von Otfried Preußler
Erzählung nach einer sorbischen Sage
Krabat ist ein vierzehnjähriger Waisenjunge, der sich als Bettler durchschlägt. Er wird Lehrbursche in der Mühle im Koselbruch bei Schwarzkollm, die sich als Schwarze Schule herausstellt. Einmal die Woche verwandelt der Müller alle seine Burschen in Raben und liest ihnen aus seinem Zauberbuch vor. Wenn sie wollen, können sie etwas lernen, wenn nicht, dann nicht. Ansonsten wird halt gemahlen, auf allen Gängen außer einem, den sie den Toten Gang nennen - nur einmal im Monat, zu Neumond, wird er angeworfen. Immer dann, wenn ein geheimnisvoller Auftraggeber mit einer Kutsche voller Säcke kommt. Dann müssen die Burschen die ganze Nacht schuften, den Inhalt der Säcke mahlen und das Mahlgut dann zurück auf die Kutsche verfrachten. Alles, ohne ein Wort zu sprechen.
Zur Osternacht werden die Burschen zu zweit ausgeschickt, um die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen, an einem Ort, wo ein Mensch gewaltsam zu Tode gekommen ist. Dabei hört Krabat die Stimme der Kantorka von Schwarzkollm - die Vorsängerin des Dorfes - und ist verzaubert von ihr. Er wird von seinem Freund Tonda gewarnt, dass er, wenn er mal ein Mädchen haben sollte, unter keinen Umständen ihren Namen preisgeben darf, sonst wird es für sie ein böses Ende nehmen.
Abgesehen von dem, was man halt in einer Mühle so macht, schickt der Müller auch immer mal wieder Burschen mit Aufträgen aus. Beliebt ist dabei, einen von ihnen in ein Tier zu verwandeln, das dann auf dem Markt verkauft wird. Und jede Neujahrsnacht stirbt einer der Burschen unter mysteriösen Umständen, die anderen tun, als habe er nie existiert, und der Müller gabelt sich irgendwo einen neuen auf. Denn es müssen immer 12 Burschen in der Mühle sein.
Anfangs gefällt es Krabat gut in der Mühle, aber später kommen ihm Zweifel, und mit Hilfe von Juro, einem anderen Burschen, mit dem er sich anfreundet, findet er heraus, wie er dem Dienst entkommen kann: sein Mädchen muss ihn freibitten und dann unter all den anderen erkennen. Dann ist die Macht des Müllers gebrochen, die Mühle steht still und alle Zauberkraft ist verflogen.
Der Müller ahnt, dass Krabat ihm entgleitet und versucht, ihn mit Sonderbehandlung und dem Versprechen, ihn zu seinem Nachfolger zu machen, wieder auf seine Seite zu bringen. Das misslingt. Die Kantorka kommt, um ihn freizubitten, der Müller verbindet ihr die Augen und verwandelt alle Burschen in Raben, aber da sie spürt, dass einer von ihnen Angst um sie hat, erkennt sie daran Krabat.
Im Grunde ist es exakt die gleiche Geschichte wie "Die schwarze Mühle", kein Wunder, denn es liegt ihr ja auch dieselbe Sage zugrunde. Es ist sogar erstaunlich, wie sehr sich die Motive teilweise gleichen, bis hin zu kleinen Details - und auf der anderen Seite ist es auch wieder ein ganz anderes Buch. Der Müller ist viel greifbarer und unmittelbar gefährlich, die zwölf Burschen haben alle Namen und zum Großteil auch deutlich erkennbare Charaktereigenschaften. Es geht viel mehr um das Leben in der Mühle, um die alltägliche Arbeit, bei der jeder seine Aufgaben hat, und um die Beziehungen der Burschen untereinander. Freundschaft, Intrige, Unterstützung, Petzerei... was es da eben so gibt, und auch daran ist nichts magisch oder mystisch, allenfalls vielleicht die Methoden. Magie ist sehr viel deutlicher Teil des Alltags der Burschen und das nicht nur, weil sie sich einmal im Jahr einen mit Asche gezeichnetenn Drudenfuss von der Stirn schwitzen müssen, und ihnen dafür für den Rest des Jahres alle schwere Arbeit leicht von der Hand geht.
In beiden Büchern finde ich es erstaunlich, dass von einer Schwarzen Schule gesprochen wird, wobei in dem einen Krabat dafür kämpfen muss zu lernen, während es in dem anderen vollkommen egal ist, ob er etwas lernt. Beide Bücher implizieren, dass es mehrere dieser Mühlen samt Schulen gibt, was bei "Krabat" deutlich mehr Sinn macht als in "Die schwarze Mühle", denn der Müller ist menschlicher und weniger eine allumfassende Macht. Andersherum macht es in "Krabat" nicht wirklich Sinn, dass die Macht des Müllers zu Ende ist, wenn ihm ein Mädchen einen Burschen freibittet, und dass dann keiner dieser Burschen mehr zaubern kann. Was in "Die schwaze Mühle" nicht zutrifft. Beides nicht.
"Krabat" ist vom Gefühl her dunkler, aber auf eine magische, nicht realistische Weise. Darum ist es noch immer ein Buch - oder, bei mir, ein Film - der Angst macht, aber eben auf eine andere Art als auf die graue, alltägliche in "Die schwarze Mühle". Darum ist "Die schwarze Mühle" das sehr viel schwerer zu verkraftende Buch, aber "Krabat" ist das unmittelbarere und emotionalere. Auch wenn es übertrieben wäre, von Tiefgang bei den Charakteren zu sprechen, bietet es genug, um Abneigungen oder Vorlieben für einzelne von ihnen zu entwickeln, mit ihnen mitzufühlen und sich für ihre Schicksale und die Beziehungen untereinander zu interessieren. Es ist menschlicher. Krabat ist keine mystische Figur, sondern einfach ein Junge. Niemand, für den es sich lohnen würde, Ausrufer zu bezahlen, um ihn beim Volk schlecht zu machen, denn niemand im Volk kennt ihn oder verknüpft irgendwelche Hoffnungen mit ihm. Es ist einfach seine persönliche Geschichte.
Interessanterweise gibt es im Buch eine Figur, die zumindest für die Müllerburschen so etwas darstellt wie der Krabat des anderen Buches für das Volk - Pumphutt, ein mächtiger Magier, der auch mal ein Müllersbursche war, jetzt aber durch die Lande zieht, um zu kontrollieren, ob die Müller ihre Burschen auch gut behandeln. Wenn nicht, sorgt er für eine entsprechende Strafe.
Natürlich muss man es heute im Kontext der Zeit lesen, aber für ein Buch aus dem Jahr 1971 ist es erstaunlich gut gealtert. Das liegt sicher auch daran, dass das Setting trotz genauer Lokalisation - Schwarzkollm existiert, man kann da hinfahren und auch die geographischen Gegebenheiten sind im Buch realistisch wiedergegeben - eben eher fantastisch ist, und das dazu beiträgt, dass die Geschichte zeitlos wird. Schulen für Magie werden ja immer gerne genommen, egal in welcher Inkarnation.
Es ist übrigens auch zeitlich klar verankert, das war mir bis jetzt nicht so bewusst. Und es ist nicht der Dreißigjährige Krieg, sondern der Große Nordische, der war was später.
Ich empfehle es natürlich alleine schon wegen Tonda. Aber auch sonst ist es ein gutes, mit viel Sorgfalt geschriebenes, atmosphärisch dichtes Buch.
Erzählung nach einer sorbischen Sage
Krabat ist ein vierzehnjähriger Waisenjunge, der sich als Bettler durchschlägt. Er wird Lehrbursche in der Mühle im Koselbruch bei Schwarzkollm, die sich als Schwarze Schule herausstellt. Einmal die Woche verwandelt der Müller alle seine Burschen in Raben und liest ihnen aus seinem Zauberbuch vor. Wenn sie wollen, können sie etwas lernen, wenn nicht, dann nicht. Ansonsten wird halt gemahlen, auf allen Gängen außer einem, den sie den Toten Gang nennen - nur einmal im Monat, zu Neumond, wird er angeworfen. Immer dann, wenn ein geheimnisvoller Auftraggeber mit einer Kutsche voller Säcke kommt. Dann müssen die Burschen die ganze Nacht schuften, den Inhalt der Säcke mahlen und das Mahlgut dann zurück auf die Kutsche verfrachten. Alles, ohne ein Wort zu sprechen.
Zur Osternacht werden die Burschen zu zweit ausgeschickt, um die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen, an einem Ort, wo ein Mensch gewaltsam zu Tode gekommen ist. Dabei hört Krabat die Stimme der Kantorka von Schwarzkollm - die Vorsängerin des Dorfes - und ist verzaubert von ihr. Er wird von seinem Freund Tonda gewarnt, dass er, wenn er mal ein Mädchen haben sollte, unter keinen Umständen ihren Namen preisgeben darf, sonst wird es für sie ein böses Ende nehmen.
Abgesehen von dem, was man halt in einer Mühle so macht, schickt der Müller auch immer mal wieder Burschen mit Aufträgen aus. Beliebt ist dabei, einen von ihnen in ein Tier zu verwandeln, das dann auf dem Markt verkauft wird. Und jede Neujahrsnacht stirbt einer der Burschen unter mysteriösen Umständen, die anderen tun, als habe er nie existiert, und der Müller gabelt sich irgendwo einen neuen auf. Denn es müssen immer 12 Burschen in der Mühle sein.
Anfangs gefällt es Krabat gut in der Mühle, aber später kommen ihm Zweifel, und mit Hilfe von Juro, einem anderen Burschen, mit dem er sich anfreundet, findet er heraus, wie er dem Dienst entkommen kann: sein Mädchen muss ihn freibitten und dann unter all den anderen erkennen. Dann ist die Macht des Müllers gebrochen, die Mühle steht still und alle Zauberkraft ist verflogen.
Der Müller ahnt, dass Krabat ihm entgleitet und versucht, ihn mit Sonderbehandlung und dem Versprechen, ihn zu seinem Nachfolger zu machen, wieder auf seine Seite zu bringen. Das misslingt. Die Kantorka kommt, um ihn freizubitten, der Müller verbindet ihr die Augen und verwandelt alle Burschen in Raben, aber da sie spürt, dass einer von ihnen Angst um sie hat, erkennt sie daran Krabat.
Im Grunde ist es exakt die gleiche Geschichte wie "Die schwarze Mühle", kein Wunder, denn es liegt ihr ja auch dieselbe Sage zugrunde. Es ist sogar erstaunlich, wie sehr sich die Motive teilweise gleichen, bis hin zu kleinen Details - und auf der anderen Seite ist es auch wieder ein ganz anderes Buch. Der Müller ist viel greifbarer und unmittelbar gefährlich, die zwölf Burschen haben alle Namen und zum Großteil auch deutlich erkennbare Charaktereigenschaften. Es geht viel mehr um das Leben in der Mühle, um die alltägliche Arbeit, bei der jeder seine Aufgaben hat, und um die Beziehungen der Burschen untereinander. Freundschaft, Intrige, Unterstützung, Petzerei... was es da eben so gibt, und auch daran ist nichts magisch oder mystisch, allenfalls vielleicht die Methoden. Magie ist sehr viel deutlicher Teil des Alltags der Burschen und das nicht nur, weil sie sich einmal im Jahr einen mit Asche gezeichnetenn Drudenfuss von der Stirn schwitzen müssen, und ihnen dafür für den Rest des Jahres alle schwere Arbeit leicht von der Hand geht.
In beiden Büchern finde ich es erstaunlich, dass von einer Schwarzen Schule gesprochen wird, wobei in dem einen Krabat dafür kämpfen muss zu lernen, während es in dem anderen vollkommen egal ist, ob er etwas lernt. Beide Bücher implizieren, dass es mehrere dieser Mühlen samt Schulen gibt, was bei "Krabat" deutlich mehr Sinn macht als in "Die schwarze Mühle", denn der Müller ist menschlicher und weniger eine allumfassende Macht. Andersherum macht es in "Krabat" nicht wirklich Sinn, dass die Macht des Müllers zu Ende ist, wenn ihm ein Mädchen einen Burschen freibittet, und dass dann keiner dieser Burschen mehr zaubern kann. Was in "Die schwaze Mühle" nicht zutrifft. Beides nicht.
"Krabat" ist vom Gefühl her dunkler, aber auf eine magische, nicht realistische Weise. Darum ist es noch immer ein Buch - oder, bei mir, ein Film - der Angst macht, aber eben auf eine andere Art als auf die graue, alltägliche in "Die schwarze Mühle". Darum ist "Die schwarze Mühle" das sehr viel schwerer zu verkraftende Buch, aber "Krabat" ist das unmittelbarere und emotionalere. Auch wenn es übertrieben wäre, von Tiefgang bei den Charakteren zu sprechen, bietet es genug, um Abneigungen oder Vorlieben für einzelne von ihnen zu entwickeln, mit ihnen mitzufühlen und sich für ihre Schicksale und die Beziehungen untereinander zu interessieren. Es ist menschlicher. Krabat ist keine mystische Figur, sondern einfach ein Junge. Niemand, für den es sich lohnen würde, Ausrufer zu bezahlen, um ihn beim Volk schlecht zu machen, denn niemand im Volk kennt ihn oder verknüpft irgendwelche Hoffnungen mit ihm. Es ist einfach seine persönliche Geschichte.
Interessanterweise gibt es im Buch eine Figur, die zumindest für die Müllerburschen so etwas darstellt wie der Krabat des anderen Buches für das Volk - Pumphutt, ein mächtiger Magier, der auch mal ein Müllersbursche war, jetzt aber durch die Lande zieht, um zu kontrollieren, ob die Müller ihre Burschen auch gut behandeln. Wenn nicht, sorgt er für eine entsprechende Strafe.
Natürlich muss man es heute im Kontext der Zeit lesen, aber für ein Buch aus dem Jahr 1971 ist es erstaunlich gut gealtert. Das liegt sicher auch daran, dass das Setting trotz genauer Lokalisation - Schwarzkollm existiert, man kann da hinfahren und auch die geographischen Gegebenheiten sind im Buch realistisch wiedergegeben - eben eher fantastisch ist, und das dazu beiträgt, dass die Geschichte zeitlos wird. Schulen für Magie werden ja immer gerne genommen, egal in welcher Inkarnation.
Es ist übrigens auch zeitlich klar verankert, das war mir bis jetzt nicht so bewusst. Und es ist nicht der Dreißigjährige Krieg, sondern der Große Nordische, der war was später.
Ich empfehle es natürlich alleine schon wegen Tonda. Aber auch sonst ist es ein gutes, mit viel Sorgfalt geschriebenes, atmosphärisch dichtes Buch.