Die schwarze Mühle
Mar. 16th, 2025 08:05 pmvon Jurij Brězan
Erzählung nach einer sorbischen Sage
Krabat träumt immer wieder von einer Truhe mit Büchern, in denen alles Wissen der Welt steht. Wer weiß, der kann. Er macht sich auf die Suche nach dieser Truhe und gerät dabei im Wald an einen Müller, der ihm anbietet, sein Lehrjunge zu werden. Erst anbietet, dann gradezu drängt, und verführt damit, dass er im Besitz der Truhe und der Bücher ist, und sogar, dass Krabat das erste davon direkt in die Hände bekommt, denn er will Krabat unbedingt als Lehrjungen. Denn Krabat hat keine Mutter, und nur eine Mutter kann einen Lehrjungen aus der Mühle freibitten. Aus der schwarzen Mühle des Titels, in der Krabat erst einmal einen Lehrjungen auswählen muss, der gehen muss, damit Platz für ihn ist. Krabat fürchtet um dessen Schicksal und so nimmt er dem Müller ein Versprechen darüber ab, dass der andere Bursche am Leben bleibt und gehen kann, wohin er will - der Müller verspricht es und verwandelt den Burschen in einen Eber, der daraufhin freiwillig in den Schweinestall rennt. Das Versprechen nicht gebrochen - wer weiß, der kann.
Krabat freundet sich mit einem anderen Lehrjungen an, Markus, so sehr, dass sie sich als Brüder sehen. Krabat gelingt es, Markus' Mutter, die auf der Suche nach ihrem Sohn ist, Nachricht zu bringen, ihn als Sohn zu akzeptieren und mit ihr zu vereinbaren, dass sie ihn und Markus freibittet. Das gelingt der Mutter, also muss der Müller die beiden gehen lassen. Natürlich sinnt er auf Rache.
Krabat nimmt eines der Zauberbücher mit und lernt daraus. Dadurch kann er sich in Tiere verwandeln, die Markus dann auf dem Markt verkauft, um Geld zu beschaffen. Der Müller versucht, zu einer solchen Gelegenheit Gewalt über Krabat zu gewinnen, verliert aber am Ende den Zauberwettstreit. Wer weiß, der kann.
Dem Müller ist klar, dass er Krabat und Markus nur einzeln besiegen kann, also versetzt er Krabat in eine andere Zeit, um sie zu trennen. Markus lernt einem Versprechen dem Bruder gegenüber selbst aus dem Zauberbuch und wird Hofmagier eines Königs. Der zieht in einen Krieg und der Müller sorgt für Verwirrungen, die damit enden, dass Krabat Markus tötet. Danach bezahlt der Müller Ausrufer, die die Nachricht vom Brudermord unter das Volk bringen, um es gegen Krabat einzunehmen. Krabat und Markus' Mutter verbrennen das Zauberbuch und sie zieht mit der Asche und ihrem Herdfeuer, das niemals ausgehen darf, los, um echtes Wissen zu verbreiten. Denn wer weiß, der kann.
Krabat tut sich derweil mit anderen zusammen und legt den Sumpf trocken, der den Mühlbach speist. Die schwarze Mühle bleibt stehen und Krabat besiegt den Müller endgültig. Dann beginnt er, das Land zu pflügen.
"Einer geht über das Land, ein Alter oder ein Junger, man kann es nicht sehen, er ist zu nah. Vielleicht ist es Krabat.
Krabat, von dem die Sage berichtet: Einmal fiel ein Stein vom Himmel und zerbarst. Aus den Trümmern stieg Krabat und schritt ins Land. Einmal wird ein Stein gen Himmel fahren, darin wird Krabat sein.
Dazwischen wird Krabat ein Mensch sein und tun, was er tun muss."
Mit diesem Zitat beginnt das Buch, und ich finde, das setzt den Ton schon sehr deutlich. Krabat ist kein normaler Mensch, sondern mehr. Auch jemand, dessen Namen man kennt, über den man Wissen voraussetzen kann. Ein Hoffnungsträger in düsterer Zeit, denn auch das ist deutlich - die Zeiten sind düster. Es fühlt sich nach Dreißjährigem Krieg an (auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob das irgendwo deutlich verortet wird), nach Verwüstung, verbrannter Erde, Hoffnungslosigkeit. Menschen, die sich mühsam von Tag zu Tag schleppen und Angst davor haben, was morgen sein wird. Eine auswegslose Welt, in der der Einzelne machtlos ist, etwas zu ändern. Eben darum ist die Figur von Krabat und seine Suche nach Wissen so mächtig - wer weiß, der kann.
Auf der anderen Seite ist es auch eine sehr zeitlose Erzählung, denn hoffnungslose, schreckliche Zeiten gibt es immer, und auch den Wunsch nach einer Erlöserfigur. Darum ist es passend, dass die Geschichte trotz aller Details und Bezüge an der Oberfläche bleibt. Außer Krabat und Markus hat keiner der Burschen einen Namen, der Müller ist eine mächtige und bedrohliche, aber schablonenhafte Bedrohung im Hintergrund, und auch die Mutter ist vor allem ein Archetyp. Es ist ein Sagenstil, eine Erzählung, die über den Dingen steht, sie beobachtet und berichtet, und das macht sie zugleich kalt wie auch betörend. Es ist das Unmögliche im Möglichen, die Magie im Alltag, der Anklang davon, dass Erzählung und Figur sehr alt und sehr tief verwurzelt sind, die das Buch ausmachen. Darin liegt seine größte Stärke und auch seine Faszination, auch wenn man selbst beim Lesen eher distanziert bleibt.
Für mich hinterlässt es ein gewisses Gefühl von Asche. Die Asche der Verwüstung des Krieges, die Asche, wenn der Müller das Haus von Markus' Mutter niederbrennt, die Asche des Wissens des Zauberbuchs - Asche, die durch eine Welt weht und die Farben stumpfer macht. Und Asche, die als Dünger dienen kann, für das bessere Morgen.
Wer weiß, der kann.
Sehr interessant zu lesen, auf mehr als einer Ebene.
Erzählung nach einer sorbischen Sage
Krabat träumt immer wieder von einer Truhe mit Büchern, in denen alles Wissen der Welt steht. Wer weiß, der kann. Er macht sich auf die Suche nach dieser Truhe und gerät dabei im Wald an einen Müller, der ihm anbietet, sein Lehrjunge zu werden. Erst anbietet, dann gradezu drängt, und verführt damit, dass er im Besitz der Truhe und der Bücher ist, und sogar, dass Krabat das erste davon direkt in die Hände bekommt, denn er will Krabat unbedingt als Lehrjungen. Denn Krabat hat keine Mutter, und nur eine Mutter kann einen Lehrjungen aus der Mühle freibitten. Aus der schwarzen Mühle des Titels, in der Krabat erst einmal einen Lehrjungen auswählen muss, der gehen muss, damit Platz für ihn ist. Krabat fürchtet um dessen Schicksal und so nimmt er dem Müller ein Versprechen darüber ab, dass der andere Bursche am Leben bleibt und gehen kann, wohin er will - der Müller verspricht es und verwandelt den Burschen in einen Eber, der daraufhin freiwillig in den Schweinestall rennt. Das Versprechen nicht gebrochen - wer weiß, der kann.
Krabat freundet sich mit einem anderen Lehrjungen an, Markus, so sehr, dass sie sich als Brüder sehen. Krabat gelingt es, Markus' Mutter, die auf der Suche nach ihrem Sohn ist, Nachricht zu bringen, ihn als Sohn zu akzeptieren und mit ihr zu vereinbaren, dass sie ihn und Markus freibittet. Das gelingt der Mutter, also muss der Müller die beiden gehen lassen. Natürlich sinnt er auf Rache.
Krabat nimmt eines der Zauberbücher mit und lernt daraus. Dadurch kann er sich in Tiere verwandeln, die Markus dann auf dem Markt verkauft, um Geld zu beschaffen. Der Müller versucht, zu einer solchen Gelegenheit Gewalt über Krabat zu gewinnen, verliert aber am Ende den Zauberwettstreit. Wer weiß, der kann.
Dem Müller ist klar, dass er Krabat und Markus nur einzeln besiegen kann, also versetzt er Krabat in eine andere Zeit, um sie zu trennen. Markus lernt einem Versprechen dem Bruder gegenüber selbst aus dem Zauberbuch und wird Hofmagier eines Königs. Der zieht in einen Krieg und der Müller sorgt für Verwirrungen, die damit enden, dass Krabat Markus tötet. Danach bezahlt der Müller Ausrufer, die die Nachricht vom Brudermord unter das Volk bringen, um es gegen Krabat einzunehmen. Krabat und Markus' Mutter verbrennen das Zauberbuch und sie zieht mit der Asche und ihrem Herdfeuer, das niemals ausgehen darf, los, um echtes Wissen zu verbreiten. Denn wer weiß, der kann.
Krabat tut sich derweil mit anderen zusammen und legt den Sumpf trocken, der den Mühlbach speist. Die schwarze Mühle bleibt stehen und Krabat besiegt den Müller endgültig. Dann beginnt er, das Land zu pflügen.
"Einer geht über das Land, ein Alter oder ein Junger, man kann es nicht sehen, er ist zu nah. Vielleicht ist es Krabat.
Krabat, von dem die Sage berichtet: Einmal fiel ein Stein vom Himmel und zerbarst. Aus den Trümmern stieg Krabat und schritt ins Land. Einmal wird ein Stein gen Himmel fahren, darin wird Krabat sein.
Dazwischen wird Krabat ein Mensch sein und tun, was er tun muss."
Mit diesem Zitat beginnt das Buch, und ich finde, das setzt den Ton schon sehr deutlich. Krabat ist kein normaler Mensch, sondern mehr. Auch jemand, dessen Namen man kennt, über den man Wissen voraussetzen kann. Ein Hoffnungsträger in düsterer Zeit, denn auch das ist deutlich - die Zeiten sind düster. Es fühlt sich nach Dreißjährigem Krieg an (auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob das irgendwo deutlich verortet wird), nach Verwüstung, verbrannter Erde, Hoffnungslosigkeit. Menschen, die sich mühsam von Tag zu Tag schleppen und Angst davor haben, was morgen sein wird. Eine auswegslose Welt, in der der Einzelne machtlos ist, etwas zu ändern. Eben darum ist die Figur von Krabat und seine Suche nach Wissen so mächtig - wer weiß, der kann.
Auf der anderen Seite ist es auch eine sehr zeitlose Erzählung, denn hoffnungslose, schreckliche Zeiten gibt es immer, und auch den Wunsch nach einer Erlöserfigur. Darum ist es passend, dass die Geschichte trotz aller Details und Bezüge an der Oberfläche bleibt. Außer Krabat und Markus hat keiner der Burschen einen Namen, der Müller ist eine mächtige und bedrohliche, aber schablonenhafte Bedrohung im Hintergrund, und auch die Mutter ist vor allem ein Archetyp. Es ist ein Sagenstil, eine Erzählung, die über den Dingen steht, sie beobachtet und berichtet, und das macht sie zugleich kalt wie auch betörend. Es ist das Unmögliche im Möglichen, die Magie im Alltag, der Anklang davon, dass Erzählung und Figur sehr alt und sehr tief verwurzelt sind, die das Buch ausmachen. Darin liegt seine größte Stärke und auch seine Faszination, auch wenn man selbst beim Lesen eher distanziert bleibt.
Für mich hinterlässt es ein gewisses Gefühl von Asche. Die Asche der Verwüstung des Krieges, die Asche, wenn der Müller das Haus von Markus' Mutter niederbrennt, die Asche des Wissens des Zauberbuchs - Asche, die durch eine Welt weht und die Farben stumpfer macht. Und Asche, die als Dünger dienen kann, für das bessere Morgen.
Wer weiß, der kann.
Sehr interessant zu lesen, auf mehr als einer Ebene.