Jan. 27th, 2025

blauerfalke: (erzählen)
von Philipp Ruch

Hinter dem Buch steht das Zentrum für Politische Schönheit, von dem ich in meiner politischen Halbbildung noch nie zuvor irgendetwas gehört habe, was aber gerade in letzter Zeit mit diversen Aktionen Stimmung gegen Rechts macht. Das Bild von Musks Hiltergruß auf seine Firma bei Berlin projiziert habe sogar ich gesehen.

Also, es ist ein Buch über das, was die AfD vorhat, auf was wir uns also gefasst machen müssen, wenn sie mal an die Macht kommt. Es ist ja nicht, als würde die Partei damit hinter dem Berg halten. Keiner der Punkte, die Herr Ruch anführt, war wirklich neu für mich, aber es ist schon etwas anderes, sie wörtlich im Zitat zu lesen, plus der Konsequenzen und der (fehlenden) Reaktionen diverser Politiker, Institutionen oder der Presse darauf. Herr Ruch vertritt die Meinung, dass ein Verbot der AfD sicher ist, wenn es denn endlich mal zu einem Verfahren kommen würde - auch das ist nicht überraschend. Mit einem Programm, das die Abschaffung des Mehr-Parteienstaats vorsieht und die Entsorgung aller Menschen, die nicht auf Linie sind, ist man nicht verfassungskonform, und es ist vollkommen unverständlich, wie das noch irgendwer glauben kann.

Der Stil ist wütend und provokant, und darin liegt einerseits eine Schwäche für mich, weil das nicht meine Ausdrucksweise ist, und andererseits eine große Stärke, weil es deutlich macht, dass es okay ist, wütend zu sein über diese respektlosen Leute, denen ein Menschenleben nichts wert ist. Wütend sein bedeutet ja noch nicht, gleich brutal zu werden. Wütend zu sein, wenn Unrecht passiert, ist wichtig, denn das gibt die Kraft, dagegen zu kämpfen. Und die werden wir brauchen.

Es ist ein Buch, das mir Angst macht, es ist ein Buch, dass mein bis jetzt doch recht festes Vertrauen in die Funktionsfähigkeit unseres Staates erschüttert hat, und es ist ein Buch, das genau zu dem passt, was gerade passiert. Das Nicht-Veröffentlichen von Befunden, weil man "den Wahlkampf nicht beeinflussen will", die Idee, man könnte die AfD "politisch entzaubern" (ich weiß nichtmal, was das heißen soll, liebe CDU), und diese unsägliche "Wir können die AfD nicht verbieten/müssen sie wählen, sonst gibt es einen Bürgerkrieg"-Argumentation - und wenn schon. Nein, ich will keinen Bürgerkrieg. Ich will gar keine Art von Krieg, ich glaube nicht an Gewalt als Lösung für egal was. Aber was ist die Alternative? Wenn wir das Problem nicht in den Griff kriegen, oder im Gegenteil, die AfD noch stärken, wird es noch schlimmer werden als das. Sehr viel schlimmer.

Ja, es war anstrengend, es zu lesen. Ja, ich habe sogar Alpträume davon bekommen. Trotzdem war es wichtig, es zu lesen. Und als nächstes werde ich mir von der im Buch angegebenen Seite ein paar Beispiele besorgen, damit ich etwas in der Hand habe, wenn die nächste Diskussion stattfindet.

Das Buch endet mit der Hoffnung, dass etwas passiert. Dass wir es schaffen können, am wahrscheinlichsten über ein Verbot - dass wir stark genug sein werden, das zu stemmen. Irgendwie.

Klare Empfehlung für jeden, der sich kurz und hart informieren will.
blauerfalke: (erzählen)
von Florian Illies

Die Generation Golf ist die Generation, die zwischen 1965 und 1975 geboren wurde. Also quasi das Gleiche wie die Generation X, deren Definiton zwischen 1965 und 1980 besagt. Ein paar Jahre plus/minus machen es ja sicher nicht aus.

Herr Illies war 28, als er das Buch schrieb, was wahrscheinlich sehr gut ist, denn dann ist die Erinnerung an Kindheit und Jugend noch frisch. Zentrum dieser Zeit sind die 1980-Jahre, das angeblich langweiligste Jahrzehnt, das jemals existiert hat, und die 1990er, in der die Generation sich dann wirklich zu definieren begann. Sowas geht ja immer nur im Rückblick, denn erst im Rückblick entstehen erkennbare Muster.

Ich bin Gen X, und tatsächlich kenne ich jeden einzelnen Werbespruch des Buches, jede erwähnte Fernsehsendung und 95 % der erwähnten Prominenten (gerade das überrascht mich, denn darin war ich noch nie gut). Okay, ich musste nachschlagen, was eine Barbour-Jacke ist, aber, ja, ich hatte auch eine. In meiner Umgebung war sie allerdings kein begehrtes Modeaccessoire, sondern mehr das Erkennungskleidungsstück der Mädchen, die ritten. Die anderen hätten sowas nie getragen. Auch der VW Golf wäre mir nicht spontan als das Traumauto meiner Generation eingefallen, da war in unserem Abi-Jahrgang doch der Renault Twingo eher das, was alle haben wollten, aber vielleicht geht es da eher um die kindliche Prägung 10 Jahre vorher, die mir entgangen ist, weil meine Eltern (und auch ich) Opelfahrer waren (die bei Herrn Illies eher herbalassend belächelt werden).
Aber im Ganzen ist es doch deutlich erkennbar das Bild meiner Kindheit. Das Bild einer Generation der schönen neuen Markenwelt, in der die Frage Pelikan oder Geha zentral ist, die weder mit Atomprotest noch mit Umweltschutz etwas anfangen kann, und die sich schon gar nicht dafür interessiert, wer eigentlich grade Bundeskanzler ist, weil das doch sowieso immer Helmut Kohl ist und alles schon irgendwie laufen wird. Eine Generation, die alles mit "stimmt schon so" angehen kann, so lange nur die richtigen Klamotten verfügbar sind. Gen X verzeiht jedem alles, so lange er richtig gekleidet ist. Ja, auch diese Erfahrung habe ich gemacht, denn ich war es nicht und hatte auch kein Interesse daran.

Das langweiligste Jahrzehnt überhaupt - im Grund war es ein unvorstellbarer Luxus. Wir sind eine Generation, die mit Mitte 20 schon leben konnte wie unsere Eltern erst Mitte 40, eine Generation, die die Muße, den Schutz und die Sicherheit hatte, sich totale Oberflächlichkeiten zum Zentrum ihres Lebens zu machen, und darum auch nie wirklich erwachsen werden musste. Da das Buch von 2000 ist, kann es natürlich nicht die Frage beantworten, wie Gen X mit der heutigen Welt umzugehen in der Lage ist, die all das nicht mehr ist. Aber das werden wir noch herausfinden. Es wird sich nicht vermeiden lassen.

Im Grunde ist es ein oberflächliches Buch, genauso wie das Thema, das ihm zugrunde liegt. Ein Bericht über eine persönliche Kinder- und Jugendzeit, die nur als Porträt einer Generation dienen kann, weil damals andere Zeiten waren. Analogere Zeiten, langsamere Zeiten, in denen sich die Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen deutlich mehr glichen als sie das heute tun. Weniger Varianz den Biogaphien, darum erkennen sich sicher auch so viele in Herrn Illies Bericht wieder - schließlich ist das Buch ein Besteller, und ich wage zu bezweifeln, dass es für irgendwen, der nicht Gen X oder Sozialwissenschaftler ist, von Interesse ist.

Aber als Erinnerungsreise ist es nett. So ähnlich wie eine CD mit den Titelmelodien von Kinderserien aus derselben Zeit. Sehr begrenzte Zielgruppe sozusagen.

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