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Doku von 2018, gesendet auf arte

Fangen wir positiv an: Es gibt tolle Bilder von Tintagel. Vom Felsen, vom Meer, von der Metallstatue von Artus, von den aktuellen Ausgrabungen. Irgendwann muss ich da nochmal hin. Am besten mit Übernachtung und der Hoffnung, dass es dann einen schönen Sonnenuntergang gibt. Tintagel hat ja Westküste.
Auch scheint das, was der deutsche Überton sagt, im Großen und Ganzen das zu sein, was die englischsprachigen Experten auch sagen. Alle Experten sind Wissenschaftler, die meisten Archäologen, Anthropologen und Kuratoren. Sie haben schöne viele Daten und die Doku an sich ist auch angenehm unaufgeregt und wenig effektheischend. Und es gibt keine Spielszenen.

Sie hat mich auch überrascht. Ich wusste nicht, dass die Dark Ages so heißen, weil wir alle glauben, dass die Menschen in Britannien nach dem Abzug der Römer im totalen Chaos versunken sind, im Dreck herumsaßen und nichts Anderes taten, als sich gegenseitig abzumetzeln. Bessere Tiere also. Ich dachte immer, die Dark Ages hießen so, weil es kaum schriftliche Zeugnisse aus dieser Zeit gibt, die Quellenlage uns also im Dunkeln lässt.
Der Ausdruck "Dunkles Zeitalter" kam so oft vor, dass ich ihn schon nach dreißig Minuten nicht mehr hören konnte.

Auch war ich überrascht davon, dass die Expertenrunde dieser Doku offenbar bewiesen hat, dass Briten und Sachsen friedlich nebeneinander her auf der Insel lebten, ohne jede Art von kriegerischer Auseinandersetzung. Das lag daran, dass die Sachsen im Osten lebten und sich ausschließlich nach Osten orientierten und über die Nordsee mit Deutschland und Skandinavien Handel trieben, während die Briten im Westen lebten und nur Handel mit dem Mittelmeer und Südeuropa trieben. Daher kamen beide Völker sich nicht in die Quere. Begründet wird das damit, dass sich in einem Gebiet in Yorkshire, das an der Grenze zwischen beiden Völkern lag, keine Spuren von großen Schlachten oder viel Gewaltanwendung gefunden wurde.
Sie hatten auch noch einen genetischen Beweis, aber den habe ich nicht nachvollziehen können. Irgendwas damit, dass die meisten Briten heute erstaunlich wenig Angelsächsische DNA haben.

Wovon ich nicht überrascht war, war genau das, was sie als Durchbruch angepriesen haben. Die letzte Ausgrabung auf Tintagel hat weitere befestigte Gebäude zu Tage geführt, die qualitativ extrem hochwertig waren. Es gab viele Funde von Mittelmeerkeramik, sogar Glas und, ganz spektakulär, eingeritzte Schriftzeichen.
Meines Wissen haben die letzten Ausgrabungen auf Castle Rock ähnliche Funde zu Tage gefördert. Es gibt sogar eine ganze Sorte Keramik, die schon seit Jahrzehnten Tintagel-Keramik heißt, und dass es hochwertige und exotische Ware und damit entsprechenden Reichtum und Handel gab, war mir auch nicht neu.
Ebenso wenig war mir neu, dass es in Cornwall reiche Zinnvorkommen gibt, das Zinn ein Bestandteil von Bronze ist, und dass Tintagel damit etwas hatte, um gegen die Luxusgüter aus dem Mittelmeerraum zu tauschen. Ja, Tintagel ist strategisch toll. Ja, auf Tintagel gab es beeindruckende Steingebäude. Ja, die Menschen, die da gelebt haben, waren sicher keine armen oder primitiven Jäger und Sammler. Schön, wenn die aktuelle Ausgrabung das wieder bestätigt.

Was das Ganze mit Artus zu tun hat - eigentlich gar nichts. Sie gehen in die British Library, wo jemand ein Original von Geoffrey of Monmouth's Werk aus dem Schrank holt und dann ohne Handschuhe darin herumblättert. Jedes Mal, wenn ich das sehe, frage ich mich, ob es nicht doch eine Kopie ist...
Dann holen sie noch eine Kopie von Gildas und blättern darin herum. Beides aus dem Grund, dass beide Quellen eine brutale Invasion durch die Sachsen erwähnen, und der Sinn dieser Doku ja ist, zu zeigen, dass es die nicht gab, und darum beide Quellen und alle Geschichtsbücher lügen. Sie sagen sogar irgendwann in der Doku, dass bewiesen ist, dass es keine Kämpfe gab, dass es aber trotzdem noch in den Geschichtsbüchern steht.

Ich glaube ihren Beweisen, dass es da, wo sie die her haben, friedlich zuging. Ich glaube nicht, dass die menschliche Natur es zulässt, dass zwei Volksgruppen, die nicht dieselbe Religion, nicht dieselbe Sprache und - viel wichtiger - einen völlig verschiedenen Standard bei Reichtum und Luxus haben, vollkommen friedlich nebeneinander koexistieren können. Die Briten waren reich, die Sachsen nicht, aber hey, alles lief super.
Aber vielleicht verstehe ich das Ganze falsch und es ist keine Doku, sondern ein Anti-Brexit Statement. Britannien war schon immer mit dem Kontinent verbunden, hat Handel betrieben, Luxusgüter importiert und sich modisch wahlweise nach Byzanz oder Dänemark gerichtet, je nachdem, ob die Menschen im Osten oder Westen der Insel lebten. Also ist Brexit eine schlechte Idee. So gesehen wars eine echt gute Doku.

Ach so, um dem Titel gerecht zu werden, fassen sie in den letzten Minuten nochmal schnell zusammen, dass Artus eine literarische Erfindung ist, die aus verschiedenen Fragmenten der Geschichte zusammengestückelt wurde. Und dass die Geschichte große Strahlkraft hat, denn sie ist immer noch aktuell.

Und noch als Schlussbemerkung: Meines Wissens hat keine der wirklich alten Quellen jemals behauptet, dass Tintagel Artus' Burg war. Er ist da gezeugt worden, nach einigen Quellen auch da geboren, aber nicht mal das zwangsweise. Und auch wenn es Theorien gibt, dass Tintagel Camelot war, dann ist es da doch eher ein ferner liefen hinter Cadbury, Winchester, Caeleon, Carlisle... Der Artus-Bezug war also auch eher vage.

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