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Aalto Theater Essen

Ballettabend von Ben Van Cauwenbergh, der wirklich für alles verantwortlich ist. Konzept, Choreographie, Bühne, Kostüme und Licht. Nur die Musik hat er nicht selbst geschrieben. Die ist teils von der Rockband Mallet, die auch mit auftritt, und teils aus der Weltgeschichte. Wie das Programmheft sagt „von Bach bis Beatles“, wobei ich aber nicht weiß, ob das zeitlich wörtlich zu nehmen ist. Auf jeden Fall bunte Mischung.

Zum Teil kommt sie vom Band, zum Teil von der Rockband und zum Teil von Florian Hoheisel und Heribert Feckler. Herr Hoheisel spielt Violoncello, und zwar jede Stilrichtung, die gerade gebraucht wird. Es ist erstaunlich, was man so alles auf einem Violoncello spielen kann, so dass es gut klingt, nicht nur Barock. Herr Feckler spielt Flügel oder Keyboards, je nachdem, was gerade gebraucht wird, und er singt. Außerdem ist er der Musikalische Leiter des Ganzen und seine Biographie liest sich wie ein who is who der deutschen Musical(groß)produktionen der letzten zwanzig Jahre.

Mallet spielt wie zu erwarten Rock, und das sehr dynamisch, aber noch immer in theatertauglicher Lautstärke. Meistens auf rocktauglichen Instrumenten wie E-Gitarre und Schlagzeug, aber auch schon mal die Bonanza-Titelmelodie auf dem eigenen Kopf. Die Jungs haben Spaß, sind sympathisch, und weil der ganze Abend super funktioniert, singt auch der ganze Saal lautstark mit, wann auch immer dazu aufgefordert wird. Die Stimmung war vom ersten bis zum letzten Ton einfach großartig.

Aber es ist immer noch ein Ballett, und damit steht und fällt es mit der Tanzcompagnie. Die sind hauseigen, und sie sind einfach super. Vorab möchte ich lobend erwähnen, dass der Abendeinleger im Programmheft jeden Mitwirkenden namentlich aufführt, die Solisten sogar bei jeder Tanznummer. Das ist bei Balletten nicht selbstverständlich.

Das Ganze beginnt mit dem Auftritt von Yegor Hordiyenko in einem etwas schrägen und nicht ganz ernst gemeinten Barock-Kostüm, der erstmal herumposiert und ein paar Flick Flacks springt. Schon dabei zeigt er sein großes komisches Talent, das er in diversen Szenen über den Abend verteilt immer wieder ausnutzen wird. Das Ballett hat keine Handlung, es ist eine reine Nummern-Revue, und so ist Herr Hordiyenko als immer wieder auftretender Charakter so etwas wie eine vertraute Figur, die das Ganze zusammenhält. Egal, ob er dabei tanzt, Wodka trinkt, eine Kuh melkt oder auf einem lenkerlosen Segway herumfährt. Er hat die Lacher immer auf seiner Seite und ein toller Tänzer ist er natürlich auch.

In der Einstiegssequenz wird er allerdings ausgestochen von Ige Cornelis, Dale Rhodes und Denis Untila, die in nicht ganz so schrägen Barockkostümen und mit viel zu viel Parfüm und Puder erst einmal jeder mit einem kurzen Solo richtig angeben, und dann ein sehr schönes klassischen Pas de Trois tanzen - Comedy-Einlagen inklusive. Schon hier tobt der Saal, die Stimmung ist super, und daran wird sich auch den ganzen Abend nichts mehr ändern.

Es folgt als nächstes noch eine sehr klassische Nummer, wieder ein Pas de Trois, Herr Cornelis zusammen mit Yurie Matsuura und Artem Sorochan, die später auch noch ein sehr beeidruckendes Pas de Deux tanzen. Wenn man ihnen zusieht, dann glaubt man tatsächlich beinahe, dass Schwerkraft nicht existiert. Danach steigen wir zum ersten Mal voll in die Rockmusik ein, und das dazu getanzte Pas de Deux ist moderner und lockerer - es die Abwechslung, die diesen Abend vor allem trägt. Die verschiedenen Musikstile und vor allem die vielen verschiedenen Ballett-Stile. In der ersten Hälfte gilt es noch, das Publikum einzufangen, daher bleibt der Tanz traditioneller, auch mal folkloristisch oder einfach nur spaßig wie zum Beatles-Medley. Dazu ein paar clever eingesetzte special effects wie Schwarzlicht oder Stroboskope, und mit Adeline Pastor haben sie sogar eine Solistin, die nicht nur Pirouetten drehen kann wie der Teufel, sondern auch noch singen. Die letzte Nummer vor der Pause ist eine wilde Tanznummer zu Rockmusik für die gesamte Compagnie. Nicht gerade das, was man unter Ballett erwartet, aber mitreißend und begeisternd.

Nach der Pause wird die Kost schwerer - würde sie, wenn sie sie nicht so toll verpacken würden. Findet die erste Hälfte auf der nackten Bühne statt, gibt es in der zweiten eine Projektionswand für Wüsten, Wasser oder andere Stimmungsbilder, die die Tänze unterstützen. Es gibt eine großartige Compagnie-Nummer in besagter Wüste, dann einen Tango für drei Damen und einen Herrn, und weitere beeindruckende Soli, vor allem von Moisés León Noriega, dessen Körper überhaupt keine Limits zu kennen scheint, und von Herrn Untila, der sich sogar an ein Strapatentuch hängt, um die Schwerkraft als Illusion dastehen zu lassen. Die einzig tänzerisch wirklich extrem moderne Sequenz wird dadurch abgemildert, dass sie komplett in Pyjamas getanzt wird, und alle Beteiligten einen unbändigen Spaß an ihrem wilden und oft alles andere als elegantem Herumgespringe zu haben scheinen. Man kann sich aussuchen, ob das ein Irrenhaus darstellen soll oder eine etwas aus dem Ruder gelaufene Pyjama-Party - in jedem Fall macht auch hier das Zusehen Spaß, und ich tue mir mit modernem expressionistischen Ballett immer sehr schwer.

Die Abwechslung und das unbekümmerte Springen zwischen den Stilen sorgt dafür, dass es keine Sekunde langweilig wird, dass man jedem ihrer tollen Tänzer begeistert und neugierig zusieht. Es ist rasant, es ist unterhaltsam, und es funktioniert einfach. Die Begeisterung und Energie sowohl auf der Bühne als auch im Zuschauerraum sind enorm. Und es bringt verschiedene Leute ins Theater, das habe ich auch gelernt. Neben mir saßen zwei Fans von Mallet, die extra für die Vorstellung aus Rheinhessen angereist waren und sonst nie ins Theater gehen, schon gar nicht in Ballette.

Und weil sie eben diese Band haben, können die am Ende noch einen Rausschmeißer spielen, den alle mitsingen können, so das man das Theater auch noch singend verlässt. In unserem Fall „Hit the Road, Jack“.

Kein Wunder, dass das ganze ausverkauft war. Kein Wunder, dass es läuft – sie hatten Jahre Zeit, es zu perfektionieren. Ursprünglich haben Band und Allround-Leiter das Ganze für Wiesbaden konzipiert, und dort ist es elf Jahre gelaufen. Die schafft es sicher auch noch mal. Toller Theaterabend.

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