blauerfalke: (geschichten)
[personal profile] blauerfalke
von Thomas Thiemeyer


Der berliner Straßenjunge Oskar versucht, den unehelichen Sohn von Alexander von Humboldt zu bestehlen und findet sich wenig später zusammen mit Humbolt, dessen Nichte Charlotte und der haitischen Heilerin Eliza auf einer Expedition in die Anden wieder, auf der Suche nach einem legendären Volk, das das Fliegen mit Hilfe von Wasserstoff-Ballons erfunden hat. Und nach dem Fotographen, der auf der Suche nach eben diesem Volk verschwunden ist - nach dem sucht auch ein Reporter der New Yorker Zeitung, für die der Fotograph arbeitet, in Begleitung einer Söldnerin, die mit Humboldt noch eine Rechnung offen hat.
Das Ganze spielt Ende des 19.Jahrhunderts.

Es ist eine klassische Abenteuergeschichte im Stil von Jules Verne, und das ist zugleich die größte Stärke des Buchs und seine größte Schwäche. Die größte Stärke, weil es dem Stil, der Schreibweise und der Handlungsart treu bleibt. Es hat Charme in seiner manchmal recht zufälligen und vorhersehbaren Art von Geschehnissen, es gibt natürlich eine Prophezeiung des primitiven Stamms, die genau auf die Reisegruppe passt, und es gibt einen nichtmenschlichen Feind, den es loszuwerden gilt, was natürlich nur geht, wenn sich alle zusammentun.
Die größte Schwäche, weil es eben manchmal recht zufällig und vor allem vorhersehbar ist. Und weil sich der Autor dessen anscheinend bewusst ist, denn er hat das Buch als Jugendbuch angelegt und darum Oskar zur zentralen Figur gemacht. Das ist gut für die Zielgruppe und erleichtert es, aus Humboldt einen mysteriösen, undurchschaubaren Charakter zu machen, was wiederum gut fürs Klischee ist. Denn Klischees gibt es reichlich - auch das Stärke und Schwäche des Buches.
Der Gipfel dieser Klischees ist übrigens besagte Söldnerin. Eine intelligente, hochgebildete Frau, eine so begnadete Kämpferin, dass ihr als einzige Frau jemals gestattet wurde, im Shaolin-Kloster zu lernen, selbstbewusst, nicht auf den Mund gefallen... und ihr größter Traum war, es ihr Leben an Humboldts Seite zu verbringen. Weil er sie sitzengelassen hat, ist daraus nicht geworden und jetzt verbringt sie ihr ganzes Leben damit, ihn dafür zu Rechenschaft ziehen zu wollen, dass er ihr Leben ruiniert hat.
Natürlich erweist sie sich am Ende als die wahre Auserwählte und opfert sich im Kampf. Wie gesagt, Klischee. In einem 100 Jahre alten Roman würde ich das innovativ und vielleicht sogar charmant finden, in einem Roman von 2012 nehme ich es in Kauf, weil es eben dem Stil und der Absicht geschuldet ist.

Im Ganzen ist es nett gemacht und gut zu lesen, was schon viel mehr ist, als ich erwartet hatte, nachdem ich vor Jahren mal "Nebra" vom gleichen Autor gelesen habe. Es ist leichte Kost, um es zwischendurch zu lesen, ohne tiefer zu berühren - und der beste Charakter ist tatsächlich Wilma, der Kiwi.
Auch wenn ich zugebe, dass ich den Reporter schon irgendwie mochte, auch wenn dessen Entwicklung vom Weichei zum Abenteurer vollkommen unglaubwürdig war.

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