blauerfalke: (erzählen)
[personal profile] blauerfalke
Musical von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg
Gielgud Theatre, London


Eigentlich spielt die Show im Sondheim (ehemals Queen's) Theatre zwei Türen weiter. Aber da renovieren sie grade, um die Show in Zukunft billiger spielen zu können. Weniger Musiker, keine Drehbühne mehr, weniger Leute auf der Bühne. Und wahrscheinlich auch wieder gekürzt. Les Miz war mal deutlich über drei Stunden lang, dann begannen sie mit dem, was auch seit Jahren mit Cats gemacht wird. Hier eine Zeile weg, da ein Refrain weniger, dort ein bisschen Instrumentalteil eingespart...
Auch das Staged Concert ist gekürzt, teilweise um ganze Songs aber vor allem um Instumentalteile, die sonst Bühnengeschehen untermalen, das hier nicht stattfindet. Weil es eben ein Staged Concert ist, keine volle Bühnenshow.

Staged Concert bedeutet, dass sie Kostüme haben. Zum Großteil sind die an die alte Inzenierung angelehnt, aber ein bisschen simpler. Die Bühne wird von amphitheater-artigen Sitzreihen dominiert, auf denen die Mitglieder der Cast sitzen, die gerade nicht dran sind, und die clever an das Design der Barrikade in der alten Inszenierung erinnern. Auf der obersten Ebene ganz hinten sitzt das Orchester. Die Rückwand ist eine Projektionswand, es gibt einen Tunnel mittig drin und noch eine Brücke mit Straßenlaternen, die sie von oben absenken können. Kurz, es ist praktisch, atmosphärisch und vertraut.
Natürlich haben sie auch eine Menge Scheinwerfer, die vor allem zur Geltung kommen, wenn jemand stirbt, denn der bekommt dann einen stark weißen Spot, um das zu kennzeichnen. Simpler Trink, aber wirkungsvoll. Gut gelöst.
Auch der Fall der Barrikade ist gut gelöst, die Studenten sterben einzeln, mit Grantaire und Enjolras am Schluss, als die letzten weißen Spots erlöschen, zeigt die Projektionswand Dunkelblau mit schwebenden Funken des Gewehr- und Kanonenfeuers, und dann eine rote Fahne, die langsam nach unten fällt. Episch.

Musikalisch klingt die erste Hälfte weniger voll als erwartet, auch wenn es ein großes Orchester ist - Les Miz ist ein symphonisches Stück, da fällt der übermäßige Einsatz von Synthesizern immer auf - in der zweiten Hälfte wird es aber richtig beeindruckend. Wahrscheinlich das letzte Mal, dass die Show so zu hören sein wird. Alleine das war ein Grund hinzugehen.

Sie haben Michael Ball als Javert. Herr Ball ist in Großbritannien ein sehr bekannter Musical-Darsteller und Sänger mit einer großen und begeisterten Fangemeinde. Außerdem ist er Londons erster Marius, damals, als Les Miz vor 34 Jahren Premiere hatte. Für mich ist Herr Ball das, was ich gerne eine "sichere Bank" nenne. Er ist ein sehr guter Sänger mit einer guten Stimme, er ist charmant, sympatisch und er kann spielen. Er ist niemand, für den ich mir eine Show ansehen würde, und niemand, wo ich in Begeisterungsstürme ausbrechen würde, wenn er unverhofft auf einer Besetzungsliste auftaucht, aber er ist jemand, wo ich sicher sein kann, dass es funktionieren wird. Selbst noch in einer Rolle wie Javert, für die er nicht der Typ ist, die er nie in der Bühnenshow gespielt hat und an die ich persönliche große Ansprüche stelle, weil mir die Rolle wichtig ist, habe ich mir keine Sorgen gemacht. Es war mir klar, dass es nicht herausragend wird, aber mir war klar, dass es gut werden wird. Und das wurde es dann auch. Gut gesungen, auch wenn mir "Stars" zu pop-haft war. Gut gespielt, auch wenn er weder streng noch bedrohlich genug wirkte, und auch wenn mir einige seiner Interpretations-Entscheidungen nicht gefallen haben. Es war gut, jemanden zu haben, dessen Stimme stark genug ist, um in "Confrontation" mit Valjeans mithalten zu können. Die zweite Hälfte hat mir besser gefallen als die erste, und "Javert's Suicide" war toll gesungen. Wie gesagt, eine sichere Bank.

Die Staged-Concert-Version hat zwei Valjeans, die alternieren. Da alle Welt den einen sehen wollte, haben wir eine Show mit dem anderen genommen, weil es da bessere Karten gab. John Owen-Jones (mit so einem Namen muss man Waliser sein). Ein altgediener Valjean, der die Rolle in London und am Broadway gespielt hat - ich habe noch nie einen besseren Valjean gesehen. Es war nur ein Staged Concert und der Mann war schon ein Ereignis! Wenn er das in der Bühnenshow voll ausspielt... wow. Tolle Stimme, vollkommen mühelos vom Gebrüll bis zu den lyrischen Höhen, ohne Bruch in den Wechseln, alles aus einem Guss. Deutlichste Artikulation, perfekt zu verstehen, und wie gesagt, toll gespielt. Echt unglaublich. Ich habe "Bring him Home" komplett durchgeheult, und das tue ich sonst in der Show nie. Aber auch sonst, von der Konfrontation mit Javert über seinen liebevollen Umgang mit Cosette, von der Wut von Beginn über die Gewissensbisse zum gottesfürchtigen Menschen... Es war in jeder Sekunde seine Bühne. Okay, er sah am Ende nicht alt und krank genug aus, um einfach so zu sterben, aber was soll's. Herr Owen-Jones ist jemand, für den ich mir eine Show ansehen werde. Unbesehen. Absolut großartig.

Meine zweite Lieblingsrolle ist Enjolras, hier gespielt von Bradley Jaden, der das auch schon in der Bühnenversion gespielt hat, mit Cover Valjean. Okay... kommt schonmal vor, aber meistens sind Enjolras-Darsteller stimmlich der Partie von Valjean eher nicht gewachsen. Aber als Herr Jaden den Mund aufmachte, fiel mir die Kinnlade herunter und ich glaube unbesehen, dass er dazu in der Lage ist, Valjean zu spielen. Aber auch als Enjolras ist er eine großartige Besetzung. Tolle, sehr kraftvolle Stimme, und er hat spielerisch keinerlei Abstriche gemacht. Idealismus, Feuer, Begeisterung für seine Sache, bis zu kleinen Interaktionen mit den anderen Studenten, alles war da. Herr Jaden hätte all das genauso in der Bühnenshow machen können und es ließe nichts zu wünschen übrig. Das auf einem Konzert so hinzukriegen - Hut ab. Tolle Besetzung.

Erwähnenswert auch das Ehepaar Thenardier (Matt Lucas und Kati Secombe) beide Altmeister in ihren Rollen, die sie bis ins Letzte auskosten und die dank der Konzert-Inszenierung noch dicker auftragen dürfen, bis hin zu Zwischenbemerkungen, die in der Bühnenshow gar nicht gehen würden. Grandios gemacht.

Shan Ako singt Eponine, ist ein Neuling in der Rolle, macht es aber wirklich gut. Tolle Stimme, ohne jeden souligen Anklang, klare Töne und noch klarere Diktion. Auch spielerisch mit Begeisterung dabei.

Überhaupt war das eine große Stärke dieser Cast - ihre Begeisterung, die Kraft, die sie hineingesteckt haben, der Elan und das Herzblut. Wie gesagt, es war ein Konzert. Ich habe trotzdem die gesamte zweite Hälfte nur geheult. Das zeigt, wie gut sie wirklich waren.

Toller Abend. Les Miz ist und bleibt zu Recht eine der ganz großen Shows - trotzdem graut mir vor dem, was die Neuinzenierung so bringen wird. Bis jetzt war jede Modernisierung eines Musicals aus der Ära der "Mega-Musicals" ja eher eine Verschlechterung... hoffen wir das Beste. Optimistisch bin ich nicht.

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