Jan. 9th, 2023

blauerfalke: (erzählen)
Musical von Irene Sankoff and David Hein, filmed Broadway Stage Production, 2021

Wie die meisten Menschen meiner Generation weiß ich sehr genau, was ich am 11.September 2001 getan habe. Mir war auch bewusst, dass die USA nach den Attacken zum ersten Mal in ihrer Geschichte ihren Luftraum komplett geschlossen haben. Ich habe mir aber noch nie Gedanken darüber gemacht, für wie lange, und schon gar nicht, was mit den Maschinen war, die auf dem Weg in die USA waren und dort jetzt nicht mehr ankommen konnten. Wenn man von Europa über den Atlantik fliegt, gibt es wahrscheinlich irgendwo den Punkt, an dem man nicht mehr umkehren kann, weil der Sprit nicht reichen würde. Man muss also auf der anderen Seite irgendwo landen, und wenn USA nicht mehr geht, dann ist der nächste Versuch Kanada. Der östlichste Flughafen Kanadas befindet sich auf Newfoundland und die zugehörige Stadt heißt Gander.

Gander hatte neben dem Flughafen damals in etwa 8000 Einwohner, 38 Flugzeuge landeten innerhalb weniger Stunden, und in ihnen saßen in etwa 7000 Passagiere. Sprich, für etwa 5 Tage verdoppelte sich die Einwohnerzahl des Ortes. 7000 Menschen, die keine Ahnung hatten, wo sie waren und keine Ahnung, wie es weitergehen würde und wann. Und Gander krempelte die Ärmel hoch und kümmerte sich um all diese Leute.

Das ist in etwa die Handlung des Musicals (basierend auf Interviews mit Betroffenen und Berichten). Ein Ort stellt sich der Herausforderung und meistert sie. Begegnungen zwischen Menschen aus aller Herren Länder, über alle Sprachbarrieren hinweg, Freundschaften entstehen, die auch nach den fünf Tagen Bestand haben. Ein Stück über das, was die Menschheit erreichen kann, wenn sie wirklich will. Trotzdem des trüben Hintergrunds (in dem all das anklingt, was wir über die letzten 20 Jahre vergessen haben, weil wir uns an all die Veränderungen gewöhnt haben, die 9/11 gefolgt sind - die Ereignisse damals haben die Welt auf mehr als eine Weise für immer verändert, und es ist gut, sich das noch einmal bewusst zu machen) ist es eine optimistische Show. Eine menschliche Show. Eine warme menschliche Show.

Sie haben quasi keinerlei Bühnenbild. Holzboden, Rückwand, das war's quasi schon. Dazu ein paar Tische und Stühle, mit deren Hilfe alle Schauplätze dargestellt werden, vom Flugzeug über die Bar bis zu den Behelfsunterkünften. Das funktioniert ausgezeichent und ist immer eindeutig. Genauso, wie es nie zur Verwirrung führt, wer gerade wer ist, auch wenn jeder der Cast mindestens zwei Rollen spielt. Dazu reichen ein paar einzelne Kleidungsstücke wie Jacken oder Kopfbedeckungen, die die einzelnen Leute an- und ausziehen - und ein nicht zu unterschätzender Teil dieser Eindeutigkeit ist auch der hervorragenden Cast und ihren darstellerischen Fähigkeiten zu verdanken, die jeder Person ihren eigenen Chrakter verleihen. Das geht sogar so weit, dass, wenn man sich anschließend die zugehörige Doku ansieht, man bei den Interviews der tatsächlichen Personen teilweise genau weiß, wer sie sind, bevor sie noch den Namen einblenden können. Wirklich beeindruckend.

Neben den schauspielerischen Qualitäten sind alle Beteiligten natürlich auch hervorragende Sänger (das ist der Broadway) und - extrem wichtig - fantastische Ensemblespieler. Alles greift in jedem Moment ineinander, passt zusammen, funktioniert. In jeder Sekunde wie aus einem Guss und das, ohne auch nur einen Moment gestellt oder angestrengt zu wirken.

Ich mochte auch den Score, der mit vielen verschiedenen Songs glänzt, die die einzelnen Charaktere gut darstellen und unterstützen, und von dem ich tatsächlich überlege, den zu kaufen. Schon alleine für ihren "Welcome to the Rock"-Startersong, bei dem ich schon bevor er zu Ende war wusste, dass diese Show funktionieren wird. Und ich war da wirklich skeptisch... eine Show über 9/11 ist jetzt nicht grade das, was ich mir so aussuchen würde. Unbegründetes Vorurteil.

Sehr, sehr, sehr viel besser als erwartet. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich versucht, sie mir 2019 in London anzusehen. Aber, wie gesagt, Vorurteile. Auch das ist eine gute Erinnerung im Sinne der Show: Vorurteile sind nie gut. Immer erst informieren. Wenn möglich, genau informieren.
blauerfalke: (foto)
Heute: "Come from Away" und Knock-Knock-Jokes

Person 1: Dou you know why Newfoundlanders are bad at Knock-Knock-Jokes?
Person 2: No idea. Why?
Person 1: Well, let's try.
Person 2: Knock Knock!
Person 1: Come on in! Door's open!

Um zu verstehen, was der Witz an der Sache ist, muss man wissen, was ein Knock-Knock-Joke ist.
Es handelt sich um eine im englischsprachigen Raum sehr bekannte Witzart, die nach dem Schema funktioniert, dass die erste Person so tut, als würde sie an eine Tür klopfen - "Knock Knock" - die zweite Person fragt: "Who's there?" und die erste Person antwortet mit irgendetwas, meist einem Namen, auf den die Frage "[Name] who?" zu erfolgen hat, so dass die erste Person mit einem mehr oder weniger flachen Pun darauf antworten kann. Da es sich meistens um Kinderwitze handelt, ist flach eher die Regel als die Ausnahme.

Ein Beispiel für einen Knock-Knock-Joke findet sich im Original-Libretto von "Starlight Express" und hat mich über Jahre total verwirrt, was das Ganze soll, weil es ohne das Hintergrundwissen über das Witzschema überhaupt keinen Sinn macht (und selbst mit auch nur wenig, aber das ist halt Starlight).

Darum jetzt ein anderes Beispiel, das ich mir ehrlich ergoogled habe.

Knock Kock!
Who's there?
Tank.
Tank who?
You're welcome.

(Für den Fall, dass es jemand nicht versteht - Tank who klingt nach Thank you. Wie gesagt, Pun.)

Zurück zum eigentlichen Witz, den wir jetzt verstehen:
Newfoundlanders sind schlecht in Knock-Knock-Jokes, weil sie niemals "Who's there?" fragen, wenn jemand an die Tür klopft, sondern immer gleich "Come on in! Door's open!" rufen. Und ohne das "Who's there?" funktioniert halt das Witzschema nicht.

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