Oct. 3rd, 2021

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von Willy Russell

Kammerspiel in zwei Akten für zwei Personen, spielt im Liverpool der 1970er Jahre

Auch spielt es ausschließlich in einem Raum, nämlich im Büro eines Literaturprofessors.

Wikipedia sagt, es sei eine Komödie. Das Nachwort von Reclam, deren Edition ich gelesen habe, spricht nicht von einer Komödie. Ich persönlich würde es für ein Gesellschaftsdrama halten. Es geht um die titelgebende Rita, die im Rahmen der Open University einen Abendkurs beim Literaturprofessor Frank macht. Wie lange der Kurs dauert, ist mir nicht ganz klar - ein Jahr? In jedem Fall besteht Rita am Ende ihr Examen mit Bravour. Nachdem sie gelernt hat, was wichtige Literatur ausmacht und so ihren Horizont erweitert hat. Frank auf der anderen Seite hat am Ende ein Disziplinarverfahren am Hals weil er trinkt und seine Studenten sich über seine Vorlesungen beschwert haben, und geht für ein Jahr nach Australien.

Es geht vor allem um Klassenunterschiede, um Erwartungen, die das Umfeld an Menschen hat und was diese Menschen damit machen. Was passiert, wenn man sich nicht anpasst, wie schwer es ist, dann standhaft und sich selbst treu zu bleiben. Es geht darum, was es kostet, seinen eigenen Weg zu finden.
Dazwischen lernt man Dinge über das Großbritannien der 1970er und wer die ganzen literarischen Verweise nicht versteht, der kann die Bezüge im Nachwort nachschlagen. Darum ist es gut, die Reclam-Ausgabe zu lesen, denn besagtes Nachwort erklärt eben diese Meta-Ebene.

Ich kann mir schon vorstellen, dass es interessant genug ist, um dafür ins Theater zu gehen. Es gibt eine Verfilmung, aber dafür erscheint es mir nicht interessant genug, denn die wird sich sicher nicht auf das Büro begrenzen und Szenen zwischenschieben, also das dichte Material verwässern.

Mal was Anderes.
blauerfalke: (Default)
Libretto des gleichnamigen Musicals von Cole Porter

Ich habe "Kiss me, Kate", tatsächlich gesehen. Zweimal, um genau zu sein, einmal in der Oper Düsseldorf und einmal im Theater Aachen. Umso erstaunlicher, dass ich mich nur an wenige Szenen der Aufführungen erinnere, und schon gar nicht mehr an die Handlung. Ich meine, dass ich natürlich schon grob weiß, um was es in "Kiss me, Kate" geht, denn immerhin ist das ein Klassiker, aber ich kann mich nicht mehr an die Handlung erinnern, die auf einer der beiden Bühnen stattgefunden hat.

Grob gesagt geht es um eine Theatertruppe, die Shakespeares "Taming of the Shrew" aufführt, und um die Verwicklungen hinter der Bühne. Das ist nicht ganz so haarsträubend wie bei "Der nackte Wahnsinn", aber in etwa genauso abstrus. Ob es ein Happy End hat, ist im Libretto auch nicht so ganz deutlich, aber ich meine, das würde bei Aufführungen sozusagen vorausgesetzt. Schließlich ist "Kiss me, Kate" von 1948, da hatten Shows noch ein Happy End.
Die bekanntesten Musiknummern sind "Another Op'nin, Another Show", "Wunderbar", "Too darn hot" und "Brush up your Shakespeare".

Auch dieses Buch ist eine Reclam-Ausgabe, also war für mich vor allem das ausführliche Nachwort interessant, das die Entstehung von "Kiss me, Kate" und der Gattung des modernden Musicals an sich erläutert (das erste moderne Musical war "Show Boat", das so bahnbrechend anders war, dass sich die Geburtsstunde des Musicals auf den 27.Dezember 1927 datieren lässt, die Uraufführung dieses Stückes), die verschiedenen Ebenen des Musicals näher beleuchtet (Bühnenhandlung, in der sie tatsächlich Original-Shakespeare sprechen, wenn auch gekürzt und durcheinandergewirbelt, Hinter-der-Bühne-Handlung, die Beziehung zwischen beidem und die Metaebene über das korrekte Verhalten von Frauen gegenüber ihren Ehemännern) und selbstverständlich auch klar gemacht, dass Musical eine minderwertige Theatergattung ist, wenn man es mit der großen Kunst der Oper vergleicht. Einzig Werke wie "West Side Story" sind so etwas wie im Rahmen ihrer Möglichkeiten gelungen. Da hat mich schon wirklich überrascht, dass auch "Das Phantom der Oper" in der ALW-Version noch eine Art lobende Erwähnung bekam.
(An dieser Stelle möchte ich gerne daran erinnern, dass Reclam mal einen Musical-Führer auf dem Markt hatte, in dem der Handlungsübersicht von "Starlight Express" deutlich anzumerken war, dass sie das Musical nie gesehen oder auch nur das Libretto gelesen hatten.)

War nett zu lesen. "Kiss me, Kate" ist albern, aber unterhaltsam, und das Nachwort war auch eine Mischung aus interessant und spaßig. Brauche ich aber nicht noch mal zu lesen.
blauerfalke: (geschichten)
von Friedrich Dürrenmatt

"Der Richter und sein Henker" habe ich mal in der Schule gelesen, aber quasi null Erinnerung daran. Nur, dass ich es für eine Schüllektüre überraschend gut fand, also muss das in der Mittelstufe gewesen sein. In der Oberstufe habe ich mir über sowas keine Gedanken mehr gemacht.

Beides sind eigenständige Werke, waren aber in einem Doppelband zusammengefaßt. Wahrscheinlich, weil sie beide denselben Protagonisten haben, den totkranken Kommissär (ja, Komissär, nicht Kommissar, denn das Ganze spielt in der Schweiz) Bärlach. In "Der Richter und sein Henker" klärt den Mord an einem Polizisten auf, in "Der Verdacht" jagt er einen Nazi-Kriegsverbrecher.

Es lässt sich auch jetzt noch gut lesen. Gerade "Der Richter und sein Henker" ist atmosphärisch dicht, spannend und clever gemacht. Auch ist es knapp und trotz diverse Exkurse handlungsgetrieben, so dass man es tatsächlich einfach als Krimi lesen und gut finden kann. Da wir es in der Schule gelesen haben, ist es sicher auch auf andere Art und Weise wichtig und bedeutend, aber da habe ich mir jetzt nicht die Mühe gemacht, das nochmal nachzuschlagen. Wie gesagt, ich habe keine Erinnerung von damals an das Buch, und schon gar nicht an das, was wir dazu gelernt haben.

"Der Verdacht" ist vom Tempo her deutlich langsamer, setzt sehr viel mehr auf Philosophie und Dialog und erörtert ausführlich Konzepte wie Glauben, Schuld und Freiheit. Oft wird es sehr grausam oder gar gruselig, aber passieren tut hier im Gegensatz zum anderen Buch nicht viel. Am Ende wird für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr die Angstschraube gedreht, aber auch "Der Verdacht" ist ein durchaus spannendes Buch, das man auch zur Unterhaltung als Krimi gut lesen kann. Krimi mit physologischen Exkursen in die Abgründe der menschlichen Seele.

Zweifacher Beweis: Große Literatur muss nicht langweilig sein.

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