschluss so tut. Da gibt es diverse Möglichkeiten, aber Quentin entspricht genau dem modernen Zeitgeist, hat keine Ahnung, was er tun will, und tut darum genau das: nichts. Er trinkt, er nimmt Drogen, er geht die ganze Nacht auf Partys. Und er hat ein schlechtes Gewissen, weil er nichts mit seinem Leben anfängt.
Also kommt ihm die Möglichkeit, seinen Kindheitstraum zu verwirklichen und nach Fillory zu reisen, gerade recht. Er ist sicher, dass in einer anderen Welt alles besser wird, und dass er König werden wird. Aber es ist etwas Anderes, von Abenteuern zu lesen als Abenteuer zu erleben. Niemand erlebt je ein Abenteuer. Währenddessen ist es immer nur Ärger.
Herr Grossmann hat das Rad nicht neu erfunden. Alles, was er verwendet, lehnt sich deutlich an andere Dinge und Welten an (die auch oft genug zitiert werden, von Herr der Ringe bis eben Harry Potter), und ich denke, das ist Absicht. Er bringt seinen eigenen Twist dazu, seine eigenen Ergänzungen, Ideen und Details, aber im Grunde ist Brakebills deutlich an Hogwarts angelehnt und Fillory ist Narnia - darum erwarten den Leser keine echten Überraschungen und er kann sich auf das konzentrieren, was dieses Buch ausmacht: was wäre, wenn das alles wirklich wahr wäre? Nicht im Sinne von im Geheimen lebenden Magiern oder Parallelwelten, sondern auf die Charaktere bezogen. Was würde passieren, wenn eine Gruppe Nerds aus unserer hochtechnisierten, desillusionierten, modernen Zeit all das tatsächlich erleben würde? Darum ist es wichtig 200 Seiten für eine vollständige Ausbildung der Helden aufzuwenden. Darum ist es wichtig, dass Quentin Eltern hat (und zwar moderne, die sich selbst verwirklichen). Darum ist es wichtig, ausgiebig die Frage zu behandeln, was man anfängt, wenn man die Schule für Magie verlassen hat. Was man mit seinem Wissen anfängt und seiner Macht - und ob diese Macht zwangsläufig jeden korrumpieren muss.
Es geht um das Tempo unserer modernen Welt, um modernde Beziehungen auf jeder Ebene, um Selbstzweifel, Depressionen und die Frage, ob man sich selbst entkommen kann. Die Antwort darauf ist natürlich nein. Egal, wo man hingeht, egal, in welcher Welt man lebt, man nimmt sich selbst immer mit. Dinge ändern sich nur, wenn man sich selbst ändert.
Es geht auch um Egoismus, um Schuld und Verlust. Und um die Frage, warum man weitermachen sollte - im Grunde hat das Leben doch keinen tieferen Sinn, oder?
Es ist das, was man bekommt, wenn man aus allen Magieschulen-Büchern die Weltrettungs-Plots streicht und Narnia aus einer mordernen Warte betrachtet. Im Grunde ist es also eine recht brillante Idee. Den meisten wahrscheinlich zu wenig aktiongeladen, aber mir hat's sehr gefallen. Und das, wo kein Charakter dabei ist, der meinem Schema entspricht. Das würde nicht passen. Dazu ist es ein zu modernes und zu realistisches Buch.
C.S. Lewis hat die Chroniken von Narina zwischen 1939 und 1954 geschrieben. Wenn man etwas ähnliches heute schreiben möchte, muss man das anders angehen. Schon alleine, weil christliche Allegorien nicht mehr ganz den Zeitgeist treffen.
Herr Grossmann erfindet also zuerst seine eigene Kinderbuchserie, "Fillory and Further", die aus fünf Teilen besteht. Geschwister aus Cornwall werden immer wieder in das magische Land Fillory versetzt, das deutliche Paralellen zu Narnia aufweist. Es gibt sogar eine Zwischenwelt wie in "The Magician's Nephew", nur dass sie aus einer Stadt besteht anstatt einem Wald, und dass die Portale keine Tümpel sind, sondern Springbrunnen. Und auch Fillory hat vier Throne, die nur von Menschen besetzt werden dürfen. Zwei Könige, zwei Königinnen. Der residierende Gott sind allerdings zwei Götter - zwei Widder - die die Kinder am Ende jedes Abenteuers wieder aus Fillory hinauswerfen. Der Älteste findet das ungerecht und versteckt sich im Wald und verschwindet spurlos.
Natürlich sind diese Bücher echte Klassiker und alle Kinder Amerikas lesen sie. Auch alle unsere Helden haben sie gelesen und besonders Quentin, der Perspektivträger, wünscht sich nicht so sehr, als dass alles wahr ist und er selbst nach Fillory reisen kann. Das typische weltfremde Traum eines hochbegabten Ultranerd also.
Aber dann wird er ein an einer Zauberschule angenommen und lernt, dass nicht nur unendlich viele Welten existieren, sondern auch, dass Magie wirklich wahr ist.
Zu Beginn des Buches ist der Protagonist 17, das fand ich sehr beruhigend. Es wird nämlich extrem viel Alkohol getrunken. Ständig. Und es wird auch viel Sex gehabt, wenn auch nicht explizit. Aber da alle Beteiligten ab ca Seite 80 of age sind, kann man dagegen nichts sagen.
Das Ganze hat ca 400 Seiten und die ersten 200 werden mit der Schulzeit verbracht. Mit anderen Worten, es passiert eigentlich gar nichts, außer dass unsere Helden Magie lernen und ein paar Jahre älter werden. Die Schule wird beschrieben, der Unterricht wird beschrieben, das beliebteste magische Mannschaftsspiel wird beschrieben, Magie an sich wird beschrieben... kurz, man bekommt einen recht guten Begriff von der Art Magie, die der Autor zugrundelegt, ihren Möglichkeiten und ihren Gefahren. Nur einmal gibt es einen dramatischen Zwischenfall. Es liefert alles das, von dem in Potter gerne mehr hätte kommen können. Vielleicht war auch gerade das die Absicht des Autors. Er hätte auch gerne mehr Schulfeeling von Potter gehabt, und weil es das nicht gab - immerhin musste ja ständig Voldemort besiegt werden - hat er's jetzt selbst geschrieben.
Nach der Hälfte des Buches macht Quentin seinen Abschluss und der nächste Teil beschäftigt sich damit, was man als Magier nach dem Abschluss so tut. Da gibt es diverse Möglichkeiten, aber Quentin entspricht genau dem modernen Zeitgeist, hat keine Ahnung, was er tun will, und tut darum genau das: nichts. Er trinkt, er nimmt Drogen, er geht die ganze Nacht auf Partys. Und er hat ein schlechtes Gewissen, weil er nichts mit seinem Leben anfängt.
Also kommt ihm die Möglichkeit, seinen Kindheitstraum zu verwirklichen und nach Fillory zu reisen, gerade recht. Er ist sicher, dass in einer anderen Welt alles besser wird, und dass er König werden wird. Aber es ist etwas Anderes, von Abenteuern zu lesen als Abenteuer zu erleben. Niemand erlebt je ein Abenteuer. Währenddessen ist es immer nur Ärger.
Herr Grossmann hat das Rad nicht neu erfunden. Alles, was er verwendet, lehnt sich deutlich an andere Dinge und Welten an (die auch oft genug zitiert werden, von Herr der Ringe bis eben Harry Potter), und ich denke, das ist Absicht. Er bringt seinen eigenen Twist dazu, seine eigenen Ergänzungen, Ideen und Details, aber im Grunde ist Brakebills deutlich an Hogwarts angelehnt und Fillory ist Narnia - darum erwarten den Leser keine echten Überraschungen und er kann sich auf das konzentrieren, was dieses Buch ausmacht: was wäre, wenn das alles wirklich wahr wäre? Nicht im Sinne von im Geheimen lebenden Magiern oder Parallelwelten, sondern auf die Charaktere bezogen. Was würde passieren, wenn eine Gruppe Nerds aus unserer hochtechnisierten, desillusionierten, modernen Zeit all das tatsächlich erleben würde? Darum ist es wichtig 200 Seiten für eine vollständige Ausbildung der Helden aufzuwenden. Darum ist es wichtig, dass Quentin Eltern hat (und zwar moderne, die sich selbst verwirklichen). Darum ist es wichtig, ausgiebig die Frage zu behandeln, was man anfängt, wenn man die Schule für Magie verlassen hat. Was man mit seinem Wissen anfängt und seiner Macht - und ob diese Macht zwangsläufig jeden korrumpieren muss.
Es geht um das Tempo unserer modernen Welt, um modernde Beziehungen auf jeder Ebene, um Selbstzweifel, Depressionen und die Frage, ob man sich selbst entkommen kann. Die Antwort darauf ist natürlich nein. Egal, wo man hingeht, egal, in welcher Welt man lebt, man nimmt sich selbst immer mit. Dinge ändern sich nur, wenn man sich selbst ändert.
Es geht auch um Egoismus, um Schuld und Verlust. Und um die Frage, warum man weitermachen sollte - im Grunde hat das Leben doch keinen tieferen Sinn, oder?
Es ist das, was man bekommt, wenn man aus allen Magieschulen-Büchern die Weltrettungs-Plots streicht und Narnia aus einer mordernen Warte betrachtet. Im Grunde ist es also eine recht brillante Idee. Den meisten wahrscheinlich zu wenig aktiongeladen, aber mir hat's sehr gefallen. Und das, wo kein Charakter dabei ist, der meinem Schema entspricht. Das würde nicht passen. Dazu ist es ein zu modernes und zu realistisches Buch.