Die Mitternachtsbibliothek
Apr. 1st, 2023 09:44 pmvon Matt Haig (gelesen in deutscher Übersetzung, weil die halt da rumstand)
Nora hat ein furchtbares Leben. Ihre Eltern sind tot, ihr Bruder spricht nicht mehr mit ihr, ihre beste Freundin ist nach Australien ausgewandert, sie verliert ihren Job und dann stirbt auch noch ihre Katze. Sie entschließt sich also, ihrem Leben ein Ende zu setzen und schluckt eine Überdosis ihres Antidepressivums.
Daraufhin findet sie sich in einer unendlich großen Bibliothek wieder, in der es unendlich viele Regale mit unendlich vielen Büchern gibt, die alle verschiedene Grüntöne haben und "Mein Leben" heißen. Sie erfährt, dass es sich um die Mitternachtsbibliothek handelt - der Name kommt daher, dass es immer Mitternacht ist - und dass das der Ort zwischen Leben und Tod ist, an dem sie die Chance bekommt, ein anderes Leben zu leben. Jedes der Bücher ist ihr Leben, wie es verlaufen wäre, wenn sie eine Entscheidung anders getroffen hätte. Weiter für die Schwimmolympiade trainiert, oder die Band nicht verlassen, oder Dan doch geheiratet... da jeder Mensch in seinem Leben unendlich viele Entscheidungen trifft, sind es unendlich viele Bücher. Unendliche Versionen von dem, was hätte sein können. Multiversum. Wenn sie ein Leben darin findet, das sie wirklich leben will, dann kann sie dieses Leben übernehmen, wird ihr in Aussicht gestellt.
Der einzige Haken daran ist, dass sie nur begrenzt Zeit hat. In ihrem Ursprungsleben schwebt sie zwischen Leben und Tod, und wenn sie dort stirbt, beginnt die Zeit in der Mitternachtsbibliothek zu laufen und die Bibliothek wird zerstört.
Als erstes muss Nora das Buch der Reue lesen, in dem all die Vorwürfe stehen, die sich ständig macht. Danach darf sie sich eine Entscheidung aussuchen, die anders gefallen ist, bekommt das entsprechende Buch ausgehändigt und damit, dass sie es liest, taucht sie in dieses Leben ein.
Natürlich hat jedes Leben immer irgendeinen Haken, so dass sie entschließt, das auch nicht zu wollen und es mit einem anderen versucht. So lange, bis sie das scheinbar perfekte Leben findet - aber so wunderbar dieses auch ist, auch darin gibt es ein Problem: es war nicht sie, die sich dieses Leben erarbeitet und es zu diesem Punkt gebracht hat. Darum fühlt es sich falsch an, es einfach so zu übernehmen und es damit dieser anderen Version von sich selbst wegzunehmen.
Am Ende entscheidet sich Nora dafür, in ihr eigenes, altes Leben zurückzukehren. In letzter Sekunde natürlich, dramatisch unter dem Druck der brennenden Bibliothek, und mit dem Wissen und der Erfahrungen von Hunderten Leben ausgerüstet, in die sie in der Zwischenzeit eingetaucht ist, also stärker, gereifter und weiser. Und damit in der Lage, etwas aus diesem Leben zu machen, was sich zu leben lohnt. Eben mit dem Willen zu leben, mehr noch, ihr eigenes Leben zu leben, nicht das, was irgendwer sonst vielleicht von ihr erwartet.
Die Übersetzung ist gut geschrieben, flüssig, modern, unterhaltsam, ohne Haken oder Kanten. Ein schöner, leichter Stil, in den man gut hineinfindet und der sich locker lesen lässt. Ein paar Mal fand ich Beschreibungen oder Monologe zu ausschweifend und repetitiv, aber das hielt sich in Grenzen. Das war also schonmal gut und machte es leicht, bei der Stange zu bleiben, denn wenn ich es nur im geringsten nervig gefunden hätte, hätte ich das Buch direkt wieder weggelegt.
Ich hasse nämlich Körpertauschgeschichten, in der der Protagonist sich plötzlich im Körper und Leben von jemand anders wiederfindet und keine Ahnung hat, wie dieses Leben aussieht, in dem er sich zurechtfinden soll, wer alle diese Leute um ihn herum sind, wie er zu ihnen steht etc. Und die ersten 166 Seiten bestehen nach dem notwendigen Prolog bis zum versuchten Selbstmord aus nichts anderem. Nora taucht in ein Leben ein, das ihr vollkommen fremd ist und blöfft sich durch, in der Hoffnung, dass niemand merkt, dass sie eine andere Person ist als die, deren Platz sie eingenommen hat. Das finde ich persönlich als Prämisse nervig - und dazu kommt noch, dass so eine Situation immer unangenehm ist, und dass es darum sehr unwahrscheinlich ist, dass sich Nora spontan in diesem Leben pudelwohl fühlen und es behalten wollen wird.
Aber dann trifft sie einen anderen wie sie selbst, der sich auch gerade durch potentielle Leben probiert (wenn auch nicht nach einem versuchetn Selbstmord), und das verleiht dem Ganzen erstmals eine tiefergehende Dimension und einen Hintergrund, der über die nette Grundidee hinausgeht. Bezeichnenderweise ist das auch der Moment, ab dem die Beschreibungen der einzelnen Leben immer knapper werden, bis es schließlich in einer Aufzählung von Beispielen mündet. Man kann auch schlecht mehrere hundert Leben detailliert vorstellen, das würde doch sehr langatmig.
Ab da wurde es also auch für mich interessanter, aber es kann sein, dass es dann 100 Seiten später für andere Leser wieder zu sentimental wird. Denn wie von vorne herein klar und vorhersehbar, wird es am Ende sentimental. Das liegt ebenso auf der Hand wie immer klar war, wie Noras Entscheidung am Ende lauten würde. Wer also überraschende Wendungen in seinen Büchern sucht, ist hier auch falsch.
Ich mochte gerade das Sentimentale am Ende, die menschliche Wärme und den optimistischen Ausblick. Die positive Botschaft - und dass sie eben durch eine lange persönliche Lernkurve und Entwicklung ermöglicht wird. Das Beste aus etwas machen, aber dazu braucht es eine Stärke, die man erst einmal entwickeln muss, und das geht nicht mal einfach so. Oder auch nur erzwungen. Darauf muss man sich einlassen.
Ich habe keine Ahnung, wem ich das Buch empfehlen sollte, aber da es ein Spiegel-Bestsellertitel ist, brauche ich mir darüber keine Gedanken zu machen. Es finden offenbar viele Leute etwas daran - ich fand vor allem, dass es vage interessant klang und es war halt grade da. Aktiv danach gesucht, um es zu lesen, hätte ich nicht. Aber es war auch nicht schlimm, es zu lesen. Unterhaltung für zwischendurch, weder platt noch flach, und mit Optimismus am Ende. Passt schon.
Und wer es ganz kurz zusammengefasst will, hier die Botschaft des Buches:
"Es ist nicht wichtig, was Du betrachtest, sondern was Du siehst." (Henry David Thoreau)
Nora hat ein furchtbares Leben. Ihre Eltern sind tot, ihr Bruder spricht nicht mehr mit ihr, ihre beste Freundin ist nach Australien ausgewandert, sie verliert ihren Job und dann stirbt auch noch ihre Katze. Sie entschließt sich also, ihrem Leben ein Ende zu setzen und schluckt eine Überdosis ihres Antidepressivums.
Daraufhin findet sie sich in einer unendlich großen Bibliothek wieder, in der es unendlich viele Regale mit unendlich vielen Büchern gibt, die alle verschiedene Grüntöne haben und "Mein Leben" heißen. Sie erfährt, dass es sich um die Mitternachtsbibliothek handelt - der Name kommt daher, dass es immer Mitternacht ist - und dass das der Ort zwischen Leben und Tod ist, an dem sie die Chance bekommt, ein anderes Leben zu leben. Jedes der Bücher ist ihr Leben, wie es verlaufen wäre, wenn sie eine Entscheidung anders getroffen hätte. Weiter für die Schwimmolympiade trainiert, oder die Band nicht verlassen, oder Dan doch geheiratet... da jeder Mensch in seinem Leben unendlich viele Entscheidungen trifft, sind es unendlich viele Bücher. Unendliche Versionen von dem, was hätte sein können. Multiversum. Wenn sie ein Leben darin findet, das sie wirklich leben will, dann kann sie dieses Leben übernehmen, wird ihr in Aussicht gestellt.
Der einzige Haken daran ist, dass sie nur begrenzt Zeit hat. In ihrem Ursprungsleben schwebt sie zwischen Leben und Tod, und wenn sie dort stirbt, beginnt die Zeit in der Mitternachtsbibliothek zu laufen und die Bibliothek wird zerstört.
Als erstes muss Nora das Buch der Reue lesen, in dem all die Vorwürfe stehen, die sich ständig macht. Danach darf sie sich eine Entscheidung aussuchen, die anders gefallen ist, bekommt das entsprechende Buch ausgehändigt und damit, dass sie es liest, taucht sie in dieses Leben ein.
Natürlich hat jedes Leben immer irgendeinen Haken, so dass sie entschließt, das auch nicht zu wollen und es mit einem anderen versucht. So lange, bis sie das scheinbar perfekte Leben findet - aber so wunderbar dieses auch ist, auch darin gibt es ein Problem: es war nicht sie, die sich dieses Leben erarbeitet und es zu diesem Punkt gebracht hat. Darum fühlt es sich falsch an, es einfach so zu übernehmen und es damit dieser anderen Version von sich selbst wegzunehmen.
Am Ende entscheidet sich Nora dafür, in ihr eigenes, altes Leben zurückzukehren. In letzter Sekunde natürlich, dramatisch unter dem Druck der brennenden Bibliothek, und mit dem Wissen und der Erfahrungen von Hunderten Leben ausgerüstet, in die sie in der Zwischenzeit eingetaucht ist, also stärker, gereifter und weiser. Und damit in der Lage, etwas aus diesem Leben zu machen, was sich zu leben lohnt. Eben mit dem Willen zu leben, mehr noch, ihr eigenes Leben zu leben, nicht das, was irgendwer sonst vielleicht von ihr erwartet.
Die Übersetzung ist gut geschrieben, flüssig, modern, unterhaltsam, ohne Haken oder Kanten. Ein schöner, leichter Stil, in den man gut hineinfindet und der sich locker lesen lässt. Ein paar Mal fand ich Beschreibungen oder Monologe zu ausschweifend und repetitiv, aber das hielt sich in Grenzen. Das war also schonmal gut und machte es leicht, bei der Stange zu bleiben, denn wenn ich es nur im geringsten nervig gefunden hätte, hätte ich das Buch direkt wieder weggelegt.
Ich hasse nämlich Körpertauschgeschichten, in der der Protagonist sich plötzlich im Körper und Leben von jemand anders wiederfindet und keine Ahnung hat, wie dieses Leben aussieht, in dem er sich zurechtfinden soll, wer alle diese Leute um ihn herum sind, wie er zu ihnen steht etc. Und die ersten 166 Seiten bestehen nach dem notwendigen Prolog bis zum versuchten Selbstmord aus nichts anderem. Nora taucht in ein Leben ein, das ihr vollkommen fremd ist und blöfft sich durch, in der Hoffnung, dass niemand merkt, dass sie eine andere Person ist als die, deren Platz sie eingenommen hat. Das finde ich persönlich als Prämisse nervig - und dazu kommt noch, dass so eine Situation immer unangenehm ist, und dass es darum sehr unwahrscheinlich ist, dass sich Nora spontan in diesem Leben pudelwohl fühlen und es behalten wollen wird.
Aber dann trifft sie einen anderen wie sie selbst, der sich auch gerade durch potentielle Leben probiert (wenn auch nicht nach einem versuchetn Selbstmord), und das verleiht dem Ganzen erstmals eine tiefergehende Dimension und einen Hintergrund, der über die nette Grundidee hinausgeht. Bezeichnenderweise ist das auch der Moment, ab dem die Beschreibungen der einzelnen Leben immer knapper werden, bis es schließlich in einer Aufzählung von Beispielen mündet. Man kann auch schlecht mehrere hundert Leben detailliert vorstellen, das würde doch sehr langatmig.
Ab da wurde es also auch für mich interessanter, aber es kann sein, dass es dann 100 Seiten später für andere Leser wieder zu sentimental wird. Denn wie von vorne herein klar und vorhersehbar, wird es am Ende sentimental. Das liegt ebenso auf der Hand wie immer klar war, wie Noras Entscheidung am Ende lauten würde. Wer also überraschende Wendungen in seinen Büchern sucht, ist hier auch falsch.
Ich mochte gerade das Sentimentale am Ende, die menschliche Wärme und den optimistischen Ausblick. Die positive Botschaft - und dass sie eben durch eine lange persönliche Lernkurve und Entwicklung ermöglicht wird. Das Beste aus etwas machen, aber dazu braucht es eine Stärke, die man erst einmal entwickeln muss, und das geht nicht mal einfach so. Oder auch nur erzwungen. Darauf muss man sich einlassen.
Ich habe keine Ahnung, wem ich das Buch empfehlen sollte, aber da es ein Spiegel-Bestsellertitel ist, brauche ich mir darüber keine Gedanken zu machen. Es finden offenbar viele Leute etwas daran - ich fand vor allem, dass es vage interessant klang und es war halt grade da. Aktiv danach gesucht, um es zu lesen, hätte ich nicht. Aber es war auch nicht schlimm, es zu lesen. Unterhaltung für zwischendurch, weder platt noch flach, und mit Optimismus am Ende. Passt schon.
Und wer es ganz kurz zusammengefasst will, hier die Botschaft des Buches:
"Es ist nicht wichtig, was Du betrachtest, sondern was Du siehst." (Henry David Thoreau)