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Aberystwyth ist ein Ort in Ceredigion. Er liegt direkt an der Küste, in seiner eigenen halbkreisförmigen Bucht, die auch mehr oder weniger von der viktorianischen Promenade ausgefüllt wird. Am einen Ende sind die Ruinen der Burg und am anderen die Cliff Railway, eine ebenfalls viktorianische Standseilbahn, mit der man auf Constitution Hill fahren kann, um von dort eine wirklich tolle Aussicht auf Aberystwyth zu haben.
Neben der Seepromenade ist Aberystwyth vor allem dafür bekannt, dass dort im Jahr 1872 die erste Universität von Wales gegründet wurde. Damals hieß sie University College, was erklärt, warum das alte Gebäude „Yr Hen Goleg“ (das alte College) heißt, und hatte 3 Professoren und 26 Studenten. Heute heißt sie „Prifysgol Aberystwyth“ (Universität Aberystwyth) und hat einen Campus außerhalb der Innenstadt, der dem Aussehen nach aus den 1970ern stammt. Überraschend ist, dass die Studenten der Uni, obwohl der Campus außerhalb liegt, im Stadtbild sehr präsent sind. Das kann daran liegen, das die Promenade und der Strand die Hauptattraktionen sind, aber es gibt der Stadt ein junges Flair.


Aberystwyth hat ca 16 000 Einwohner und kein Stadtrecht. Im Sommer ist es ein beliebtes Touristenziel und entsprechend voll, außerhalb der Saison ist es eher ruhig. Der Strand ist schwarz und aus Steinen, nicht aus Sand. Die Innenstadt ist erfreulich viktorianisch und die vor zwei Jahren im Sturm zerstörte Strandpromenade haben sie perfekt wieder aufgebaut. Man hört sehr viel Walisisch auf der Straße und in den Geschäften, es gibt sehr viele Hunde und diverse Wanderwege. Der bekannteste davon ist der Welsh Coast Path, der logischerweise auch in Aberystwyth vorbeiführt, denn es liegt ja am Meer. Zwei weitere, die auch für Radfahrer geeignet sind, führen entlang der beiden Flüsse, dem Rheidol und dem Ystwyth.

Wer nicht selbst laufen oder Radfahren will, kann die Vale of Rheidol Steam Railway nehmen, eine der Great Little Steam Trains of Wales, die auch in der Nebensaison noch täglich nach Devil's Bridge und zurück fährt.

Nennenswerte Industrie gab und gibt es keine. Darum war Aberystwyth im zweiten Weltkrieg einer der Lagerorte für die britischen Schätze. Es liegt schön weit weg von Deutschland, und „there is nothing to bomb in Aberystwyth, except a sheep or two – but then, you could do that anywhere“.

Nichts zu bombardieren… Nun, es gibt seit 1915 ein ziemlich großes, weißes Gebäude auf Penglais Hill, im Osten von Aberystwyth, das sehr gut zu sehen ist, also ein tolles Ziel bietet. Und genau das hat es gerettet, denn die deutsche Luftwaffe hat es als Navigationspunkt benutzt und darum verschont. Genau darunter in Tunneln lagen übrigens die Schätze.

Es handelt sich um die Llyfrgell Genedlaethol Cymru, die Walisische Nationalbibliothek.
Die ist in Aberystwyth, weil Sir John Williams versprochen hatte, Geld und seine persönliche Sammlung alter Manuskripte zu stiften, aber nur, wenn die Bibliothek in Aberystwyth gebaut würde. Da Sir John in Aberystwyth wohnte (übrigens in einem der beiden Häuser, aus denen heute das Hotel Glendower besteht, in dem ich gewohnt habe), konnte er die Einhaltung seiner Bedingung sehr leicht überwachen. Er wurde dann auch gleich der erste Präsident der Bibliothek.

Wie schon bei der Universität stammten die Gelder für die Nationalbibliothek nicht nur von Regierung und reichen Landbesitzern, sondern auch von Menschen überall in Wales, die etwas zu der Idee beitragen wollten, und sei es auch ein noch so kleiner finanzieller Beitrag. Darum ist einer der Leitsprüche der Bibliothek „from the people, for the people“. Das bedeutet, dass sie wirklich jedem offensteht. Wenn man ihre Ressourcen nutzen will, muss man sich einen Leseausweis ausstellen lassen, aber das geht schnell und ist kostenlos. Und ebenso kann jeder zu den Vorträgen und anderen Veranstaltungen kommen. Kostenlose Eintrittskarten solange der Vorrat reicht.

Neben Büchern besitzt die Bibliothek auch noch Massen von Gemälden, Fotografien, Filmen, Tonaufnahmen und andere Arten von Dokumenten und Kunstwerken. Viele davon werden in immer wieder wechselnden Ausstellungen gezeigt. Die aktuelle heißt „Arthur a Chwedloniaeth Cymru“ (Arthur und Walisische Mythologie) und beschäftigt sich mit der Legende von König Artus und dem Mabinogion. Für das Mabinogion haben sie neben einer Geschichte der Texte und einem Bereich über Lady Charlotte Guest, ihre Übersetzerin, vor allem künstlerische Interpretationen der Geschichten ausgestellt. Bilder (eines ist von Turner), Filmausschnitte und eine Tonaufnahme.
Für den Artus-Bereich haben sie auf ihre Core-Collection zurück gegriffen, denn Sir John war ein Sammler von Rang, und seine Sammlung enthielt unter anderem das Llyfr Du Caerfyrddin (Black Book of Carmarthen), das heute als ältestes Beispiel eines walisischen Textes gilt, und das „Pa gur“ enthält, den ältesten Text, der König Artus erwähnt.
Ferner sind sie auch noch im Besitz der ältesten künstlerischen Darstellung von König Artus, und beide Bücher sind Teil der aktuellen Sonderausstellung.

Und sie haben den Heiligen Gral, aber der ist immer zu sehen, nicht nur im Moment.

Die Sprache der Bibliothek ist übrigens Walisisch, aber alle sprechen natürlich auch Englisch, und tun das bereitwillig. Alle sind sehr freundlich, sogar herzlich, und extrem hilfsbereit. Man kann gar nicht anders, als sich willkommen zu fühlen, auch wenn man manchmal das Gefühl hat, der einzige Tourist im ganzen Gebäude zu sein.

Zusatztipp: Sie haben eine geführte Tour zweimal die Woche. Da kommt man auch hinter die Kulissen. Sehr spannend.

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