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von Sir Geoffrey de la Tour, Caxton-Edition, mit Anmerkungen von Rebecca Barnhouse

Sir Geoffrey de la Tour Landry lebte von ca 1330 bis maximal 1406 und war ein Adliger in Anjou, Frankreich. Außerdem hatte er zwei Söhne und zwei Töchter, und weil sich auch damals schon alle Eltern große Gedanken über Erziehung machten, hat er zwei erbauliche Bücher geschrieben, um seinen Söhnen und Töchtern beizubringen, wie sie sich korrekt, sittsam und vor allem gottgefällig verhalten. Das Buch für seine Söhne ist leider verschollen, aber das Buch für seine Töchter ist erhalten.


Caxton hat es gegen Ende des 15.Jahrhunderts übersetzt und gedruckt, denn auch damals waren erbauliche Ratgeber-Bücher für junge Damen sehr en vogue. Anders als andere Autoren/Autorinnen bedient sich Sir Geoffry dabei aber vor allem Beispielen, sprich Geschichten, und nicht trockener Anweisungen. Die Beispiele von tugendhaften und edlen Damen sollen seinen Töchtern als Anleitung dienen und die Beispieler böser und sittenloser Weiber als Abschreckung. Bücher - auch zu Caxtons Zeiten, der die erste Gutenberg-Presse nach London brachte - waren Luxusgüter und rar, und Bücher zu besitzen war ein Statussymbol. Ein so geachtetes und wichtiges Buch zu besitzen war noch sehr viel mehr wert. Gesprächsstoff und Bewunderung in der Nachbarschaft, und das Privileg, eingeladen zu werden, um Kapitel aus dem Buch anhören zu dürfen. Denn das Buch war nicht zum alleine lesen gedacht. Sowohl Sir Geoffreys Töchter als auch die einer fiktionalen Familie 100 Jahre später, die die Caxton-Edition kauft, werden das Buch laut vorgelesen haben, in Gesellschaft und bei Handarbeiten. Und nach jeder Geschichte darüber gesprochen haben, welche Lehre daraus zu ziehen ist und wie gut oder schlecht die Beteiligten gehandelt haben.

Genau das ist der Kunstgriff, dessen sich Frau Barnhouse in ihren Anmerkungen bedient. Die Namen von Sir Geoffreys Töchtern sind überliefert, für die Beispielfamilie erfindet sie zwei weitere, und setzt so das Buch in beiden Epochen in einen größeren Zusammenhang. So begreift man das soziale Umfeld beider Familien und warum es so wichtig war, gerade Töchter in großer Tugend zu erziehen. Und warum Kaufleute im London des 15.Jahrhunderts erbauliche Bücher von französischen Adeligen aus dem 14.Jahrhundert lesen.

Sehr spannend, gerade durch die sozialhistorischen Komponenten und sehr viel weniger schwierig zu lesen, als ich mir das vorgestellt hatte. Frau Barnhouse hat alle Texte von Sir Geoffrey basierend auf Caxtons Version in modernes Englisch übertragen (und die Kapitelüberschriften auch zusätzlich in Caxtons Version belassen, weil das nett ist), das liest sich flüssig, und auch ihre Anmerkungen und Erklärungen sind gut zu lesen und verständlich.

Sehr bedauerlich, dass das Buch für die Söhne nicht erhalten ist, es wäre sehr interessant zu erfahren, was Sir Geoffrey denen geraten hat. Ob er ihnen gegenüber die "boys will be boys"-Attitüde aufrecht erhält, die er seinen Töchtern als Mahnung mitgibt, oder ob er versucht, seine Söhne zu anderen, besseren Männern zu erziehen...
Der größte Teil des Buches dreht sich übrigens um den gottgefälligen Teil. Nichts ist wichtiger, als sein Leben nach Gottes Gebot auszurichten, denn das irdische Leben währt nur kurz, das nach dem Tod aber ewig. Und wer will das schon in Hölle oder Fegefeuer verbringen?

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