May. 16th, 2021

blauerfalke: (erzählen)
von Karl Heinz Wocker

Das Buch ist von 1987, und man muss das sehr stark im Kontext der Zeit lesen. Denn auch wenn Herr Wocker dankenswerter Weise schon im Vorwort erwähnt, dass es sich weniger um eine Biographie der Königin als um eine Beschreibung ihrer Zeit handelt, dann bleibt es noch immer ein Buch, in dem man über seine titelgebende Person erstaunlich wenig erfährt. Dafür umso mehr über ihre Premierminister und vor allem über ihren Prinzgemahl.
Der grundlegende Tenor ist in etwa folgender: Victoria war dumm, emotional und schlecht ausgebildet (wofür sie aber nichts konnte, denn das war die Schuld ihrer Erziehungsberechtigten). Sie ließ sich von ihren Premierministern manipulieren, hörte Gott sei Dank immer auf ihren Mann, der leider viel zu früh verstarb, und wollte die totale Kontrolle über alle ihre Kinder und deren Familien. Ihre größte Tugend bestand darin, sehr alt geworden zu seib und daher sehr lange auf dem Thron gesessen zu haben, was dem Land eine lange Phase gefühlter Kontinuität und des Friedens bescherte (aber der war nur eine Illusion).
Prinz Albert auf der anderen Seite war zwar mittellos, aber ansonsten alles, was man sich von einem Mann, Vater, Gesprächsparner und Menschen nur wünschen konnte. Er war vielseitig gebildet, ausgeglichen, sparsam, menschenfreundlich, friedliebend und zum Glück hörte seine Frau immer auf ihn, so dass in der leider viel zu kurzen Phase ihrer Ehe das Land einen wirklich fähigen König hatte, der aber leider nicht auf dem Thron saß sondern nur dahinter stand und seiner Frau sagte, was zu tun sei.
Dann starb er. Und es ist total schade, dass wir nicht erlebt haben, was er für das Land, seine Menschen und überhaupt die Welt noch Gutes hätte erreichen können. Darum spekulieren wir immer gerne zwischendurch mal, was der leider schon verstorbene Albert in der ein oder anderen Situation gesagt, getan oder vorgeschlagen hätte. Wäre es nicht wunderbar gewesen, wenn er zum diamantenen Thronjubiläum noch gelebt hätte und wir das tolle friediche Musikfestival, dass er dazu organisiert hätte, hätten erleben können?

Dazwischen werden diverse Premierminister, ihre Politik, ihre Fehler, Schwächen, Stärken, Herkunft, Ehen und ihr Verhältnis zur Krone dargestellt. Leider nicht strikt chronologisch, sondern auch gerne mal in Aus- oder Rückblicken, was noch mehr zur Verwirrung beiträgt, weil einige dieser Premierminister immer mal wieder Premierminister waren, dann wieder nicht, dann aber wieder doch... Hin und wieder hatte ich das Gefühl, dass es sehr hilfreich sein könnte, immer mit dem Zeitstrahl neben dem Text zu lesen, damit ich weiß, wann genau was grade passiert, aber da war ich zu faul für.

Ich habe also sehr viel mehr über Albert und über die dynastischen Zusammenhänge der europäischen Monarchien dank Victorias vieler Kinder gelernt als über Victoria selbst. Ein bisschen hinterlässt das Buch das Gefühl, dass der Autor gezwungen war, über Victoria zu schreiben, aber dazu keine Lust hatte und darum sein Möglichstes getan hat, das zu vermeiden. Zudem ist der Stil aus heutiger Sicht doch recht weitschweifig und anstrengend.

Ich gebe zu, auf den letzten 100 Seiten war ich dann doch froh, dass das Buch bald zu Ende sein wird. (Es hat 508.)

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