blauerfalke: (erzählen)
[personal profile] blauerfalke
von Florian Illies

Die Generation Golf ist die Generation, die zwischen 1965 und 1975 geboren wurde. Also quasi das Gleiche wie die Generation X, deren Definiton zwischen 1965 und 1980 besagt. Ein paar Jahre plus/minus machen es ja sicher nicht aus.

Herr Illies war 28, als er das Buch schrieb, was wahrscheinlich sehr gut ist, denn dann ist die Erinnerung an Kindheit und Jugend noch frisch. Zentrum dieser Zeit sind die 1980-Jahre, das angeblich langweiligste Jahrzehnt, das jemals existiert hat, und die 1990er, in der die Generation sich dann wirklich zu definieren begann. Sowas geht ja immer nur im Rückblick, denn erst im Rückblick entstehen erkennbare Muster.

Ich bin Gen X, und tatsächlich kenne ich jeden einzelnen Werbespruch des Buches, jede erwähnte Fernsehsendung und 95 % der erwähnten Prominenten (gerade das überrascht mich, denn darin war ich noch nie gut). Okay, ich musste nachschlagen, was eine Barbour-Jacke ist, aber, ja, ich hatte auch eine. In meiner Umgebung war sie allerdings kein begehrtes Modeaccessoire, sondern mehr das Erkennungskleidungsstück der Mädchen, die ritten. Die anderen hätten sowas nie getragen. Auch der VW Golf wäre mir nicht spontan als das Traumauto meiner Generation eingefallen, da war in unserem Abi-Jahrgang doch der Renault Twingo eher das, was alle haben wollten, aber vielleicht geht es da eher um die kindliche Prägung 10 Jahre vorher, die mir entgangen ist, weil meine Eltern (und auch ich) Opelfahrer waren (die bei Herrn Illies eher herbalassend belächelt werden).
Aber im Ganzen ist es doch deutlich erkennbar das Bild meiner Kindheit. Das Bild einer Generation der schönen neuen Markenwelt, in der die Frage Pelikan oder Geha zentral ist, die weder mit Atomprotest noch mit Umweltschutz etwas anfangen kann, und die sich schon gar nicht dafür interessiert, wer eigentlich grade Bundeskanzler ist, weil das doch sowieso immer Helmut Kohl ist und alles schon irgendwie laufen wird. Eine Generation, die alles mit "stimmt schon so" angehen kann, so lange nur die richtigen Klamotten verfügbar sind. Gen X verzeiht jedem alles, so lange er richtig gekleidet ist. Ja, auch diese Erfahrung habe ich gemacht, denn ich war es nicht und hatte auch kein Interesse daran.

Das langweiligste Jahrzehnt überhaupt - im Grund war es ein unvorstellbarer Luxus. Wir sind eine Generation, die mit Mitte 20 schon leben konnte wie unsere Eltern erst Mitte 40, eine Generation, die die Muße, den Schutz und die Sicherheit hatte, sich totale Oberflächlichkeiten zum Zentrum ihres Lebens zu machen, und darum auch nie wirklich erwachsen werden musste. Da das Buch von 2000 ist, kann es natürlich nicht die Frage beantworten, wie Gen X mit der heutigen Welt umzugehen in der Lage ist, die all das nicht mehr ist. Aber das werden wir noch herausfinden. Es wird sich nicht vermeiden lassen.

Im Grunde ist es ein oberflächliches Buch, genauso wie das Thema, das ihm zugrunde liegt. Ein Bericht über eine persönliche Kinder- und Jugendzeit, die nur als Porträt einer Generation dienen kann, weil damals andere Zeiten waren. Analogere Zeiten, langsamere Zeiten, in denen sich die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen deutlich mehr glichen als sie das heute tun. Weniger Varianz den Biogaphien, darum erkennen sich sicher auch so viele in Herrn Illies Bericht wieder - schließlich ist das Buch ein Besteller, und ich wage zu bezweifeln, dass es für irgendwen, der nicht Gen X oder Sozialwissenschaftler ist, von Interesse ist.

Aber als Erinnerungsreise ist es nett. So ähnlich wie eine CD mit den Titelmelodien von Kinderserien aus derselben Zeit. Sehr begrenzte Zielgruppe sozusagen.

Profile

blauerfalke: (Default)
blauerfalke

January 2026

S M T W T F S
     123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031

Most Popular Tags

Style Credit

Expand Cut Tags

No cut tags
Page generated Jan. 2nd, 2026 12:47 pm
Powered by Dreamwidth Studios