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von Peter Frankopan

Der Untertitel ist "Eine neue Geschichte der Welt", und darunter verkündet "The Times", dass dieses Buch diesen Titel, eine neue Geschichte der Welt zu sein, voll und ganz verdient. Es ist von 2016 und die Rezensionen waren begeistert. Ich habe schon einige Jahre mit dem Gedanken gespielt, mir das Buch zu kaufen, und war dementsprechend freudig überrascht, es in einem Öffentlichen Bücherschrank zu finden. Glückstreffer.

Wir in der westlichen Welt lernen naturgemäß westliche Geschichte. Wir lernen, dass Rom auf Griechenland folgte und dann das Fränkische Reich und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation über Portugal, Spanien und die Niederlande ganz natürlich zum British Empire geführt haben. Entwicklung. Zivilisation. Selbsterfüllende Prophezeiung, die im Rückblick natürlich total logisch verläuft, denn das ist es eben, wie die Geschichte verlaufen ist. Dieses Buch hat nun den Anspruch zu erklären, dass das eben nicht so hätte sein müssen. Der Westen ist nicht die Wiege der Kultur. Schon gar nicht die alleinige Wiege der Kultur.

Ich hatte also erwartet, dass es ein Buch über die Kultur des Ostens ist. Naher Osten, Mittlerer Osten, Zentralasien... was auch immer. Auch dort gab es immer mächtige und hochzivilisierte Kulturen und über die hoffte ich jetzt ein bisschen mehr zu erfahren. Über das, was sie getan haben, wie sich ihre Geschichte entwickelt hat und welchen Beitrag sie zur Weltgeschichte geleistet haben. Teilweise wird das auch erfüllt, gerade in bekannten Epochen, wie z.B. während der Kreuzzüge. Auch zwischendurch wird immer mal wieder erwähnt, dass diese oder jede Kultur Schrift hatte, tolle Bewässerungssysteme und wunderbare Kunstgegenstände. Gut und schön, aber für meinen Geschmack zu oberflächlich.
Im Grunde geht es nämlich das ganze Buch nur um eins: Geld. Denn was der Osten dem Westen vor allem voraus hat, sind Reichtümer. Gewürze. Edle Stoffe. Edelsteine. Gold. Und am Ende von allem natürlich Öl. Der Westen dagegen hat nichts. Europa ist ein armes, karges Land, auf dem nichts von Interesse für den Welthandel wächst und dessen Bodenschätze nicht der Rede wert sind. Darum musste Europa sich die Reichtümer der Welt dort, wo es sie gibt, besorgen. Entweder durch Handel - das Einzige, was Europa zu bieten hatte, was die reichen Länder des Ostens interessiert hat, war übrigens Bernstein und Sklaven - oder später durch Waffengewalt. Denn das ist es eigentlich, was den Westen an die Alpha-Position der Welt gebracht hat: Waffen. Weil Europa klein ist und darum all die Volksstämme ständig damit beschäftigt, sich gegenseitig zu bekriegen. Das fördert die Entwicklung von Waffentechnik. Wer die besten Waffen hat, gewinnt.
Übrigens sind moderne Waffen dann auch ein beliebtes Handelsgut im Tausch gegen die wirklichen Reichtümer der Welt gewrden. Sklavenhandel ist ja eher out.

Das ist natürlich nicht die einzige Theorie des Buches, warum die Weltgeschichte so verlaufen ist wie sie verlaufen ist, aber die wichtigste. Andere beschäftigen sich mit Religionen und Flächenverteilungen, aber sie sind untergeordnet. Es gibt jede Menge Fussnoten mit Quelltexten und insgesamt macht es einen gut recherchierten und sachlichen Eindruck. (Auch wenn ich die Argumentation für die ständigen Kriege und Eroberungen zwischen europäischen Nachbarn, die als Beweis aufführt, dass zwischen 1600 und 1900 gut 200 Staaten von der Landkarte verschwunden sind, ein bisschen in der Luft hängend finde, wenn nicht gesagt wird, wie viele davon Deutsche Staaten waren, die im Kaiserreich aufgegangen sind.) Auch ist die Theorie in sich nachvollziehbar und plausibel und es ist kein Geheimnis, dass sich die Geschichte der Menschheit weniger auf kulturelle Errungenschaften stützt als auf Macht. Und damit natürlich auch auf das, was gehandelt werden kann. Wer die Kontrolle über die Reichtümer hat, hat die Macht. Auch 2016 sollte kein Leser mehr überrascht davon gewesen sein, dass es im Golfkrieg um Öl ging und nicht um Freiheit und Demokratie.

Es ist gut lesbar und es ist interessant. Es lässt den Westen in sehr, sehr schlechtem Licht da stehen, was sicher auch oft zu Recht der Fall ist. Trotzdem beschäftigt es sich meiner Meinung nach zu sehr mit eben dieser westlichen Mentalität und dem Verhalten der Großmächte, und zu wenig mit der der Ostens, um den Titel des Buches zu rechtfertigen (zumindest, wenn ich von (west)deutscher Schulbildung ausgehe, denn da wird über Kolonialherrschaft, Sklaverei und Ausbeutung geredet). Es ist eine scharfe Abrechnung, aber keine neue Geschichte der Welt. Und wenn das wichtigste Licht, dass der Osten zu bieten hat, Handelsgüter und Bodenschätze sind...

Hätte ich gewusst, auf was es hinausläuft, hätte ich es nicht gelesen, weil Politik und Wirtschaft nicht so meine Themen sind. Darum war es vielleicht gut, dass ich es nicht wusste, so habe ich mal was anderes gelesen. Ich habe auch ganz sicher etwas gelernt. Zusammenhänge, Details und Verbindungen, deren Verständnis auch sicher zum Verständnis des größeren Ganzen beiträgt. Aber etwas wirklich Neues oder Überraschendes war nicht dabei.

Wer also ein Buch über Handel und Macht und die daraus resultierenden Konflike und Kriege sucht, der ist hier genau richtig. Gut geschrieben und verständlich. Nur der Titel ist halt was irreführend.

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