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Zülpich - Stadtslogan: "Die Römerstadt" - ist eine Stadt in der gleichnamigen Börde, in der Voreifel im Rheinland. Es hat ca 21 000 Einwohner und seit ein paar Jahren auch wieder einen Anschluss ans Gleisnetz, der von der Rurtalbahn bedient wird. Die sogenannte Bördebahn fährt täglich einmal pro Stunde zwischen Düren und Euskirchen (und in Gegenrichtung), und überbrückt die Strecke deutlich schneller, als man das mit dem Auto schaffen würde. Vom Zülpicher Bahnhof muss man dann allerdings etwa 1 km in die Innenstadt laufen (oder Bus fahren).

Wie alle Orte in der Gegend, deren Namen auf -ich enden, hat auch der Name Zülpich seine Wurzeln im keltischen Sprachraum. Seit der Römerzeit, belegt im 1.Jahrhundert, ist Zülpich unter dem Namen Tolbiacum besiedelt und vor allem dafür bekannt, dass hier im 5.Jahrhundert die Schlacht von Zülpich stattgefunden haben soll (Chlodwig I. gegen die Alemannen, er gewann, schrieb seinen Sieg dem christlichen Gott zu und ließ sich umgehend taufen). Gesichert ist dagegen, dass Tolbiacum Teil des Verwaltungsbezirkes Colonia Claudia Ara Argippinensum (Köln) war, weshalb die Tolbiacer das Recht hatten, sich Agrippinenser zu nennen.


Auch später war die Stadt durch ihre Lage am Kreuzungspunkt zweier Handelsstraßen begehrt und im Streit zwischen den Herren von Jülich und den Herren von Köln gerne mal Schauplatz von Kämpfen (am Ende behielt Köln die Oberhand). Mehrfach zerstört und wieder aufgebaut ist Zülpich heute nicht mehr im Besitz eines historischen Stadtkerns, dafür verfügt es aber über vier wiederaufgebaute Stadttore (Kölntor, Bachtor, Weiertor, Münstertor - das zweite und das vierte sind jeweil das Vereinshauptquartier eines Karnevalsvereins), lange Strecken seiner Stadtmauer, und die Landesburg aus dem 14.Jahrhundert, die sorgfältig wieder aufgebaut wurde und ein großartiges Beispiel für eine mittelalterliche Kastellburg darstellt. In ihr sind Wohnungen, die Geschichtswerkstatt und ein Yoga-Zentrum untergebracht, und ein Turm kann bestiegen werden, wenn man ein Ticket dafür kauft.

Ferner hatte Zülpich vor ein paar Jahren eine Landesgartenschau, von der mehr oder weniger verwilderte Parkanlagen zeugen, sowie einige Kunstwerke im freien Raum.

Die Hauptpfarrkirche St. Peter ist ein modernes Gebäude aus den 1950ern, hat aber noch eine sehr schöne romanische Krypta zu bieten. St. Peters Schlüssel sind auch auf dem Stadtwappen zu sehen, unterlegt vom schwarzen Kreuz auf Silber von Kurköln. Zu dem gehört Zülpich heute nur noch insofern, dass es im Regierungsbezirk Köln liegt, der Landkreis ist Euskirchen, und die dazugehörigen Autokennzeichen EU und SLE.

Städtepartnerschaften hat Zülpich natürlich auch, und zwar mit Blaye (Frankreich), Kangasala (Finnland) und Elst (Niederlande). Dazu kommen noch zwei nicht offizielle Städtepartnerschaften (das gibt's?), mit Leiwen (Mosel) und Tàrrega (Spanien), das wiederum eine Partnerstadt von Zülpichs Partnerstadt Blaye ist.

Wenn man eine römische Stadt war, hat man natürlich auch römische Reste, und da hat Zülpich die sehr gut erhaltenen Grundmauern einer Therme. Darüber haben sie ein Museum gebaut, das Museum der Badekultur. Direkt neben St. Peter steht ein sehr moderner Museumsbau, in dem man sehr herzlich begrüßt wird. Im Foyer steht außerdem das Original des Leugensteins - ein in Zülpich entdecker Römischer Meilenstein, auf dem die Entfernungen in der keltischen Masseinheit Leuge angegeben sind. Am Kreisverkehr vor dem Münstertor steht eine Replik, das Original muss natürlich vor den Unbillen der Natur geschützt werden. (eine Leuge sind übrigens in etwa 2 km)

Die untere Etage des Museums wird von der Therme eingenommen. Diese hatte eine Vorhalle, die auch im Museum als Vorhalle beibehalten wurde, mit einem auf den Boden projezierten Wasserbecken und Sitzbänken drum herum, die Informationsterminals über die Tradition von Reinigung in verschiedenen Kulturen anbieten. Dort habe ich gelernt, dass man im Islam vor einer rituellen Waschung die Absicht, dass eines religiöse Reinigung sein soll, deutlich formulieren muss, sonst gilt es nur als körperliche Reinigung. Und das Christentum ist die einzige der großen Weltreligionen, in der es keine rituellen Waschungen gibt, denn Christen sind nach der Taufe so rein, dass nichts von außen sie wieder unrein machen kann. Unreinheit kann im Christentum nur aus dem Herzen entstehen, und die ist dann sehr viel schwerer wieder loszuwerden und Wasser dabei auch eher weniger hilfreich.
Auch gab es eine spaßige Mini-Sonderausstellung in diesem Bereich, mit Handtüchern. Am 25.Mai war Towel Day, und genau darauf bezogen sie sich, um eine kurze Geschichte des Handtuchs zu zeigen, denn das gab's ja auch schon in römischen Zeiten. Schöne Idee.

Als nächstes folgt ein Modell der Therme zu ihrer Glanzzeit, grundsätzliche Erklärungen zu Thermen und ihrem Stellenwert und ihrer Eingliederung in eine römische Stadt und die Gesellschaft, sowie die üblichen Funde aus Grabungen in Thermen. Rund um die römischen Mauern gibt es weitere Infotafeln - Hypokausten erklärt man halt am besten, wenn man sie dabei auch zeigen kann - und Projektionsschirme, auf denen Impressionen aus dem Inneren einer Therme gezeigt werden. Die stammen aus der Villa Borg, das war auch nett. Da war ich ja grade erst vor ein paar Wochen, darum habe ich das problemlos erkannt.
Es ist übrigens nicht klar, woher die Zülpicher Therme ihr Wasser bekam. Es gibt bis jetzt keine Hinweise auf ein Aquädukt, und die drei Brunnen, die sie im Bereich gefunden haben (der eine steht mitten im Tepidarium) stammen alle aus dem Mittelalter.

Aber es handelt sich ja nicht um ein Thermen-Museum, sondern um ein Museum der Badekultur, also geht es nach der Therme weiter durch die Jahrhunderte. Private Bäder in der Antike, Badehäuser im Mittelalter, wer badete wann, warum, wie privat und mit wem. Wer arbeitete in Badehäusern und wer kontrollierte, dass alle Vorschriften eingehalten wurden? Baden aus gesundheitlichen Gründen, Baden als Gefahr, Baden als Sport. Baden als gesellschaftliches Ereigniss, Baden in Legenden (Stichwort Jungbrunnen), und was brauchte man eigentlich zum Baden? Sehr unterhaltsam die diversen Zusammenschnitte von Badeszenen aus diversen Filmen. Ich persönlich mag ja auch immer historische Werbung, genauso wie historische Filme aus Badeorten (offenbar stand man auch schon in den 1920ern gerne einfach so bis zur Hüfte im Wasser der Ostsee herum). Auch die rasanten Veränderungen, die das Baden und Schwimmen in den letzten 100 Jahren durchgemacht haben, waren sehr spannend. Das ist ja noch so nah an einem dran, dass man so etwas wie einen Bezug dazu hat.
Die Ausstellung endet mit einer Auswahl von Badezimmer-Möbeln (Wanne, Waschbecken, Bidet, Toilette) in verschiedenen Designs. Ankunft in der Gegenwart, wo jeder sein eigenes privates Bad hat.

Sehr gut gemachtes kleines Museum, bei dem viel Liebe fürs Details aufgewendet wurde. Klare Empfehlung.

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