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Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein

von Wolfgang Engler und Jana Hensel

Das Buch ist ein Dialog. Er ist das (wahrscheinlich redigierte) Transkript einer Unterhaltung der beiden Autor*innen, in der sie über die Nachwendezeit sprechen. Ich finde das Format gewöhnungsbedürftig und auch ein wenig anstrengend, aber auf der anderen Seite ist es auch sehr persönlich und wirkt authentisch. Und da es um persönliche Erfahrungen geht, ist es dazu passend.

Ich fand es auch als Buch an sich eher anstrengend, aber das mag daran liegen, dass meine Grundkenntnisse über Politik eher beschränkt sind, ich die Namen der wenigsten Politiker*innen der letzten 50 Jahre kenne und leider auch meine Kenntniss von politischen Ereignissen in der DDR schlecht ist. Gerade der letzte gehört zu den Gründen, aus denen ich das Buch gelesen habe, und wenn ich schon ein bisschen was behalte, hat es sich gelohnt.

Da beide Autor*innen zu verschiedenen Generationen gehören, haben sie eine sehr unterschiedliche Erlebniswelt, sowohl was die DDR als auch die Nachwendezeit angeht. Herr Engler ist Jahrgang 1952, Frau Hensel Jahrgang 1976. Er war schon in der DDR, aber auch seitdem, ein Mann in etablierter Stellung, sie wurde in der Nachwendezeit Journalistin und Autorin (und ich will schon seit langem ihr Buch "Zonenkinder" mal lesen). Trotzdem ähneln sich beide in ihren Grundansichten, sie ist deutlich idealistischer, er deutlich konservativer, wie zu erwarten war. Vollständig zum Tragen kommt das in dem Moment, in dem Herr Engler politische Korrektheit als Müll bezeichnet, Gendern als eine Frechheit und erklärt, dass er es nie erlebt hatte, dass seine Stimme und sein Recht, zu etwas Stellung zu beziehen, in Frage gestellt wurde, und darum diese Erfahrung auch Frau Hensel abspricht. Sie entlarvt diese Sichtweise dann schon, bevor er erklärt, dass Feminismus nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung von Interesse ist (Frau Hensel erinnert ihn erwartungsgemäß, dass Frauen 50 % der Weltbevölkerung ausmachen und dass das sicher kein kleiner Teil ist.).

Abgesehen von dieser Abschweifung bleibt das Buch aber erfreulich beim Thema, bei den Erfahrungen, die beide selbst oder in ihrem Bekanntenkreis gemacht haben, und gibt interessante Denkanstöße zur Darstellung der DDR und Ostdeutschland - wieso sagen wir eigenlich noch immer Dinge wie Ostdeutschland und Neue Bundesländer? - in Medien und polulärer Wahrnehmung. Es erinnert daran, dass die DDR zwar kein Rechtsstaat war, es aber durchaus Gesetze gab, die auch gerade im Zivilrecht sehr gut funktioniert haben, und sie in vielen Dingen fortschrittlicher war als die BRD zur gleichen Zeit. Und natürlich daran, was für eine große Rolle Geldgier, Machtwillen und Propaganda auch bei der Wiedervereinigung und ihren Folgen gespielt haben. Es gibt immer zwei Seiten zu jeder Geschichte. Mindestens.

Ein persönlicher Gedanke: Ich hab immer große leere Plätze mit Dikaturen verbunden. Aufmärsche des Volks, des Militärs, erzwungene Begeisterung etc. Vielleicht, weil ich die Bilder von den NS-Dokumentationen kenne... In diesem Buch sind diese Plätze positiv besetzt, weil nur sie die große bildliche Macht der Montagsdemonstrationen ermöglichten. Leipzig hat wohl heute keine solchen freien Stellen mehr, die entsprechende Wucht könnte also nicht mehr reproduziert werden. Kein totalitärer Aufmarsch mehr möglich, aber auch keine beeindruckende friedliche Demonstration.

(Hinweis: Das Buch ist von 2018, beschäftigt sich darum schon mit der AfD und noch mit Pegida.)

Lesenswert, aber nichts für locker nebenbei.

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