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von Johannes Lehmann

Untertitel: Eine respektlose Annäherung

Es ist ein deutsches Buch, darum muss man solche Untertitel dazuschreiben, damit der deutsche Leser gleich gewarnt ist. Deutsche haben ja bekanntlich keinen Humor und erwarten darum von einer Schiller-Biographie, dass sie sehr getragen, ernsthaft und ehrfurchtsvoll daherkommt. Wäre es ein englisches Buch, dann stünde kein Untertitel drauf, aber dafür ein begeistertes Zitat eines Rezensenten, mit Wörtern wie "thrilling" oder "vibrant" drin. Und niemand würde sich wundern, dass es ein unterhaltsames Buch ist.


Denn das ist es wirklich. Es ist unterhaltsam, es ist interessant geschrieben, und es ist weder in Ehrfurcht erstarrt noch respektlos. Ich würde sagen, es ist menschlich, und es nähert sich dem Menschen Schiller in einer lockeren, direkten Weise. Der Autor ist offenbar ein Schiller-Fan - aber das ist zu erwarten, wenn er eine Schiller-Biographie schreibt. Und wie erwartet, kommt dabei Goethe eher weniger gut weg. Vor allem aber kommt die viel beschworene innige Freundschaft der beiden großen deutschen Schriftsteller weniger gut weg. Um nicht zu sagen, sehr schlecht weg. Ich persönlich finde das sehr traurig, aber darum geht's ja nicht.

Die Biographie beginnt mit Schillers erster Beerdigung. Wie Herr Lehmann uns mitteilt, das muss so sein, denn Schiller ist so oft beerdigt worden, dass man es keinem Leser zumuten kann, all diese Beerdigungen am Ende des Buches hintereinander weg zu lesen. Darum beginnt er schonmal mit der ersten, die anderen folgen dann später.
Bei dieser ersten Beerdigung wird Schiller mitten in der Nacht ohne Trauerzug oder Grabrede in aller Stille in einem Massengrab beigesetzt. Es folgt zwar eine Art Gedenkfeier am nächsten Tag - Herr Lehmann beklagt sich darüber, dass dabei Mozart gespielt wird. Ich finde das eher passend, denn schließlich wurde Mozart auch ohne jede Zeremoniell in ein Massengrab gesteckt. Gemeinsamkeit.

Lassen wir das. Eine Biographie beschäftigt sich naturgemäß mit dem Leben und Schaffen des Protagonisten, und Herr Lehmann beginnt dann nach der Beerdigung auch wieder vorne und arbeitet sich chronologisch durch Schillers Leben. Dabei macht er hin und wieder mal Zeitsprünge, aber nicht so, dass es verwirrend wäre. Auch fügt er ergänzende Kapitel zwischen, um die Zeit und die Lebensumstände der Menschen am Ende des 18.Jahrhunderts zu erklären und damit Dinge, die Schiller getan hat oder die ihm widerfahren sind, in den richtigen Kontext zu setzen. Das fand ich sehr angenehm und interessant. Auch gibt es Goethe-Kapitel, die das Leben Goethes sozusagen als Kontrast zu dem von Schiller setzen, denn von Geburt an haben beide sich ganz anderen Voraussetzungen gegenüber gesehen. Auch das hilft mit Einordnung und Verständnis. Und wie gesagt, es wird nie auch nur für eine Sekunde langweilig.

Wir lernen also, dass Schiller dreimal beerdigt wurde (falls die beiden anderen Beerdigungen wirklich seine Knochen waren, denn das ist bei Massengräbern ja nicht so leicht herauszufinden), drei wichtige Charlottes in seinem Leben existierten, er sehr viel mehr Bücher verkauft hat als Goethe, sehr viel populärer war, trotzdem mehr oder weniger sein ganzes Leben auf die Hilfe von Freunden angewiesen war, weil das Gehalt, dass ihm in Weimar gezahlt wurde, gerade einmal die Hälfte von dem betrug, das ein Schauspieler am Weimarer Theater bekam (und einen Bruchteil von dem von Goethe), dass er beim Schreiben sehr viel Lärm gemacht hat, sich wie besessen in kurzer Zeit in nahezu jedes Thema einarbeiten konnte, ziemlich hässlich war, aber dabei ein liebenswürdiger, eher schüchterner Mensch, und dass er Arbeit benutzt hat, um sich von seinen schweren körperlichen Leiden abzulenken. Der Sieg des Verstandes über den Körper. Auch die legendären faulen Äpfel in der Schreibtischschublade fehlen nicht, auch wenn es eher darum geht, dass sie Schiller das Atmen erleichtern, als darum, dass der Geruch inspirierend sein soll.
Und nicht zu vergessen lernen wir, dass Schiller bis zum Zweiten Weltkrieg als deutscher Nationaldichter angesehen wurde, nicht Goethe. Aber da er leider auch von den Nazis als solcher angesehen und instrumentalisiert wurde, gab es nach dem Zusammenbruch des Drittes Reiches eine gewisse Zögerlichkeit, sich weiter mit ihm zu beschäftigen. Was wiederum Goethe zugute kam.

Es gibt diesen schönen Spruch, dass alle bekannten Zitate im Englischen aus Shakespeare oder Alice im Wunderland stammen. Im deutschen stammen alle bekannten Zitate aus der Lutherbibel oder aus dem Faust. Auch damit räumt Herr Lehmann auf. Kostprobe? "Errötend folgt er ihren Spuren - Alles rennet, rettet, flüchtet - Er zählt die Häupter seiner Lieben - Drum prüfe, was sich ewig bindet - Wehe, wenn sie losgelassen" Alles Schiller, alles aus der Glocke. Herr Lehmann gibt uns noch über eine Seite weiterer Beispiele und macht dann mit Parodien weiter - nur, was bekannt ist, kann man parodieren, sonst funktioniert der Scherz nicht.

Ich lese gerne englische Geschichtsbücher, weil ich die besser geschrieben finde als deutsche. Dieses braucht den Vergleich nicht zu scheuen. Hat sich sehr gelohnt.

Und es hilft natürlich, dass ich seit der LK-Kursfahrt nach Weimar 1992 auch eher für Schiller eingenommen bin als für Goethe (ich halte den Faust trotzdem für ein brillantes Drama, keine Sorge). Goethe-Fans haben mit dem Buch wahrscheinlich keinen Spaß, jedem anderen möchte ich es empfehlen.

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