Miami Nights
Sep. 10th, 2023 07:51 pmMusical von Marcus Haseloff, Alex Balga, Natalie Holtom und Karin Kern
Es spielt dieFreilichtbühne Tecklenburg
Miami Nights ist ein deutsches Musical aus dem Jahr 2002, und ich habe es zur Uraufführung in Düsseldorf gesehen. Es ist eine Compilation-Show, deren Musik aus diversen Hits der 80er Jahr besteht, die auch im Original mit den orginalen Texten gesungen werden, sowie einer Eigenkomposition, dem Titelsong.
Es geht um die Miami Nights, einen Tanzwettbewerb über (wahrscheinlich) 10 Tänze, der jährlich in Miami stattfindet. Unsere Hauptperson Jimmy und seine Partnerin Jessica stehen kurz vor dem großen Durchbruch, und kurz davor, die Serie des Siegers der letzten sechs Jahre, Roy Fire, zu beenden. Jessica sägt den Absatz von Roys Tanzpartnerin an, sie bricht sich den Knöchel. Jimmy ist entsetzt und kündigt die Zusammenrbeit auf.
Das wiederum ist eine Katastrophe, denn Jimmys Mutter Betty und ihr Partner Bob betreiben eine Tanzschule, und ohne erfolgreiches Aushängeschild ist diese dem Ruin geweiht. Darüber hinaus will die Präsidenten des Tanzsportkommitees Bob nur zu ihrem Nachfolger ernennen, wenn er ein Siegerpaar vorweisen kann. Jimmy wird also dazu gebracht, sich bei Jessica zu entschuldigen, aber sie hat sich zwischenzeitlich Roy geangelt.
Zwischen der Suche nach einer neuen Tanzpartnerin und dem Versuch, seinem besten Freund Andy den Cha Cha Cha beizubringen, damit der bei seiner großen Liebe Sarah punkten kann, verliebt sich Jimmy in die Kubanerin Laura. Er bringt ihr Rhuma bei, sie bringt ihm Salsa bei, am Ende will er mit ihr auf dem Wettbewerb starten, was natürlich gar nicht geht. Und Jessica spinnt auch weiter fleißig Intrigen, um an das Preisgeld zu kommen...
Zur Uraufführung spielte das Stück passend zur Musik in den 80ern. In der Tecklenburger Version spielt es 2021. Das hat den Vorteil (oder Nachteil, je nach Geschmack), dass sie einige Songs durch modernere ersetzen, aktuelle Popkulturverweise und Filmzitate einbauen konnten, und den eindeutigen Nachteil, dass das Stück in diesem Setting noch sexistischer wirkt. Ja, der Showtanzzirkus reduziert Frauen auf schöne Anhängsel, Männer sind schmierige Machos und alles ist extrem künstlich hochgestyled, aber das passt eben besser in ein Setting von vor 40 Jahren als in ein aktuelles. Vor allem die alte "Trägst du diese Brille eigentlich immer?"-Leier stößt sauer auf - er kann sich nur in sie verlieben, wenn sie keine Brille trägt? Und warum sollte sie sie tragen, wenn sie das nicht muss? In der nächsten Inkarnation könnte sie vielleicht "Nein, aber seh ich damit nicht unheimlich clever aus?" antworten, das wäre immerhin schlagfertig.
Nein, Miami Nights ist sicher kein tiefgreifendes Stück, über das man länger nachdenken sollte. Aber dafür ist es eine schmissige, bunte, wilde Show mit tollen Tanzszenen, die in keiner Sekunde langweilig wird, und dadurch zu punkten weiß, dass sie den ganzen Showzirkus in ihrem Zentrum für keine Sekunde ernst nimmt und genüsslich auf die Spitze treibt. Und auch darüber hinaus.
Für einen unterhaltsamen und oft auch sehr lustigen Theaterabend ist sie allemale gut.
Und Tecklenburg hat wie immer dafür gesorgt, dass es auch mehr wurde als das. Ein richtig guter Theaterabend nämlich. Und zeitweise sogar eine richtige Party.
Das hängt natürlich vor allem mit ihrer großartigen Cast zusammen. Alle Beteiligten sind mit großer Begeisterung bei der Sache, kosten die Manirismen ihrer Figuren aus und tanzen fantastisch.
Die Abräumerrolle dieser Inszenierung ist ohne Zweifel Roy Fire. Im Grunde ist er der Bösewicht des Stücks, ein arroganter Selbstdarsteller, der genau das will, was alle anderen auch wollen: den Sieg, das Preisgeld und das Renommée für seine Schule. Auch hier hadert er damit, dass er nicht mehr der Jüngste ist in einem Geschäft, für das nur Jugend und Schönheit zählt, und er ist Alkoholiker. Angeblich. Denn im Stück sieht man von beidem quasi nichts, die Szenen, in denen es für die Handlung essentiell ist, tauchen auf wie aus dem Nichts und stehen vollkommen alleine (auch wenn sie für ein paar Gags gut sind). Das nimmt der Figur Hintergrund und Tiefe, lässt den Handlungsverlauf ein bisschen nach deus ex machina aussehen, und ist darum schade.
Auf der anderen Seite bedeutete es aber auch, dass das Publikum sich keine Gedanken um Roys Seelenleben machen muss, und sich stattdessen ganz auf seine Entertainerqualitäten konzentrieren kann. Und die sind beachtlich - wann immer Roy auftritt, es ist ein Showstopper. Christian Schöne (hat damals in Tecklenburg in "Artus Excalibur" Loth gespielt - ich dachte, es wäre der Sohn gewesen, aber gut, macht ja nichts), dessen kunstvoll geflochtene blonde Mähne seine eigenen Haare zu sein scheinen, holt aus dem Part alles raus, was zu machen ist. Stimmgewaltig, ein fantastischer Tänzer mit perfektem komödiantischem Timing und sich für nichts, aber auch gar nichts zu schade sorgt er für Begeisterung im Publikum und jede Menge Lacher. Er alleine war den Abend schon mehr als wert. Und ich bin sicher, das wäre auch genauso gewesen, hätten sie Roy die menschlichen Unzulänglichkeiten zugestanden - so ist es noch immer eine tolle Showdarbietung. Inklusive der Immersion - "Die mit Abitur unter Ihnen ahnen es schon - jetzt kommt der Mitmachteil."
Jessica (Rachel Marshall - auch schon mehrfach in Tecklenburg, unter anderem in Cats als Bombalurina) macht sich großartig als intrigantes Biest. Eine tolle Tänzerin mit einer sehr beeindruckenden Stimme, vor allem in "Holding out for Hero", und mit immer makelloser Haltung ist sie der Inbegriff der ehrgeizigen Turniertänzerin, die für den Erfolg über Leichen geht.
Ihr Gegenpart, Laura (Katia Bischoff, hat letztes Jahr in Tecklenburg schon als Sister Mary Robert stimmlich sehr beeindruckt), steht dem in nichts nach. Sie beeindruckt wieder vor allem stimmlich, ist aber auch tänzerisch gut und glaubhaft - dass hier ein deutlicher Unterschied zu sehen ist, dient dem Charakter und könnte darum Absicht sein. Immerhin ist Laura neu auf dem Wettbewerbsparkett, darum sehr viel natürlicher und es ist gut, dass man ihr das anmerken kann.
Unser Hauptdarsteller Jimmy wird von Andrew Chadwick dargestellt, der ebenfalls ein fantastischer Tänzer ist, aber stimmlich leider deutlich abfällt. Nicht, dass er schlecht ist, aber die Meßlatte liegt nunmal extrem hoch, und dazu kommt noch, dass "Miami Nights", sein Hauptsong, sich nicht wirklich mit dem messen kann, was die anderen Charaktere zu singen haben. Es ist ein nettes Lied, die anderen singen Klassiker von einem ganz anderen Kaliber. Er hat also nicht die besten Voraussetzungen, um sich zu behaupten.
Abgesehen davon ist er aber angemessen jungenhaft, naiv und sympatisch. Ich halte der Rolle ihren Idealismus zugute und ihre Bemühungen, integer zu bleiben und sich nicht korrumpieren zu lassen. Da ist Jimmy so ziemlich der Einzige im Stück - selbst Laura nimmt immer gleich das Schlechteste an und ist bereit, Jimmy wegen eines Gerüchtes sofort fallen zu lassen. Alleine wegen all dieser Ungerechtigkeiten ihm gegenüber muss mal also schon mit Jimmy mitfühlen, und das transportiert Mr Chadwick ausgezeichnet.
Daneben gibt es noch ein paar wichtigere Nebenrollen, wie Andy (Jürgen Brehm - sehr charmant) und Sarah (Janina Niehus), oder Lauras Bruder Emilio (Lucas Baier) und seine Freundin Mercedes (Julia Waldmeyer). Alle vier spielen ihre Parts mit großer Begeisterung und viel Elan und tragen viel dazu bei, dass das Stück zu einem großen Ganzen wird und nicht als Nummernrevue endet.
Und nicht zu vergessen, der heimliche Star des Abends, Bettys kleiner grauer Wuschelhund mit dem passendem Namen Billy Elliot.
Und klingen tut das Ganze natürlich auch gewohnt fantastisch. Voll, schmissig... elf Musiker für ein Stück mit 80er-Jahre-Pop sind ein Luxus, den sich so manches große Theater nicht leistet. Tecklenburg schon. Und das hört man einfach.
Toller Abend. Hat sehr viel Spaß gemacht. Tecklenburg lohnt sich immer.
Es spielt die
Miami Nights ist ein deutsches Musical aus dem Jahr 2002, und ich habe es zur Uraufführung in Düsseldorf gesehen. Es ist eine Compilation-Show, deren Musik aus diversen Hits der 80er Jahr besteht, die auch im Original mit den orginalen Texten gesungen werden, sowie einer Eigenkomposition, dem Titelsong.
Es geht um die Miami Nights, einen Tanzwettbewerb über (wahrscheinlich) 10 Tänze, der jährlich in Miami stattfindet. Unsere Hauptperson Jimmy und seine Partnerin Jessica stehen kurz vor dem großen Durchbruch, und kurz davor, die Serie des Siegers der letzten sechs Jahre, Roy Fire, zu beenden. Jessica sägt den Absatz von Roys Tanzpartnerin an, sie bricht sich den Knöchel. Jimmy ist entsetzt und kündigt die Zusammenrbeit auf.
Das wiederum ist eine Katastrophe, denn Jimmys Mutter Betty und ihr Partner Bob betreiben eine Tanzschule, und ohne erfolgreiches Aushängeschild ist diese dem Ruin geweiht. Darüber hinaus will die Präsidenten des Tanzsportkommitees Bob nur zu ihrem Nachfolger ernennen, wenn er ein Siegerpaar vorweisen kann. Jimmy wird also dazu gebracht, sich bei Jessica zu entschuldigen, aber sie hat sich zwischenzeitlich Roy geangelt.
Zwischen der Suche nach einer neuen Tanzpartnerin und dem Versuch, seinem besten Freund Andy den Cha Cha Cha beizubringen, damit der bei seiner großen Liebe Sarah punkten kann, verliebt sich Jimmy in die Kubanerin Laura. Er bringt ihr Rhuma bei, sie bringt ihm Salsa bei, am Ende will er mit ihr auf dem Wettbewerb starten, was natürlich gar nicht geht. Und Jessica spinnt auch weiter fleißig Intrigen, um an das Preisgeld zu kommen...
Zur Uraufführung spielte das Stück passend zur Musik in den 80ern. In der Tecklenburger Version spielt es 2021. Das hat den Vorteil (oder Nachteil, je nach Geschmack), dass sie einige Songs durch modernere ersetzen, aktuelle Popkulturverweise und Filmzitate einbauen konnten, und den eindeutigen Nachteil, dass das Stück in diesem Setting noch sexistischer wirkt. Ja, der Showtanzzirkus reduziert Frauen auf schöne Anhängsel, Männer sind schmierige Machos und alles ist extrem künstlich hochgestyled, aber das passt eben besser in ein Setting von vor 40 Jahren als in ein aktuelles. Vor allem die alte "Trägst du diese Brille eigentlich immer?"-Leier stößt sauer auf - er kann sich nur in sie verlieben, wenn sie keine Brille trägt? Und warum sollte sie sie tragen, wenn sie das nicht muss? In der nächsten Inkarnation könnte sie vielleicht "Nein, aber seh ich damit nicht unheimlich clever aus?" antworten, das wäre immerhin schlagfertig.
Nein, Miami Nights ist sicher kein tiefgreifendes Stück, über das man länger nachdenken sollte. Aber dafür ist es eine schmissige, bunte, wilde Show mit tollen Tanzszenen, die in keiner Sekunde langweilig wird, und dadurch zu punkten weiß, dass sie den ganzen Showzirkus in ihrem Zentrum für keine Sekunde ernst nimmt und genüsslich auf die Spitze treibt. Und auch darüber hinaus.
Für einen unterhaltsamen und oft auch sehr lustigen Theaterabend ist sie allemale gut.
Und Tecklenburg hat wie immer dafür gesorgt, dass es auch mehr wurde als das. Ein richtig guter Theaterabend nämlich. Und zeitweise sogar eine richtige Party.
Das hängt natürlich vor allem mit ihrer großartigen Cast zusammen. Alle Beteiligten sind mit großer Begeisterung bei der Sache, kosten die Manirismen ihrer Figuren aus und tanzen fantastisch.
Die Abräumerrolle dieser Inszenierung ist ohne Zweifel Roy Fire. Im Grunde ist er der Bösewicht des Stücks, ein arroganter Selbstdarsteller, der genau das will, was alle anderen auch wollen: den Sieg, das Preisgeld und das Renommée für seine Schule. Auch hier hadert er damit, dass er nicht mehr der Jüngste ist in einem Geschäft, für das nur Jugend und Schönheit zählt, und er ist Alkoholiker. Angeblich. Denn im Stück sieht man von beidem quasi nichts, die Szenen, in denen es für die Handlung essentiell ist, tauchen auf wie aus dem Nichts und stehen vollkommen alleine (auch wenn sie für ein paar Gags gut sind). Das nimmt der Figur Hintergrund und Tiefe, lässt den Handlungsverlauf ein bisschen nach deus ex machina aussehen, und ist darum schade.
Auf der anderen Seite bedeutete es aber auch, dass das Publikum sich keine Gedanken um Roys Seelenleben machen muss, und sich stattdessen ganz auf seine Entertainerqualitäten konzentrieren kann. Und die sind beachtlich - wann immer Roy auftritt, es ist ein Showstopper. Christian Schöne (hat damals in Tecklenburg in "Artus Excalibur" Loth gespielt - ich dachte, es wäre der Sohn gewesen, aber gut, macht ja nichts), dessen kunstvoll geflochtene blonde Mähne seine eigenen Haare zu sein scheinen, holt aus dem Part alles raus, was zu machen ist. Stimmgewaltig, ein fantastischer Tänzer mit perfektem komödiantischem Timing und sich für nichts, aber auch gar nichts zu schade sorgt er für Begeisterung im Publikum und jede Menge Lacher. Er alleine war den Abend schon mehr als wert. Und ich bin sicher, das wäre auch genauso gewesen, hätten sie Roy die menschlichen Unzulänglichkeiten zugestanden - so ist es noch immer eine tolle Showdarbietung. Inklusive der Immersion - "Die mit Abitur unter Ihnen ahnen es schon - jetzt kommt der Mitmachteil."
Jessica (Rachel Marshall - auch schon mehrfach in Tecklenburg, unter anderem in Cats als Bombalurina) macht sich großartig als intrigantes Biest. Eine tolle Tänzerin mit einer sehr beeindruckenden Stimme, vor allem in "Holding out for Hero", und mit immer makelloser Haltung ist sie der Inbegriff der ehrgeizigen Turniertänzerin, die für den Erfolg über Leichen geht.
Ihr Gegenpart, Laura (Katia Bischoff, hat letztes Jahr in Tecklenburg schon als Sister Mary Robert stimmlich sehr beeindruckt), steht dem in nichts nach. Sie beeindruckt wieder vor allem stimmlich, ist aber auch tänzerisch gut und glaubhaft - dass hier ein deutlicher Unterschied zu sehen ist, dient dem Charakter und könnte darum Absicht sein. Immerhin ist Laura neu auf dem Wettbewerbsparkett, darum sehr viel natürlicher und es ist gut, dass man ihr das anmerken kann.
Unser Hauptdarsteller Jimmy wird von Andrew Chadwick dargestellt, der ebenfalls ein fantastischer Tänzer ist, aber stimmlich leider deutlich abfällt. Nicht, dass er schlecht ist, aber die Meßlatte liegt nunmal extrem hoch, und dazu kommt noch, dass "Miami Nights", sein Hauptsong, sich nicht wirklich mit dem messen kann, was die anderen Charaktere zu singen haben. Es ist ein nettes Lied, die anderen singen Klassiker von einem ganz anderen Kaliber. Er hat also nicht die besten Voraussetzungen, um sich zu behaupten.
Abgesehen davon ist er aber angemessen jungenhaft, naiv und sympatisch. Ich halte der Rolle ihren Idealismus zugute und ihre Bemühungen, integer zu bleiben und sich nicht korrumpieren zu lassen. Da ist Jimmy so ziemlich der Einzige im Stück - selbst Laura nimmt immer gleich das Schlechteste an und ist bereit, Jimmy wegen eines Gerüchtes sofort fallen zu lassen. Alleine wegen all dieser Ungerechtigkeiten ihm gegenüber muss mal also schon mit Jimmy mitfühlen, und das transportiert Mr Chadwick ausgezeichnet.
Daneben gibt es noch ein paar wichtigere Nebenrollen, wie Andy (Jürgen Brehm - sehr charmant) und Sarah (Janina Niehus), oder Lauras Bruder Emilio (Lucas Baier) und seine Freundin Mercedes (Julia Waldmeyer). Alle vier spielen ihre Parts mit großer Begeisterung und viel Elan und tragen viel dazu bei, dass das Stück zu einem großen Ganzen wird und nicht als Nummernrevue endet.
Und nicht zu vergessen, der heimliche Star des Abends, Bettys kleiner grauer Wuschelhund mit dem passendem Namen Billy Elliot.
Und klingen tut das Ganze natürlich auch gewohnt fantastisch. Voll, schmissig... elf Musiker für ein Stück mit 80er-Jahre-Pop sind ein Luxus, den sich so manches große Theater nicht leistet. Tecklenburg schon. Und das hört man einfach.
Toller Abend. Hat sehr viel Spaß gemacht. Tecklenburg lohnt sich immer.