Opéra Rock von Michel Berger (Komponist) und Luc Plamondon (Texter)
Paris/Tournee-Produktion 2022/23, Station Brüssel, Forest National
"Starmania" ist das, was man im Rest der Welt ein Musical nennen würde. Im französischsprachigen Raum nennt man es "opéra rock". Es gibt mittlerweile eine ganze Anzahl davon, die vor allem in Frankreich und Kanada sehr bekannt und beliebt sind, von denen aber außerhalb davon noch nie jemand irgendwas gehört hat. "Starmania" ist die erste dieser Shows, die bekannteste und die legendärste.
Wie hoch dieser Bekanntsheitsgrad ist, war mir bis zu dieser Tournee auch nicht klar. Die Lieder sind allgemeines Kulturgzut, wenn auch meist außerhalb des Kontexts der Show selbst, man erkennt sie, kennt sie und kann die Texte auswendig. Sie werden im Radio gespielt und bejubelt, wenn sie jemand auf einem Konzert anstimmt. Davon, dass das selbst noch für die Aufführung im Kontext gilt, konnte ich mich jetzt selbst überzeugen. Und es war nicht das "Hey, ein Song, Jubel!", das ich von anderen Shows kenne, sondern sehr selektiv. Es gibt diverse Favoriten, und die werden bejubelt. Auch nicht alle von allen. Und die Dame neben mir konnte tatsächlich die komplette Show mitsingen und hat das auch getan - dass es mich nicht gestört hat, lag vor allem daran, dass es so laut war, dass ich sie nicht wirklich gehört habe.
Ich war vor ca 25 Jahren in Paris, um mir eben "Starmania" im Palais de Congrès anzusehen, und das war schon eine riesige Halle mit tausenden Plätzen. Dieses Mal spielt "Starmania" in Stadien. Auch das Forest National ist kein Theater, sondern eine Mehrzweckhalle für mehrere tausend Leute. Sie hat fest bestuhlte Ränge, der Mittelteil hat einen leeren Betonboden, auf dem sie Reihen von (sehr unbequemen) Plastikstühlen aufgebaut hatten. Es hat also etwas von einem Stadion und für eine Show keinerlei Flair. Wahrscheinlich ist auch die Akustik schrecklich, aber das kann ich nicht beurteilen, dafür war ich zu nah dran.
Auf der positiven Seite möchte ich vermelden, dass die Organisation großartig war. Sicherheitscheck, Ticket-Scan, Farbleitsystem zu den einzelnen Bereichen, Platzanweiser... alles lief reibungslos und zügig, jeder war freundlich und hilfsbereit. Großes Lob.
Zur Show selbst: "Starmania" ist von 1979. Darum ist es sowohl beeindruckend als auch erschreckend, wie aktuell die Thematik auch heute noch ist.
Unbestimmte Zukunft in der Megastadt Monopolis im Lande Occident. Eine Stadt aus Hochhäusern, in der die Sonne nur die obersten Stockwerke erreicht, wo die Superreichen leben. Der Rest der Bevölkerung lebt irgendwo in den dunklen Straßenschluchten oder gleich in den Kellern darunter. Nie die Sonne zu sehen gehört zur Grundthematik der Show.
Marie-Jeanne ist Kellnerin im Underground Café, dessen Name schon alles über seine Lage und soziale Schicht sagt. Sie träumt von einem besseren Leben, irgendwas zu machen, was ihr Spaß macht, ohne aber eine Idee zu haben, was das sein könnte. Ihr einziger Freund ist Ziggy, DJ und Plattenverkäufer, der sie jede Nacht um Mitternacht abholt, um mit ihr tanzen zu gehen. Marie Jeanne liebt ihn, aber er ist schwul. Auch träumt er davon, berühmt zu werden, und hat eine Bewerbung an die Show "Starmania" geschickt, die beliebteste Show des Landes, in der die bildschöne Cristal in jeder Ausgabe eine Person und ihr Leben vorstellt. Ziggys großer Lebenstraum ist es, einmal der Stargast zu sein.
Weitere Stammgäste im Underground Café sind Johnny Rockfort und seine Étoiles Noires, eine brutale Straßengang, die ihre Wut über ihr perspektivloses Leben in sinnloser und zufälliger Gewalt ausleben. Vor einer Weile ist die mysteriöse Sadia aufgetaucht und hat sich an Johnny herangemacht. Unter ihrem Einfluss ist aus der Gang eine terroristische Zelle geworden, die gezielt Angst und Schrecken verbreitet, um die Regierung unter Druck zu setzen.
Der Präsident dieser Regierung ist der Kriegsveteran und schwerreiche Geschäftsmann Zéro Janvier, der gerade im Wahlkampf zur Wiederwahl steckt. In dieser Version gibt es einen Gegenkandidaten, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, der eigene Songs hat, die ich noch nie gehört habe (die aber aus der Originalversion 1979 stammen und nachcher erst gestrichen wurden). Darum habe ich von deren Inhalt kein Wort verstanden, aber das Programmheft sagt, dass Gourou Marabou eine rigorose Ökopolitik vertritt. Monopolis hat also die Wahl zwischen einer faschistisch-kapitalistischen und einer esoterischen Öko-Diktatur.
Sadia, die eine alte Freundin von Cristal ist, ruft diese an und schlägt einen Auftritt von Johnny in "Starmania" vor. Cristal nimmt tatsächlich an, kommt ins Underground Café und interviewt Johnny. Dabei verlieben die beiden sich auf den ersten Blick ineinander - die Medien melden nachher, dass die Étoiles Noires Cristal entführt haben, aber sie brennt mit Johnny durch. Sadia verliert jeden Einfluss auf Johnny und verlässt die Gang.
Zéro Janvier sichert sich die Unterstützung des alternden Filmstars Stella Spotlight, der es gelingt, die Massen auf seine Seite zu ziehen. Auch Sadia arbeitet jetzt für ihn und heuert Ziggy als DJ für die Wahlparty an. Der glaubt daraufhin, jetzt endlich ein neues Leben beginnen zu können und verabschiedet sich für immer von Marie-Jeanne.
In der Zwischenzeit bereiten Johnny und Cristal einen Anschlag auf das Hochhaus vor, in dem besagte Party stattfindet. Sie werden verraten, Cristal wird erschossen und stirbt in Johnnys Armen. Er zündet die Bombe trotzdem und der gesamte Turm - in dem gerade eben erst Zéros Wahlsieg verkündet wurde - bricht zusammen.
Am Ende sind also alle außer Marie Jeanne tot, die alleine die Trümmer besucht und ihre Einsamkeit besingt.
(Kleiner Nebenhinweis für Perfektionisten: Nein, ich weiß nicht, warum der Gourou Marabou auch tot sein sollte, denn es ist nicht zu erwarten, dass er auf der Wahlparty des Konkurrenten war, aber das Programmheft behauptet das. Acht Hauptrollen, von denen sieben sterben.)
Wie man also sieht, beschäftigt sich "Starmania" mit Dingen wie sozialer Ungerechtigkeit, Radikalismus und Fanatismus verschiedener Richtungen, sexueller Orientierung und Gender-Repräsentation, der Tatsache, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und sich nach echten Bezugspersonen sehnt, dem Einfluss der Massenmedien, Starkult, Gewalt, und der Angst vor allem, was fremd ist. Es bietet keinerlei Lösungen an, der Tenor ist extrem duster und das Ende trostlos. Ziemlich harter Tobak also, und wie gesagt, noch immer aktuell.
Die aktuelle Inszenierung ist extrem modern, sehr stark stilisiert und bewusst kalt gehalten. Die Entscheidung finde ich persönlich schade, denn so kann die Show kaum die emotionale Wucht entwickeln, die sie besitzt, zumal auch die Beziehungen zwischen den Personen bewusst distanziert dargestellt werden. Marie-Jeanne und Ziggy erwecken in keinem Augenblick den Eindruck, beste Freunde und für einander die emotional wichtigste Bezugsperson zu sein, so dass seine Entscheidung, sie für den scheinbaren Ruhm einfach mal eben fallenzulassen, keinerlei Schock auslöst. Die große Liebe zwischen Cristal und Johnny bleibt ebenso dem Text überlassen ohne jedes unterstützende Spiel der Akteure - es gibt nicht einmal einen einzigen Kuss. Das nächste, was drankommt, ist, dass Johnny sie in den Hals beisst, und dafür musste sie zuvor den Kragen erst öffnen, damit er drankommt... Einzig zwischen Stella und Zéro findet so etwas wie emotionale Auseinandersetzung statt, und dabei handelt es sich vor allem um einem Machtkampf in ihrem Deal, der ihm die Macht und ihr weiteren Ruhm sichern soll.
Da hinterließ die Inszenierung damals in Paris in all ihrer Symbolik und Unverständlichkeit doch mehr emotionalen Eindruck.
Dafür ist diese hier sehr viel zugänglicher. Sie haben die Handlung nochmals überarbeitet, teilweise Songs umgestellt, und das macht sie eindeutiger und leichter verständlich. Auch ist sie ein echtes Kunstwerk. Das Bühnenbild besteht zu einem Drittel aus Lichttechnik (für die sie die gesamte Halle die ganze Zeit dicht voll Kunstnebel halten müssen), die unglaublich beeindruckend ist, ständig wechselnde Stimmungen erzeugt und den Großteil der Show in ein futuristisch-kaltes schwarz/weiß taucht, dass ihren Grundtenor deutlich zur Geltung bringt. Die anderen beiden Drittel Bühnenbild bestehen aus herumfahrenden LED-Säulen und einem Cluster aus Versatzustücken, die vor allem aus Treppen und Zacken bestehen und immer wieder neu zusammengesetzt werden. Auch hier bleibt fast alles im schwarz/weiß-Bereich, was jetzt langweilig klingen mag, aber großartig passt und die wenigen Farbtupfer umso mehr leuchten lässt.
Am Ende der Show wird die Explosion und der stürzende Turm duch eine gigantische Nebelwolke dargestellt, die von der Rückwand der Bühne über die Bühne in den Zuschauerraum quillt - von Reihe 2 Mitte sieht es aus, als käme eine Explosionswand in Zeitlupe auf einen zugerollt. Schockierend, beängstigend, beeindruckend, und das mit einfachsten Mitteln.
Von der Optik also wirklich großartig, wenn auch wie gesagt sehr modern und sehr kalt. Und auch die Idee, den Nachrichtenmann Roger Roger zu einer KI zu machen, die nur noch als Stimme existiert (Bandaufname mit Stimme des Regisseurs), finde ich gut und dazu passend.
Auch musikalisch wurde die Show überarbeitet, so dass sie jetzt klingt wie gerade erst komponiert. Auf der einen Seite finde ich das beeindruckend und bin auch sicher, dass es eine gute Wahl ist, um sie einer neuen Generation zugänglicher zu machen. Auch ist das keine neue Idee, denn das haben sie in den 90ern schon getan, wo die Show auch zeitgenössisch klang - und weil das die Version ist, die ich kennengelernt habe, vermisse ich diesen Klang. Vor allem das dominante Schlagzeug, das vielen der Songs Kraft und Bedrohlichkeit gegeben hat.
Aber das ist vor allem Geschmackssache. Ich bin sicher, die Generation über mir vermisst den ursprünglichen Klang der Uraufführung.
Wie immer bei französischen Produktionen sind die Stimmen großartig. Jeder der Solist/innen ist ein/e großartige/r Sänger/in. Jede/r von ihnen singt in ein Handmirko, was ich noch immer seltsam finde, was aber der Tradition entspricht. Es gab keinen Anschlag, wer genau spielte, aber anhand der Fotos im Programmheft konnte ich jede Besetzung eindeutig zuordnen, mit der Ausnahme von Stella Spotlight, wo ich mir nicht sicher bin. Stärkste Präsenz auf der Bühne hatte sicher Aurel Fabrègues (Zéro Janvier), wobei ich einräumen muss, dass diese Inzenierung es der Rolle auch leicht macht, alles zu dominieren. Johnny (William Cloutier) sah aus wie eine Mischung aus Heath Ledgers Joker und dem ESC-Gewinner aus Portugal damals, und erschlägt als Einführung gleich mal zwei Leute auf offener Bühne (mit einem Baseballschläger und einem Stein, was deutlich brutaler wirkt als die ganzen Erschiessungen nachher). Die Kombination lässt ihn ein bisschen irre wirken, was okay ist, weil ihn das gefährlich macht, aber auf der anderen Seite auch seine Beziehungen zu Sadia und Cristal irgendwie ins Leere laufen lässt, so dass die große Trauerballade um Cristal zwar toll klingt, aber nicht wirklich berühren kann.
Das Problem mit der Freundschaft zwischen Ziggy und Marie-Jeanne hatte ich ja schon erwähnt. Gerade das finde ich sehr schade, weil es einerseits ihn zum oberflächlichen Herumhüpfer degradiert und wir andererseits mit ihr, die die Haupt-Identfikationsfigur darstellt - nicht wirklich mitfühlen können. Dazu trägt bei mir auch bei, dass sie die Finalnummer hochgesetzt haben, so dass sie jetzt wirklich beeindruckend klingt, auch rein gesanglich, mir aber die herausgebeltete Verzweiflung der tieferen Version mehr gegeben hat.
Weitere Randnotizen:
Luc Plamondon war da. Er ist 81 und wirkt auch recht gebrechlich. Michel Berger ist schon länger tot und konnte darum dem Schlussapplaus nur als Foto beiwohnen.
Ich falle in etwa in das Durchschnittsalter des Publikums. Es gab auch Leute, die deutlich älter oder deutlich jünger waren, aber die meisten waren so in meinem Alter.
Die Entscheidung, trotz der sehr modernen Optik der Show das Auto und Ziggys Klamotten in den frühen 80ern zu verankern, fand ich seltsam. Nicht störend, aber seltsam.
Die Choreographie war abstrakt, passte aber zu den Songs und war in die Darstellung integriert. Nichts, was parallel stattfand und keinen Bezug hatte.
Gourou Marabou hat eine männliche Erst- und eine weibliche Zweitbesetzung (wir hatten die Zweitbesetzung). Finde ich gut, denn bei der Rolle ist es tatsächlich vollkommen egal, da kann man einfach nehmen, wer gut passt. Und ich werd jetzt wahrscheinlich erstmal den Text des Wahlprogramms und des Songs googlen müssen..
Hat sich gelohnt. Gute Show, enormer Schau- und Hörwert. Nicht perfekt, aber sehr gut gemacht. Wie sie im Programm versprechen, eine zeitgemäße Adaption. Heute zählt ja Optik und Stil auch gerne mal mehr als tiefgehende Emotionen. Passt also sogar noch zur Botschaft.
Paris/Tournee-Produktion 2022/23, Station Brüssel, Forest National
"Starmania" ist das, was man im Rest der Welt ein Musical nennen würde. Im französischsprachigen Raum nennt man es "opéra rock". Es gibt mittlerweile eine ganze Anzahl davon, die vor allem in Frankreich und Kanada sehr bekannt und beliebt sind, von denen aber außerhalb davon noch nie jemand irgendwas gehört hat. "Starmania" ist die erste dieser Shows, die bekannteste und die legendärste.
Wie hoch dieser Bekanntsheitsgrad ist, war mir bis zu dieser Tournee auch nicht klar. Die Lieder sind allgemeines Kulturgzut, wenn auch meist außerhalb des Kontexts der Show selbst, man erkennt sie, kennt sie und kann die Texte auswendig. Sie werden im Radio gespielt und bejubelt, wenn sie jemand auf einem Konzert anstimmt. Davon, dass das selbst noch für die Aufführung im Kontext gilt, konnte ich mich jetzt selbst überzeugen. Und es war nicht das "Hey, ein Song, Jubel!", das ich von anderen Shows kenne, sondern sehr selektiv. Es gibt diverse Favoriten, und die werden bejubelt. Auch nicht alle von allen. Und die Dame neben mir konnte tatsächlich die komplette Show mitsingen und hat das auch getan - dass es mich nicht gestört hat, lag vor allem daran, dass es so laut war, dass ich sie nicht wirklich gehört habe.
Ich war vor ca 25 Jahren in Paris, um mir eben "Starmania" im Palais de Congrès anzusehen, und das war schon eine riesige Halle mit tausenden Plätzen. Dieses Mal spielt "Starmania" in Stadien. Auch das Forest National ist kein Theater, sondern eine Mehrzweckhalle für mehrere tausend Leute. Sie hat fest bestuhlte Ränge, der Mittelteil hat einen leeren Betonboden, auf dem sie Reihen von (sehr unbequemen) Plastikstühlen aufgebaut hatten. Es hat also etwas von einem Stadion und für eine Show keinerlei Flair. Wahrscheinlich ist auch die Akustik schrecklich, aber das kann ich nicht beurteilen, dafür war ich zu nah dran.
Auf der positiven Seite möchte ich vermelden, dass die Organisation großartig war. Sicherheitscheck, Ticket-Scan, Farbleitsystem zu den einzelnen Bereichen, Platzanweiser... alles lief reibungslos und zügig, jeder war freundlich und hilfsbereit. Großes Lob.
Zur Show selbst: "Starmania" ist von 1979. Darum ist es sowohl beeindruckend als auch erschreckend, wie aktuell die Thematik auch heute noch ist.
Unbestimmte Zukunft in der Megastadt Monopolis im Lande Occident. Eine Stadt aus Hochhäusern, in der die Sonne nur die obersten Stockwerke erreicht, wo die Superreichen leben. Der Rest der Bevölkerung lebt irgendwo in den dunklen Straßenschluchten oder gleich in den Kellern darunter. Nie die Sonne zu sehen gehört zur Grundthematik der Show.
Marie-Jeanne ist Kellnerin im Underground Café, dessen Name schon alles über seine Lage und soziale Schicht sagt. Sie träumt von einem besseren Leben, irgendwas zu machen, was ihr Spaß macht, ohne aber eine Idee zu haben, was das sein könnte. Ihr einziger Freund ist Ziggy, DJ und Plattenverkäufer, der sie jede Nacht um Mitternacht abholt, um mit ihr tanzen zu gehen. Marie Jeanne liebt ihn, aber er ist schwul. Auch träumt er davon, berühmt zu werden, und hat eine Bewerbung an die Show "Starmania" geschickt, die beliebteste Show des Landes, in der die bildschöne Cristal in jeder Ausgabe eine Person und ihr Leben vorstellt. Ziggys großer Lebenstraum ist es, einmal der Stargast zu sein.
Weitere Stammgäste im Underground Café sind Johnny Rockfort und seine Étoiles Noires, eine brutale Straßengang, die ihre Wut über ihr perspektivloses Leben in sinnloser und zufälliger Gewalt ausleben. Vor einer Weile ist die mysteriöse Sadia aufgetaucht und hat sich an Johnny herangemacht. Unter ihrem Einfluss ist aus der Gang eine terroristische Zelle geworden, die gezielt Angst und Schrecken verbreitet, um die Regierung unter Druck zu setzen.
Der Präsident dieser Regierung ist der Kriegsveteran und schwerreiche Geschäftsmann Zéro Janvier, der gerade im Wahlkampf zur Wiederwahl steckt. In dieser Version gibt es einen Gegenkandidaten, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, der eigene Songs hat, die ich noch nie gehört habe (die aber aus der Originalversion 1979 stammen und nachcher erst gestrichen wurden). Darum habe ich von deren Inhalt kein Wort verstanden, aber das Programmheft sagt, dass Gourou Marabou eine rigorose Ökopolitik vertritt. Monopolis hat also die Wahl zwischen einer faschistisch-kapitalistischen und einer esoterischen Öko-Diktatur.
Sadia, die eine alte Freundin von Cristal ist, ruft diese an und schlägt einen Auftritt von Johnny in "Starmania" vor. Cristal nimmt tatsächlich an, kommt ins Underground Café und interviewt Johnny. Dabei verlieben die beiden sich auf den ersten Blick ineinander - die Medien melden nachher, dass die Étoiles Noires Cristal entführt haben, aber sie brennt mit Johnny durch. Sadia verliert jeden Einfluss auf Johnny und verlässt die Gang.
Zéro Janvier sichert sich die Unterstützung des alternden Filmstars Stella Spotlight, der es gelingt, die Massen auf seine Seite zu ziehen. Auch Sadia arbeitet jetzt für ihn und heuert Ziggy als DJ für die Wahlparty an. Der glaubt daraufhin, jetzt endlich ein neues Leben beginnen zu können und verabschiedet sich für immer von Marie-Jeanne.
In der Zwischenzeit bereiten Johnny und Cristal einen Anschlag auf das Hochhaus vor, in dem besagte Party stattfindet. Sie werden verraten, Cristal wird erschossen und stirbt in Johnnys Armen. Er zündet die Bombe trotzdem und der gesamte Turm - in dem gerade eben erst Zéros Wahlsieg verkündet wurde - bricht zusammen.
Am Ende sind also alle außer Marie Jeanne tot, die alleine die Trümmer besucht und ihre Einsamkeit besingt.
(Kleiner Nebenhinweis für Perfektionisten: Nein, ich weiß nicht, warum der Gourou Marabou auch tot sein sollte, denn es ist nicht zu erwarten, dass er auf der Wahlparty des Konkurrenten war, aber das Programmheft behauptet das. Acht Hauptrollen, von denen sieben sterben.)
Wie man also sieht, beschäftigt sich "Starmania" mit Dingen wie sozialer Ungerechtigkeit, Radikalismus und Fanatismus verschiedener Richtungen, sexueller Orientierung und Gender-Repräsentation, der Tatsache, dass der Mensch ein soziales Wesen ist und sich nach echten Bezugspersonen sehnt, dem Einfluss der Massenmedien, Starkult, Gewalt, und der Angst vor allem, was fremd ist. Es bietet keinerlei Lösungen an, der Tenor ist extrem duster und das Ende trostlos. Ziemlich harter Tobak also, und wie gesagt, noch immer aktuell.
Die aktuelle Inszenierung ist extrem modern, sehr stark stilisiert und bewusst kalt gehalten. Die Entscheidung finde ich persönlich schade, denn so kann die Show kaum die emotionale Wucht entwickeln, die sie besitzt, zumal auch die Beziehungen zwischen den Personen bewusst distanziert dargestellt werden. Marie-Jeanne und Ziggy erwecken in keinem Augenblick den Eindruck, beste Freunde und für einander die emotional wichtigste Bezugsperson zu sein, so dass seine Entscheidung, sie für den scheinbaren Ruhm einfach mal eben fallenzulassen, keinerlei Schock auslöst. Die große Liebe zwischen Cristal und Johnny bleibt ebenso dem Text überlassen ohne jedes unterstützende Spiel der Akteure - es gibt nicht einmal einen einzigen Kuss. Das nächste, was drankommt, ist, dass Johnny sie in den Hals beisst, und dafür musste sie zuvor den Kragen erst öffnen, damit er drankommt... Einzig zwischen Stella und Zéro findet so etwas wie emotionale Auseinandersetzung statt, und dabei handelt es sich vor allem um einem Machtkampf in ihrem Deal, der ihm die Macht und ihr weiteren Ruhm sichern soll.
Da hinterließ die Inszenierung damals in Paris in all ihrer Symbolik und Unverständlichkeit doch mehr emotionalen Eindruck.
Dafür ist diese hier sehr viel zugänglicher. Sie haben die Handlung nochmals überarbeitet, teilweise Songs umgestellt, und das macht sie eindeutiger und leichter verständlich. Auch ist sie ein echtes Kunstwerk. Das Bühnenbild besteht zu einem Drittel aus Lichttechnik (für die sie die gesamte Halle die ganze Zeit dicht voll Kunstnebel halten müssen), die unglaublich beeindruckend ist, ständig wechselnde Stimmungen erzeugt und den Großteil der Show in ein futuristisch-kaltes schwarz/weiß taucht, dass ihren Grundtenor deutlich zur Geltung bringt. Die anderen beiden Drittel Bühnenbild bestehen aus herumfahrenden LED-Säulen und einem Cluster aus Versatzustücken, die vor allem aus Treppen und Zacken bestehen und immer wieder neu zusammengesetzt werden. Auch hier bleibt fast alles im schwarz/weiß-Bereich, was jetzt langweilig klingen mag, aber großartig passt und die wenigen Farbtupfer umso mehr leuchten lässt.
Am Ende der Show wird die Explosion und der stürzende Turm duch eine gigantische Nebelwolke dargestellt, die von der Rückwand der Bühne über die Bühne in den Zuschauerraum quillt - von Reihe 2 Mitte sieht es aus, als käme eine Explosionswand in Zeitlupe auf einen zugerollt. Schockierend, beängstigend, beeindruckend, und das mit einfachsten Mitteln.
Von der Optik also wirklich großartig, wenn auch wie gesagt sehr modern und sehr kalt. Und auch die Idee, den Nachrichtenmann Roger Roger zu einer KI zu machen, die nur noch als Stimme existiert (Bandaufname mit Stimme des Regisseurs), finde ich gut und dazu passend.
Auch musikalisch wurde die Show überarbeitet, so dass sie jetzt klingt wie gerade erst komponiert. Auf der einen Seite finde ich das beeindruckend und bin auch sicher, dass es eine gute Wahl ist, um sie einer neuen Generation zugänglicher zu machen. Auch ist das keine neue Idee, denn das haben sie in den 90ern schon getan, wo die Show auch zeitgenössisch klang - und weil das die Version ist, die ich kennengelernt habe, vermisse ich diesen Klang. Vor allem das dominante Schlagzeug, das vielen der Songs Kraft und Bedrohlichkeit gegeben hat.
Aber das ist vor allem Geschmackssache. Ich bin sicher, die Generation über mir vermisst den ursprünglichen Klang der Uraufführung.
Wie immer bei französischen Produktionen sind die Stimmen großartig. Jeder der Solist/innen ist ein/e großartige/r Sänger/in. Jede/r von ihnen singt in ein Handmirko, was ich noch immer seltsam finde, was aber der Tradition entspricht. Es gab keinen Anschlag, wer genau spielte, aber anhand der Fotos im Programmheft konnte ich jede Besetzung eindeutig zuordnen, mit der Ausnahme von Stella Spotlight, wo ich mir nicht sicher bin. Stärkste Präsenz auf der Bühne hatte sicher Aurel Fabrègues (Zéro Janvier), wobei ich einräumen muss, dass diese Inzenierung es der Rolle auch leicht macht, alles zu dominieren. Johnny (William Cloutier) sah aus wie eine Mischung aus Heath Ledgers Joker und dem ESC-Gewinner aus Portugal damals, und erschlägt als Einführung gleich mal zwei Leute auf offener Bühne (mit einem Baseballschläger und einem Stein, was deutlich brutaler wirkt als die ganzen Erschiessungen nachher). Die Kombination lässt ihn ein bisschen irre wirken, was okay ist, weil ihn das gefährlich macht, aber auf der anderen Seite auch seine Beziehungen zu Sadia und Cristal irgendwie ins Leere laufen lässt, so dass die große Trauerballade um Cristal zwar toll klingt, aber nicht wirklich berühren kann.
Das Problem mit der Freundschaft zwischen Ziggy und Marie-Jeanne hatte ich ja schon erwähnt. Gerade das finde ich sehr schade, weil es einerseits ihn zum oberflächlichen Herumhüpfer degradiert und wir andererseits mit ihr, die die Haupt-Identfikationsfigur darstellt - nicht wirklich mitfühlen können. Dazu trägt bei mir auch bei, dass sie die Finalnummer hochgesetzt haben, so dass sie jetzt wirklich beeindruckend klingt, auch rein gesanglich, mir aber die herausgebeltete Verzweiflung der tieferen Version mehr gegeben hat.
Weitere Randnotizen:
Luc Plamondon war da. Er ist 81 und wirkt auch recht gebrechlich. Michel Berger ist schon länger tot und konnte darum dem Schlussapplaus nur als Foto beiwohnen.
Ich falle in etwa in das Durchschnittsalter des Publikums. Es gab auch Leute, die deutlich älter oder deutlich jünger waren, aber die meisten waren so in meinem Alter.
Die Entscheidung, trotz der sehr modernen Optik der Show das Auto und Ziggys Klamotten in den frühen 80ern zu verankern, fand ich seltsam. Nicht störend, aber seltsam.
Die Choreographie war abstrakt, passte aber zu den Songs und war in die Darstellung integriert. Nichts, was parallel stattfand und keinen Bezug hatte.
Gourou Marabou hat eine männliche Erst- und eine weibliche Zweitbesetzung (wir hatten die Zweitbesetzung). Finde ich gut, denn bei der Rolle ist es tatsächlich vollkommen egal, da kann man einfach nehmen, wer gut passt. Und ich werd jetzt wahrscheinlich erstmal den Text des Wahlprogramms und des Songs googlen müssen..
Hat sich gelohnt. Gute Show, enormer Schau- und Hörwert. Nicht perfekt, aber sehr gut gemacht. Wie sie im Programm versprechen, eine zeitgemäße Adaption. Heute zählt ja Optik und Stil auch gerne mal mehr als tiefgehende Emotionen. Passt also sogar noch zur Botschaft.