Der Mann mit dem Lachen
May. 19th, 2019 12:18 pmMusical von Frank Nimsgern, Tilman von Blomberg und Alexander Kuchinka
Auftragsarbeit der Staatsoperette Dresden, und die spielen auch
Herr Nimsgern ist der Komponist von rockigen, energiegeladenen Show-Scores wie "Der Ring" oder "SnowWhite". Viel Drive, viel Gitarre, viel Power, so seltsam der Rest der Shows auch sein mag. Also hatten wir uns das wieder erhofft. Eine etwas seltsame Show, aber eben kraftvolle Musik und ein philosophischer Schluss-Song, damit man auch was gelernt hat.
Die anderen beiden Beteiligen kenne ich bewusst nicht, habe also auch nichts erwartet. Die Staatsoperette hingegen hat einen guten Ruf, was Musicals angeht, und "Singin' in the Rain" damals war wirklich toll.
Das ist schon ein paar Jahre her und seitdem ist die Staatsoperette umgezogen. In ein stillgelegtes Kraftwerk, das jetzt als Kulturzentrum fungiert, und darum sieht das Foyer aus wie eine Mischung aus Fabrikhalle und Flugzeughangar. Auch der Bühnenraum ist modern, aber geschickt aufgebaut und als Theater wirklich gut geeignet. Viel Platz, sehr gute Sicht, das ist wirklich gut geworden. Auch das Fronthaus-Personal ist sehr freundlich und hilfsbereit. Gute Voraussetzungen also.
Um ehrlich zu sein, das Beste am Stück war das Bühnenbild. Das ist modern-flexibel, mit zwei begehbaren Gerüsten vorne an den Seiten, die oben eine Brücke bilden, und einer Drehbühne mit einer weiteren Wand in der Mitte, die diverse Ebenen, Türen und Projektionsflächen hat, die auch alle eifrig und gekonnt genutzt werden. Flexibel, funktional und es sah in jedem Moment gut aus. (Bühnenbild Sam Madwar)
An zweiter Stelle kommt die Tanzcast (Choeographie Simon Eichenberger). Gut eingesetzt, passend mit Chor und Statisterie verbunden, interessante Choreographien, gut umgesetzt, da gibt es nichts zu meckern. Das Stück hat keine echten Tanzszenen, sprich, es bleibt immer Szenenuntermalung, aber das ist ja auch was wert.
Darüber hinaus hatte ich das Gefühl, dass die ganze Sache sehr unausgegoren ist und doch ziemlich auseinanderfällt. Das beginnt mit dem Prolog, wo einem Irischen Royalisten von den Parlamentariern als Strafe seine Ländereien weggenommen werden und er mit seiner Familie an die Westküste Irlands - scheint sehr schrecklich zu sein da - verbannt wird. Erst glaubt man, dass der junge Sohn später besagter Mann mit dem Lachen sein könnte, aber man kommt ziemlich schnell darauf, dass das zu lange vorher spielt. Zumindest, wenn man weiß, dass Queen Anne nicht die erste Königin nach der Wiedereinsetzung ist. Man fragt sich also, was dieser Prolog eigentlich soll, bis uns und unserem Hauptfigur im zweiten Akt eine Figur mit dem schwer zu behaltenden Namen Barkilphedro erklärt, dass er damals das Kind war, und dass er besagten Parlamentarier, der den Befehl ausführte, als Rache getötet hat, und dass der wiederum der Vater unserer Hauptfigur war. Ja, Politik hat schon ganze Familienfehden ausgelöst. Nicht grade ein Motiv, das uns dazu verhilft, einer Figur näher zu kommen.
Unsere Hauptfigur ist also nicht das Kind aus dem Prolog, aber das Kind aus der nächsten Szene, die auch total überflüssig ist - man hätte auch einfach in der dritten Szene sagen können, dass der Quacksalber Ursus unsere Hauptfigur, den entstellten Gwynplaine und die blinde Dea, die wiederum von Gwynplaine als Baby im Schnee gefunden wurden, aufgelesen und aufgezogen hat. Egal.
Im Grunde geht es darum, dass Gwynplaine der Erbe eines Adelstitels samt enormem Vermögen ist und dass Queen Anne will, dass ihre Halbschwester ihn heiratet, damit sie ihr nicht mehr auf der Tasche liegt. Barkilphedro hat übrigens was mit besagter Schwester, darum wollen sie Gwynplaine umbringen, wenn mal ein Kind da ist, und dann von seinem Reichtum leben. Nach und nach erschließt sich Gwynplaine dieser Plan, außerdem glaubt er an die Demokratie, weshalb er am Ende samt Ziehvater und Dea nach Holland auswandert. Da gibt's ja auch guten Käse, nicht bloß Cheddar. Ja, dieser Satz fällt im Stück, wenn auch vom Ziehvater.
Um da am Ende anzukommen, erleben wir als Tiefpunkte eine Verführungsszene in der die Halbschwester der Königin in schwarzen Strapsen und Spitzenkorsage ein Lied darüber singt, dass alles schmutzige und eklige sie anmacht, während sie über Gwynplaine eindeutige Bewegungen ausführt, und eine Lobeshymne auf die Verwaltung, die toll choreographiert ist, aber so wenig zu egal was in diesem Stück passt, dass sie deutlich nach "wir müssen umbauen oder unser Hauptdarsteller muss sich umziehen, darum muss hier ein Song rein" schmeckt. Auch sagt natürlich nichts so sehr "Ich bin ein Bösewicht" wie eine Person, die überraschend in Akt 2 auftritt, in ihrem einzigen Song der Hauptperson irgendwelche wichtigen Informationen mitteilt und währenddessen vollkommen zusammenhanglos damit beginnt, Kokain zu schnupfen. Auch ohne dass wir mehrfach in aller Breite gesagt bekommen, dass genau diese Person Gwynplaines Gesicht entstellt hat.
Der Rest plätschert so vor sich hin, die Musik klingt belanglos - da hilft auch das beeindruckend spielende Orchester mit wirklich gutem Klang nichts mehr. Einzig der Verführungssong hat sowas wie Drive, dazu kommt noch ein ähnlich gutes Solo für dieselbe Rolle im zweiten Akt, mit dem sie sich über Gwynplaine lustig macht, und ein "Du bist ein Adliger"-Erklärsong in Akt 1 für Barkilphedro, der ein treibendes Rhythmusriff hat, und darum Interesse auslöst. Alles andere bleibt gefällig und darum nicht im Ohr. Bei Gwynplaine geht das so weit, dass ich das Gefühl hatte, dass er nur eine einzige Melodie zu singen hat, im der es darum geht, nach oben zu kommen, oben zu sein oder nicht oben sein zu wollen. Wenigstens bewegen sich die Texte auf einem ähnlichen Niveau, Dinge wie "ich habe Rechte/viel mehr als ich dächte" bleiben seltene Ausnahmen.
Alle Beteiligten singen gut - außer Queen Anne, das ist eine Sprechrolle - und ebenso kommen alle Beteiligten mit der Partitur deutlich zu hören an ihre Grenzen. Bei Anke Fiedler (besagte Halbschwester) bedauere ich das sehr stark, da sie stellenweise eine wirklich beeindruckende Stimme zeigt, weshalb es umso mehr schade ist, dass es eben doch nicht ganz reicht. Vielleicht ist solchen Problemen auch geschuldet, dass viele Lieder nicht in denen im Musical üblichen deutlichen Schlussnoten enden, sondern irgendwie auslaufen, so dass man sich manchmal nicht ganz sicher ist, ob ein Lied schon zu Ende ist oder nicht. Oder es war Absicht und Herr Nimsgern wollte uns damit irgendetwas sagen, was ich dann aber leider nicht verstanden habe.
Angelika Mann als Queen Anne ist der Star des Abends, wobei sicher hilft, dass sie eine komisch-überzogene Rolle zu spielen hat, und darum unterhaltsam ist, für Lacher sorgt und das Stück für kurze Momente lockerer und weniger bemüht wirken lässt. Bester Schauspieler auf der Bühne ist aber mit Sicherheit Christian Grygas als Barkilphedro. Die Rolle ist zwischen Erklärer der Umstände und Bösewicht des Stücks angesiedelt, das bietet Potential, und dass nutzt Herr Grygas. Auch er stößt gesanglich an seine Grenzen, aber er hat Bühnenpräsenz und versteht seine Rolle geschickt mit kleinen Nuancen und Leben zu füllen.
Es war also nicht gerade das, was wir uns erhofft hatten. Es war nicht einmal das Level, das ich mir von der Staatsoperette Dresden erhofft hatte. Aber vielleicht ist das das Problem mit Auftragsarbeiten - man hat ein Stück schreiben lassen, man hat ein Hausensemble und jetzt muss man irgendwie sehen, wie es zusammenpassen könnte. Ich glaube, ich habe noch nie bewusst eine Auftragsarbeit gesehen...
PS: Es gab einen philosophischen Schluss-Song. Tenor: "Ich habe die Liebe erlebt, jetzt weiß ich, was wirklich zählt". Immerhin.
Auftragsarbeit der Staatsoperette Dresden, und die spielen auch
Herr Nimsgern ist der Komponist von rockigen, energiegeladenen Show-Scores wie "Der Ring" oder "SnowWhite". Viel Drive, viel Gitarre, viel Power, so seltsam der Rest der Shows auch sein mag. Also hatten wir uns das wieder erhofft. Eine etwas seltsame Show, aber eben kraftvolle Musik und ein philosophischer Schluss-Song, damit man auch was gelernt hat.
Die anderen beiden Beteiligen kenne ich bewusst nicht, habe also auch nichts erwartet. Die Staatsoperette hingegen hat einen guten Ruf, was Musicals angeht, und "Singin' in the Rain" damals war wirklich toll.
Das ist schon ein paar Jahre her und seitdem ist die Staatsoperette umgezogen. In ein stillgelegtes Kraftwerk, das jetzt als Kulturzentrum fungiert, und darum sieht das Foyer aus wie eine Mischung aus Fabrikhalle und Flugzeughangar. Auch der Bühnenraum ist modern, aber geschickt aufgebaut und als Theater wirklich gut geeignet. Viel Platz, sehr gute Sicht, das ist wirklich gut geworden. Auch das Fronthaus-Personal ist sehr freundlich und hilfsbereit. Gute Voraussetzungen also.
Um ehrlich zu sein, das Beste am Stück war das Bühnenbild. Das ist modern-flexibel, mit zwei begehbaren Gerüsten vorne an den Seiten, die oben eine Brücke bilden, und einer Drehbühne mit einer weiteren Wand in der Mitte, die diverse Ebenen, Türen und Projektionsflächen hat, die auch alle eifrig und gekonnt genutzt werden. Flexibel, funktional und es sah in jedem Moment gut aus. (Bühnenbild Sam Madwar)
An zweiter Stelle kommt die Tanzcast (Choeographie Simon Eichenberger). Gut eingesetzt, passend mit Chor und Statisterie verbunden, interessante Choreographien, gut umgesetzt, da gibt es nichts zu meckern. Das Stück hat keine echten Tanzszenen, sprich, es bleibt immer Szenenuntermalung, aber das ist ja auch was wert.
Darüber hinaus hatte ich das Gefühl, dass die ganze Sache sehr unausgegoren ist und doch ziemlich auseinanderfällt. Das beginnt mit dem Prolog, wo einem Irischen Royalisten von den Parlamentariern als Strafe seine Ländereien weggenommen werden und er mit seiner Familie an die Westküste Irlands - scheint sehr schrecklich zu sein da - verbannt wird. Erst glaubt man, dass der junge Sohn später besagter Mann mit dem Lachen sein könnte, aber man kommt ziemlich schnell darauf, dass das zu lange vorher spielt. Zumindest, wenn man weiß, dass Queen Anne nicht die erste Königin nach der Wiedereinsetzung ist. Man fragt sich also, was dieser Prolog eigentlich soll, bis uns und unserem Hauptfigur im zweiten Akt eine Figur mit dem schwer zu behaltenden Namen Barkilphedro erklärt, dass er damals das Kind war, und dass er besagten Parlamentarier, der den Befehl ausführte, als Rache getötet hat, und dass der wiederum der Vater unserer Hauptfigur war. Ja, Politik hat schon ganze Familienfehden ausgelöst. Nicht grade ein Motiv, das uns dazu verhilft, einer Figur näher zu kommen.
Unsere Hauptfigur ist also nicht das Kind aus dem Prolog, aber das Kind aus der nächsten Szene, die auch total überflüssig ist - man hätte auch einfach in der dritten Szene sagen können, dass der Quacksalber Ursus unsere Hauptfigur, den entstellten Gwynplaine und die blinde Dea, die wiederum von Gwynplaine als Baby im Schnee gefunden wurden, aufgelesen und aufgezogen hat. Egal.
Im Grunde geht es darum, dass Gwynplaine der Erbe eines Adelstitels samt enormem Vermögen ist und dass Queen Anne will, dass ihre Halbschwester ihn heiratet, damit sie ihr nicht mehr auf der Tasche liegt. Barkilphedro hat übrigens was mit besagter Schwester, darum wollen sie Gwynplaine umbringen, wenn mal ein Kind da ist, und dann von seinem Reichtum leben. Nach und nach erschließt sich Gwynplaine dieser Plan, außerdem glaubt er an die Demokratie, weshalb er am Ende samt Ziehvater und Dea nach Holland auswandert. Da gibt's ja auch guten Käse, nicht bloß Cheddar. Ja, dieser Satz fällt im Stück, wenn auch vom Ziehvater.
Um da am Ende anzukommen, erleben wir als Tiefpunkte eine Verführungsszene in der die Halbschwester der Königin in schwarzen Strapsen und Spitzenkorsage ein Lied darüber singt, dass alles schmutzige und eklige sie anmacht, während sie über Gwynplaine eindeutige Bewegungen ausführt, und eine Lobeshymne auf die Verwaltung, die toll choreographiert ist, aber so wenig zu egal was in diesem Stück passt, dass sie deutlich nach "wir müssen umbauen oder unser Hauptdarsteller muss sich umziehen, darum muss hier ein Song rein" schmeckt. Auch sagt natürlich nichts so sehr "Ich bin ein Bösewicht" wie eine Person, die überraschend in Akt 2 auftritt, in ihrem einzigen Song der Hauptperson irgendwelche wichtigen Informationen mitteilt und währenddessen vollkommen zusammenhanglos damit beginnt, Kokain zu schnupfen. Auch ohne dass wir mehrfach in aller Breite gesagt bekommen, dass genau diese Person Gwynplaines Gesicht entstellt hat.
Der Rest plätschert so vor sich hin, die Musik klingt belanglos - da hilft auch das beeindruckend spielende Orchester mit wirklich gutem Klang nichts mehr. Einzig der Verführungssong hat sowas wie Drive, dazu kommt noch ein ähnlich gutes Solo für dieselbe Rolle im zweiten Akt, mit dem sie sich über Gwynplaine lustig macht, und ein "Du bist ein Adliger"-Erklärsong in Akt 1 für Barkilphedro, der ein treibendes Rhythmusriff hat, und darum Interesse auslöst. Alles andere bleibt gefällig und darum nicht im Ohr. Bei Gwynplaine geht das so weit, dass ich das Gefühl hatte, dass er nur eine einzige Melodie zu singen hat, im der es darum geht, nach oben zu kommen, oben zu sein oder nicht oben sein zu wollen. Wenigstens bewegen sich die Texte auf einem ähnlichen Niveau, Dinge wie "ich habe Rechte/viel mehr als ich dächte" bleiben seltene Ausnahmen.
Alle Beteiligten singen gut - außer Queen Anne, das ist eine Sprechrolle - und ebenso kommen alle Beteiligten mit der Partitur deutlich zu hören an ihre Grenzen. Bei Anke Fiedler (besagte Halbschwester) bedauere ich das sehr stark, da sie stellenweise eine wirklich beeindruckende Stimme zeigt, weshalb es umso mehr schade ist, dass es eben doch nicht ganz reicht. Vielleicht ist solchen Problemen auch geschuldet, dass viele Lieder nicht in denen im Musical üblichen deutlichen Schlussnoten enden, sondern irgendwie auslaufen, so dass man sich manchmal nicht ganz sicher ist, ob ein Lied schon zu Ende ist oder nicht. Oder es war Absicht und Herr Nimsgern wollte uns damit irgendetwas sagen, was ich dann aber leider nicht verstanden habe.
Angelika Mann als Queen Anne ist der Star des Abends, wobei sicher hilft, dass sie eine komisch-überzogene Rolle zu spielen hat, und darum unterhaltsam ist, für Lacher sorgt und das Stück für kurze Momente lockerer und weniger bemüht wirken lässt. Bester Schauspieler auf der Bühne ist aber mit Sicherheit Christian Grygas als Barkilphedro. Die Rolle ist zwischen Erklärer der Umstände und Bösewicht des Stücks angesiedelt, das bietet Potential, und dass nutzt Herr Grygas. Auch er stößt gesanglich an seine Grenzen, aber er hat Bühnenpräsenz und versteht seine Rolle geschickt mit kleinen Nuancen und Leben zu füllen.
Es war also nicht gerade das, was wir uns erhofft hatten. Es war nicht einmal das Level, das ich mir von der Staatsoperette Dresden erhofft hatte. Aber vielleicht ist das das Problem mit Auftragsarbeiten - man hat ein Stück schreiben lassen, man hat ein Hausensemble und jetzt muss man irgendwie sehen, wie es zusammenpassen könnte. Ich glaube, ich habe noch nie bewusst eine Auftragsarbeit gesehen...
PS: Es gab einen philosophischen Schluss-Song. Tenor: "Ich habe die Liebe erlebt, jetzt weiß ich, was wirklich zählt". Immerhin.